Ein historisches Dilemma auf der Leinwand
Im Haager Mauritshuis stand ein berühmtes Gemälde im Zentrum einer fachlichen Kontroverse, die das Museumsteam in zwei Lager spaltete. Es geht um den „Stier“ von Paulus Potter, ein monumentales Werk aus dem Jahr 1647. Über eineinhalb Jahre hinweg arbeiteten die Restauratorinnen Abbie Vandivere und Jolijn Schilder an der Reinigung des stark vergilbten Bildes. Dabei stießen sie auf eine Entscheidung, die weit über das bloße Entfernen von Firnis hinausging: Was sollte mit einem kleinen, etwa 15 mal 15 Zentimeter großen Zweig geschehen, der über dem Rücken des Tieres an einem Eichenbaum prangte?
Dieser Zweig, bestehend aus sechs Blättern und einer Eichel, war kein Bestandteil des ursprünglichen Entwurfs von Potter. Er wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts während einer Restaurierung hinzugefügt, um eine Schadstelle zu kaschieren. In der Fachwelt als „franse tak“ (französischer Zweig) bekannt, löste er heftige Diskussionen aus. Während eine Seite den Zweig als Teil der historischen Überlieferung des Bildes bewahren wollte, argumentierten andere, dass er die vom Künstler beabsichtigte Komposition störe.
Der Kampf um die künstlerische Intention
Die Debatte im Museum erreichte eine solche Intensität, dass sie Sondersitzungen und die Einberufung externer Beratungsausschüsse erforderte. Die Befürworter des Zweigs argumentierten mit der historischen Bedeutung der späteren Ergänzung. Die Gegner hingegen – zu denen sich schließlich auch die Restauratorin Jolijn Schilder zählte – verwiesen auf Potters eigene Arbeitsweise. Bei der Untersuchung des Gemäldes wurden weitere Zweige entdeckt, die der Maler selbst angelegt und später wieder übermalt hatte. Dies deutete darauf hin, dass Potter bewusst Freiraum für den Himmel schaffen wollte.
Zudem offenbarte die Restaurierung handwerkliche Mängel des „französischen Zweigs“: Die Blätter waren perspektivisch ungenau und farblich nicht stimmig in den Baum integriert. Die Entscheidung fiel schließlich, nachdem eine digitale Rekonstruktion vorgeführt wurde. Diese zeigte, wie viel ausgewogener die Komposition ohne das zusätzliche Element wirkte. Der Zweig wurde übermalt, wobei sein Relief bei Streiflicht weiterhin als historisches Zeugnis erkennbar bleibt.
Pentimenti: Wenn der Künstler seine Meinung ändert
Neben dem „französischen Zweig“ stießen die Restauratorinnen auf zahlreiche sogenannte *Pentimenti* – Korrekturen, die der Künstler während des Malprozesses vornahm. Der Begriff leitet sich vom italienischen „bereuen“ ab. Potter, der als rastloser Maler bekannt war, änderte seine Bildkompositionen häufig. Da er viel Bleiweiß verwendete, das mit der Zeit transparenter wird, traten diese Korrekturen im Laufe der Jahrhunderte deutlicher hervor.
Besonders amüsant empfanden die Restauratorinnen die Korrekturen an der Anatomie des Stiers, die sie scherzhaft als „Pimmelpentimenti“ bezeichneten, da die ursprünglichen Umrisse der Hoden später verkleinert wurden. Auch ein geplanter Zaun zwischen dem Stier und einer Kuh wurde übermalt, ist jedoch heute nur noch schemenhaft sichtbar. Die Restauratorinnen entschieden hier von Fall zu Fall: Während manche Korrekturen den Entstehungsprozess dokumentieren und daher erhalten blieben, wurden andere, wie etwa am Horizont, entfernt, um die Bildwirkung nicht zu beeinträchtigen.
Einblicke in ein kurzes, intensives Künstlerleben
Paulus Potter schuf sein monumentales Stier-Gemälde im Alter von nur 22 Jahren. Das Werk ist ein herausragendes Beispiel für den holländischen Naturalismus. Seine Popularität stieg im 19. Jahrhundert massiv an, nachdem französische Revolutionstruppen das Bild 1795 geraubt hatten und es bis 1815 im Louvre ausgestellt war. Die Franzosen waren von der großformatigen Darstellung eines „ordinären Stücks Vieh“ fasziniert, was den Ruhm des Bildes nachhaltig festigte.
Potter hinterließ in seinem kurzen Leben von nur 28 Jahren etwa einhundert Gemälde. Sein früher Tod wird offiziell auf Tuberkulose zurückgeführt, doch Zeitgenossen sprachen von einem „Maldrang“, der ihn zeitlebens antrieb. Die Ergebnisse der aktuellen Restaurierung, bei der unter anderem auch die ursprüngliche, durch das Pigment Smalte beeinflusste Farbigkeit des Himmels wieder besser zur Geltung kommt, sollen der Öffentlichkeit am 15. Januar präsentiert werden. Ein im Zuge der Recherchen entdeckter „Bruder“ des Stiers – ein Fragment aus Irland – unterstreicht dabei die Bedeutung der forschenden Arbeit, die über die reine Konservierung hinausgeht.