Ein Meisterwerk unter dem Mikroskop
Im Haager Mauritshuis stand eines der bedeutendsten Werke der niederländischen Kunstgeschichte im Fokus einer aufwendigen Restaurierung. Paulus Potters „Stier“, ein monumentales Gemälde aus dem Jahr 1647, wurde über eineinhalb Jahre hinweg von den Restauratorinnen Abbie Vandivere und Jolijn Schilder bearbeitet. Das Ziel war die Entfernung von vergilbtem Firnis, alten Retuschen und störenden Übermalungen, um die ursprüngliche Intention des Künstlers wieder sichtbar zu machen.
Das 240 mal 340 Zentimeter große Werk gilt als Inbegriff des holländischen Naturalismus. Die detailreiche Darstellung des Tieres – von den Wimpern bis zu den blonden Locken zwischen den Hörnern – fasziniert das Publikum seit Jahrhunderten. Selbst Napoleon Bonaparte soll von dem großformatigen Rinderporträt beeindruckt gewesen sein, nachdem französische Truppen das Gemälde 1795 geraubt hatten. Bis 1815 war es im Louvre ausgestellt, was maßgeblich zu seiner internationalen Bekanntheit beitrug.
Der Streit um den „franse tak“
Während der Arbeiten stießen die Restauratorinnen auf ein unerwartetes Problem: einen etwa 15 mal 15 Zentimeter großen Zweig am Eichenbaum über dem Stier. Dieser war Ende des 18. Jahrhunderts hinzugefügt worden, vermutlich um eine Beschädigung zu kaschieren. In Fachkreisen wurde dieser „französische Zweig“ zum Gegenstand intensiver Diskussionen, die das Museumsteam zeitweise in zwei Lager spalteten.
Die Befürworter eines Erhalts argumentierten, der Zweig sei Teil der historischen Überlieferung des Bildes und handwerklich gut ausgeführt. Die Gegner hingegen verwiesen auf die künstlerische Absicht Potters. Untersuchungen zeigten, dass der Maler selbst ursprünglich Zweige an dieser Stelle platziert, diese jedoch wieder entfernt hatte, um dem Himmel mehr Raum zu geben. Zudem passten die Farbe und die perspektivische Größe der „französischen“ Blätter nicht zum restlichen Baum. Erst eine digitale Rekonstruktion, die die Wirkung des Bildes ohne den Zweig visualisierte, überzeugte die Skeptiker: Die Komposition wirkte plötzlich ausgewogener und die räumliche Tiefe nahm deutlich zu. Der Zweig wurde daraufhin übermalt, bleibt jedoch bei Streiflicht als Relief auf der Leinwand erkennbar.
Einblicke in den Schaffensprozess
Die Restaurierung förderte weitere Details über Potters Arbeitsweise zutage. Der Künstler, der nur 28 Jahre alt wurde, war für seine rastlose Arbeitsweise bekannt. Die Restauratorinnen entdeckten zahlreiche sogenannte *pentimenti* – sichtbare Korrekturen, die Potter während des Malprozesses vornahm. Da er Bleiweiß verwendete, das mit der Zeit transparent wird, traten diese Änderungen deutlicher hervor.
Einige dieser Spuren, wie die Umrisse eines ursprünglich geplanten Zauns oder die Korrekturen an den Hoden des Stiers (von den Restauratorinnen scherzhaft „Pimmelpentimenti“ genannt), wurden teilweise belassen, da sie den Entstehungsprozess des Bildes dokumentieren. Andere Eingriffe, wie die Konturen von Bauernhöfen am Horizont, wurden entfernt, da sie die Komposition zu stark störten.
Historischer Kontext und Forschungserfolge
Die Arbeiten am „Stier“ führten auch zu neuen Erkenntnissen über die Farbgebung des Werks. Der Himmel, der durch die Alterung des Pigments Smalte bräunlich-grau wirkte, leuchtet nach der Reinigung wieder in einem kräftigeren Blau. Ein besonderer Glücksfund gelang Jolijn Schilder zu Beginn der Arbeiten: Sie identifizierte ein bisher unbekanntes Fragment eines weiteren Potter-Gemäldes in Irland, das einen weißen Stier zeigt. Dieser Fund unterstreicht die Bedeutung von Potters Schaffen, der in seinem kurzen Leben rund hundert Gemälde hinterließ. Die Restaurierung im Mauritshuis hat somit nicht nur ein Publikumsliebling optisch aufgefrischt, sondern auch das Verständnis für die künstlerischen Entscheidungen eines der bedeutendsten Tiermaler der Niederlande vertieft.