Was geschehen ist: Die Welt des Ingemar
Im Zentrum des neuen Romans „Mio und die Unsterblichkeit“ von Paulus Hochgatterer steht der sechzehnjährige Ingemar. Der Jugendliche leidet an spinaler Muskelatrophie vom Typ 2, einer fortschreitenden Erkrankung, die seinen Körper zunehmend schwächt. Mit einem Gewicht von lediglich 42 Kilogramm ist seine Mobilität extrem eingeschränkt. Ingemar kann sich nur noch minimal bewegen; während er Daumen und Zeigefinger bereits vor Monaten verloren hat, ist die Bewegungsfähigkeit seiner rechten Hand auf die letzten drei Finger begrenzt. Sein Alltag ist geprägt von körperlichem Verfall, Muskelzuckungen und der ständigen Abhängigkeit von seinem Pfleger Jack. Die Geschichte entfaltet sich als Ich-Erzählung, in der Ingemar seine Perspektive auf eine Welt schildert, die ihn oft auf seine Behinderung reduziert. Die Ankunft einer Katze, die seine Schwester Lori in die Familie bringt, verändert die Dynamik des Haushalts nachhaltig. Während die Familie das Tier „Maid Marian“ nennt, beharrt Ingemar auf dem Namen „Mio“, in Anlehnung an Astrid Lindgrens Märchenfigur. Dieser Akt der Benennung ist bezeichnend für Ingemars Versuch, in einer fremdbestimmten Existenz eigene Zeichen zu setzen. Der Roman, der auf 140 Seiten einen intensiven Mikrokosmos entwirft, beleuchtet dabei nicht nur das Schicksal des Jungen, sondern auch die moralischen Dilemmata seiner Umgebung, insbesondere im Hinblick auf medizinische Behandlungsmöglichkeiten und die Frage nach dem Wert des Lebens.
Die Einzelheiten: Zahlen, Namen und Orte
Der Roman ist im Zsolnay Verlag erschienen und umfasst 140 Seiten. Die Handlung spielt vermutlich in Niederösterreich, worauf der Reitstall von Ingemars elfjähriger Schwester Lori in Hürm hindeutet. Der Protagonist Ingemar, dessen Name möglicherweise auf den Skirennläufer Ingemar Stenmark anspielt, wird von Jack betreut, einem studierten Forstwirt, der den Rollstuhl des Jungen auf den Namen „Lamborghini“ getauft hat. Zu Ingemars Umfeld zählen neben den Eltern – die Mutter ist Psychotherapeutin, der Vater leitet das Bauamt der Diözese – auch der Neurologe Al-Wahidi, der aus dem Jemen stammt, sowie der Physiotherapeut Fred, ein ehemaliger Gewichtheber. Eine zentrale Rolle nimmt ein namenloser Vierundneunzigjähriger ein, der Ingemar wöchentlich besucht und ihn mit Aphorismen und Anekdoten aus dem 20. Jahrhundert konfrontiert, etwa von seinem ersten Schultag am 1. September 1939. Ein weiteres wichtiges Element ist das Medikament Nusinersen, das jährlich eine halbe Million Euro kostet und das Ingemar zunächst ablehnt, während seine Eltern und der Arzt auf die Behandlung drängen. Die Katze, die das Familienleben aufmischt, wird von Ingemar als „Mio“ bezeichnet, während seine Schwester sie „Maid Marian“ nennt. Der Autor Paulus Hochgatterer, Jahrgang 1961, war bis Ende 2025 Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Tulln.
Hintergrund: Die Vorgeschichte einer Krankheit
Ingemars Zustand ist das Ergebnis einer genetischen Vererbung; die spinale Muskelatrophie wurde ihm von seinen Eltern weitergegeben, was deren Leben massiv prägt und mit ständigen Schuldgefühlen belastet. Die Dynamik innerhalb der Familie ist komplex: Ingemar steht seinem Vater näher, während er zur Psychotherapeutin-Mutter ein distanziertes Verhältnis pflegt. Er bezeichnet ihre beruflichen Äußerungen als „Bedarfslüge“ und lehnt Psychotherapie grundsätzlich als eine Form der Abwehr des Denkens ab. Die Krankheit führt zu einer ständigen Verschlechterung, die sich für Ingemar unter der Haut wie „winzige Bürstchen“ anfühlt. Der alte Mann, der ihn besucht, dient als intellektueller Sparringspartner. Er liefert Ingemar Geschichten über das Leben, das dem Jungen selbst verwehrt bleiben wird, und fordert ihn heraus, wenn Ingemars Haltung zu egomanisch wirkt. Diese Begegnungen sind eingebettet in eine Welt, in der Ingemar sich oft unverstanden fühlt – entweder begegnen ihm Menschen mit einer „einfachen Sprache“, die ihn herabwürdigt, oder sie überfordern ihn mit philosophischen Werken. Dennoch findet er Trost in der Musik, etwa in Pete Seegers Protestsong „Little Boxes“, den er als genial empfindet.
Die Beteiligten: Ein Geflecht aus Betroffenen und Beobachtern
Die Akteure in Hochgatterers Roman sind eng miteinander verwoben. Ingemar fungiert als scharfsinniger, wenn auch körperlich eingeschränkter Beobachter. Seine Schwester Lori und ihre Mutter bilden eine Einheit, die sich intensiv um das Wohl der Katze sorgt, was Ingemar zu einer kritischen Reflexion über den Wert menschlichen Lebens gegenüber tierischem Leben anregt. Der Neurologe Al-Wahidi nimmt eine professionelle, aber menschlich ehrliche Rolle ein, indem er nicht vorgibt, alle Antworten auf die medizinischen Herausforderungen zu kennen. Der Physiotherapeut Fred bringt mit seiner Vergangenheit als Gewichtheber eine physische Komponente in die Behandlung, die Ingemar fasziniert. Der alte Mann ohne Namen fungiert als philosophisches Korrektiv, der Ingemars Hang zu geschwollenen Phrasen kritisiert und ihn zur Auseinandersetzung mit den großen Themen wie Gottesbeweisen und menschlicher Dummheit zwingt. Zudem spielt die junge Bäuerin Regina eine Rolle, die in Ingemar neue, seinem Alter entsprechende Gefühle weckt und ihn aus seiner rein intellektuellen Isolation herausführt. Schließlich ist da noch der Autor selbst, Paulus Hochgatterer, der durch seine langjährige medizinische Praxis am Universitätsklinikum Tulln eine tiefe Expertise in die Charakterzeichnung einfließen lässt.
Einordnung: Gerechtigkeit und Schicksal
Den Berichten zufolge ist der Roman weit mehr als eine Krankheitsgeschichte. Einzuordnen ist das Werk als eine tiefgreifende philosophische Auseinandersetzung mit der Endlichkeit. Der alte Mann im Roman bringt es auf den Punkt: Gerechtigkeit sei lediglich ein Wort für die unerfüllbare Sehnsucht, Schicksal und Herrschaft abzuschaffen. Hochgatterer nutzt Ingemar als Medium, um die Lächerlichkeit vieler Dinge aufzuzeigen, die wir im Alltag für bedeutsam halten. Die Figur des Ingemar ist dabei eine Herausforderung für den Leser, da er einerseits hochintelligent und manipulativ agiert, andererseits aber auch Züge trägt, die den Autor selbst widerspiegeln könnten, etwa seine Abneigung gegen Elon Musk und dessen Streben nach Gottgleichheit. Die Erzählung hinterfragt, ob moralisch korrektes Handeln in einer Gesellschaft, die politisch korrektes Reden bevorzugt, noch Platz findet. Die Katze Mio dient dabei als Katalysator, der die Familie zwingt, sich mit ihren eigenen Prioritäten auseinanderzusetzen. Hochgatterer gelingt es, durch die Linse eines körperlich beeinträchtigten Jugendlichen eine Welt zu zeigen, in der Gewissheiten ins Wanken geraten und die Frage nach dem Sinn des Lebens jenseits von Heilung oder Unsterblichkeit neu gestellt wird.
Offene Fragen: Was der Text nicht klärt
Der Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, die für das Verständnis der Handlung von Bedeutung wären. So bleibt offen, ob Ingemar tatsächlich nach dem Skirennläufer Ingemar Stenmark benannt wurde oder ob dies nur eine Vermutung bleibt. Auch die genauen Umstände des familiären Zusammenlebens und die langfristigen Auswirkungen der medizinischen Behandlung mit Nusinersen werden nicht detailliert ausgeführt; es wird lediglich erwähnt, dass Ingemar am Ende der Behandlung zustimmt, ohne dass der Ausgang der Therapie oder deren Erfolg beschrieben wird. Zudem bleibt die Identität des alten Mannes ohne Namen im Dunkeln – er erscheint als eine fast allegorische Figur, deren Herkunft und Verbindung zur Familie nicht weiter erläutert werden. Auch die Frage, wie sich die Beziehung zu Regina entwickelt und ob sie über flüchtige Vorstellungen von Nacktheit hinausgeht, bleibt der Interpretation des Lesers überlassen. Der Text konzentriert sich auf den Mikrokosmos der Familie und die philosophischen Dialoge, lässt aber die Außenwelt und die gesellschaftliche Einbettung des Schicksals von Ingemar weitgehend außen vor.
Wie es weitergeht: Ein Ausblick auf die Handlung
Der Roman endet mit der Zustimmung Ingemars zur Behandlung mit dem Medikament Nusinersen, nachdem er zuvor massiven Widerstand geleistet hatte. Dieser Schritt markiert eine Zäsur in der Geschichte, da er sich dem Willen seines Arztes und seiner Eltern beugt. Ob diese Entscheidung zu einer physischen Verbesserung führt oder lediglich den Druck auf den Jungen erhöht, bleibt offen. Die Erzählung schließt mit der Beobachtung, dass Ingemars Welt durch die Anwesenheit von Mio und die aufkeimenden Gefühle für Regina eine neue Komplexität erhalten hat. Die Zukunft des Protagonisten bleibt ungewiss, doch die literarische Kraft des Werks liegt in der Momentaufnahme dieses Lebens, das sich gegen die eigene Vergänglichkeit auflehnt. Die Leser werden mit der Erkenntnis zurückgelassen, dass die Suche nach Unsterblichkeit – sei es durch Medizin oder durch das Erzählen von Geschichten – ein zentraler menschlicher Antrieb bleibt, auch wenn das Schicksal selbst nicht abwendbar ist. Paulus Hochgatterer liefert mit diesem Werk einen Beitrag, der durch seine sprachliche Präzision und inhaltliche Dichte einen bleibenden Platz in der Literatur beansprucht.