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Raritäten der Klaviermusik: Die Frau schrieb weder trivial noch süßlich
Kultur · 27.08.2026 13:45

Raritäten der Klaviermusik: Die Frau schrieb weder trivial noch süßlich

Kurz: Das Festival 'Raritäten der Klaviermusik' in Husum rückt vergessene Komponisten wie die Dänin Hilda Sehested ins Rampenlicht und korrigiert Musikgeschichte.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Das renommierte Festival „Raritäten der Klaviermusik“, das jährlich im Schloss vor Husum stattfindet, hat sich erneut als ein entscheidendes Korrektiv für die europäische Musikgeschichtsschreibung erwiesen. In einer Zeit, in der der kommerzielle Musikbetrieb dazu neigt, das Repertoire auf wenige bekannte Namen zu verengen, bietet die Veranstaltung eine Plattform für Komponisten, die im akademischen Mainstream oft übersehen werden. In diesem Jahr rückte insbesondere die dänische Komponistin Hilda Sehested in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der Gründer und Leiter des Festivals, der Berliner Pianist Peter Froundjian, präsentierte Werke der 1858 geborenen und 1936 verstorbenen Dänin, die in Deutschland bislang kaum bekannt war. Die Aufführungen, darunter Erstaufführungen außerhalb Dänemarks sowie eine Uraufführung, zeigten eine Musik, die sich durch tiefen Ernst und eine bemerkenswerte harmonische Spannung auszeichnet. Damit unterstreicht das Festival seinen Ruf, abseits der ausgetretenen Pfade nach musikalischen Schätzen zu suchen und diese in den Kontext einer lebendigen, differenzierten Musikgeschichte zu stellen, die weit über die üblichen Kanons hinausreicht.

Die Einzelheiten – Fakten und Namen

Die Entdeckung von Hilda Sehesteds Werk begann eher zufällig vor etwa drei Jahren. Peter Froundjian besuchte den dänischen Musikwissenschaftler Bendt Viinholt Nielsen, der für seine Forschungen zu Rued Langaard bekannt ist. Beim Abschied überreichte Nielsen dem Pianisten Kopien von Klavierstücken Sehesteds, die gerade für eine Erstausgabe ediert worden waren. Froundjian recherchierte daraufhin intensiv und fand heraus, dass Sehested bei Orla Rosenhoff studiert hatte, dem Lehrer von Carl Nielsen. Da sich die Suche nach einem anderen Interpreten als schwierig erwies, übernahm Froundjian selbst den Klavierabend. Auf dem Programm standen unter anderem der „Blättertanz“ (Bladenes Dans) von 1906 sowie vier Nummern aus den „Acht Klavierstücken“ von 1915/16. Das Stück „Bekenntnis“ wurde in Husum sogar uraufgeführt. Neben Sehested spielten weitere Künstler wie der russisch-litauische Pianist Lukas Geniušas, der Werke des früh verstorbenen Alexej Stantschinsky interpretierte, und Claire Huangci, die die „Fantasie nègre Nr. 2“ der afroamerikanischen Komponistin Florence Price präsentierte. Die historische Einordnung der Musik von Sehested stützt sich zudem auf eine Rezension der „Bonner Konzert- und Theaterzeitung“ aus dem Jahr 1911, die der Komponistin eine bemerkenswerte Ernsthaftigkeit und eine Abkehr vom Trivialen bescheinigte.

Hintergrund – Die Geschichte der Wiederentdeckung

Die Bedeutung des Husumer Festivals liegt in seiner vierzigjährigen Geschichte, in der es sich konsequent gegen den Mainstream positioniert hat. Peter Froundjian hat das Festival mit dem Ziel etabliert, die akademische Verengung des Musikbetriebs aufzubrechen. Die Musikgeschichte, so die Philosophie des Festivals, ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Innovationen, sondern ein komplexes Geflecht aus Resonanz und gegenseitiger Beeinflussung. Im Fall von Hilda Sehested zeigt sich dies besonders deutlich: Ihre Musik weist Bezüge zu Johannes Brahms auf, steigert die tonalen Spannungen jedoch bis an die Grenze zur Bitonalität. Die historische Verdrängung solcher Werke führt Froundjian auf eine spezifische deutsche Entwicklung nach 1945 zurück. Die Ausrichtung an der Zweiten Wiener Schule um Arnold Schönberg sei in Westdeutschland so rigoros erfolgt, dass tonale Spielarten der Moderne systematisch an den Rand gedrängt wurden. Während in Skandinavien oder dem anglophonen Raum eine größere Offenheit gegenüber diesen Strömungen herrschte, wurden Komponistinnen wie Sehested durch eine männlich dominierte Moderne, die den Begriff des Heroischen in den Vordergrund stellte, zum Schweigen gebracht.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum des Geschehens steht der Pianist Peter Froundjian, der als Gründer und Leiter des Festivals seit vier Jahrzehnten die programmatische Ausrichtung verantwortet. Er versteht Musikgeschichte nicht als rein theoretisches Konstrukt, sondern als sensomotorisch erschlossenes Wissen, das er durch die praktische Auseinandersetzung mit den Noten gewinnt. Der Musikwissenschaftler Bendt Viinholt Nielsen fungierte als wichtiger Impulsgeber für die Sehested-Entdeckung. Auf der Bühne agierten neben Froundjian selbst der Pianist Lukas Geniušas, der die Musik von Alexej Stantschinsky – einem Freund Alexander Skrjabins – mit großer Ruhe und technischer Finesse interpretierte. Auch Claire Huangci trug mit ihrem Programm zur Vielfalt bei. Die historische Einordnung der Komponistin Hilda Sehested wird durch zeitgenössische Quellen wie die „Bonner Konzert- und Theaterzeitung“ von 1911 untermauert. Zudem wird das Label Danacord erwähnt, das eine Auswahl des Raritätenprogramms von 2025, unter anderem mit Werken von Amy Beach, veröffentlicht hat. Diese Akteure bilden ein Netzwerk, das sich der Bewahrung und Wiederentdeckung vergessener musikalischer Stimmen widmet.

Einordnung – Die Bedeutung der Musik

Einzuordnen ist das Schaffen von Hilda Sehested, den Berichten zufolge, als eine hochgradig eigenständige Stimme, die sich bewusst von der damals populären, malerischen Idylle skandinavischer Musik absetzte. Während viele Zeitgenossen auf farbenprächtige, gefällige Klänge setzten, suchte Sehested nach einer strukturellen Tiefe, die den Hörer zur Parteinahme zwingt. Die Musik verlangt nach einer Entscheidung zwischen tonalen Zentren, was sie als schmerzhaft und zugleich eindringlich erscheinen lässt. Froundjian betont, dass es ihm bei der Auswahl der Stücke nicht nur darum gehe, historische Einflüsse aufzuzeigen, sondern die jeweilige Persönlichkeit in ihrem eigenen Recht zu würdigen. Das Motto „Vive la différence!“ steht dabei für den Respekt vor der individuellen kompositorischen Handschrift. Die Einordnung der Musik von Florence Price, die das Liszt-Modell der Rhapsodien aus afroamerikanischer Perspektive transformierte, zeigt zudem, wie das Festival globale kulturelle Aneignungsprozesse reflektiert und damit den eurozentrischen Blick auf die Musikgeschichte erweitert.

Offene Fragen – Was bleibt unbeantwortet

Der Quelltext lässt einige Aspekte der Lebensgeschichte von Hilda Sehested und anderen vorgestellten Komponisten offen. So wird zwar erwähnt, dass Sehested aus einer adligen Familie auf dem Gut Broholm stammte und als Tochter eines Archäologen geboren wurde, doch wie genau ihr Alltag als Komponistin in der dänischen Gesellschaft des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts aussah, bleibt im Dunkeln. Auch die genauen Gründe, warum ihre Musik nach einer gewissen Anerkennung im Wilhelminismus so gründlich aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand, werden nur durch die allgemeine Theorie einer „heroischen Moderne“ erklärt; eine detaillierte Analyse ihrer persönlichen Korrespondenz oder spezifischerer biografischer Hürden fehlt. Ebenso bleibt bei Alexej Stantschinsky die Frage offen, wie sein Werk in den Kontext der russischen Revolution und der damit verbundenen gesellschaftlichen Umbrüche einzuordnen ist, die sein kurzes Leben (er starb 1914 mit 26 Jahren) maßgeblich beeinflussten. Die Texte konzentrieren sich primär auf die musikalische Analyse und die Rezeptionsgeschichte durch das Festival, lassen aber die soziopolitischen Hintergründe der jeweiligen Entstehungszeit weitgehend aus.

Wie es weitergeht – Ausblick und Termine

Das Festival „Raritäten der Klaviermusik“ setzt seine Arbeit der Aufarbeitung und Präsentation vergessener Werke kontinuierlich fort. Die Veröffentlichung einer Auswahl des Programms von 2025 beim dänischen Label Danacord markiert einen Schritt, um diese Musik auch über die Live-Aufführungen im Schloss vor Husum hinaus einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Peter Froundjian deutet an, dass die Suche nach solchen „Gegen- und Seitenströmen“ der Musikgeschichte ein fortlaufender Prozess ist. Da das Festival bereits auf vier Jahrzehnte Beständigkeit zurückblickt, ist davon auszugehen, dass auch in den kommenden Jahren weitere Komponisten und Komponistinnen – ähnlich wie Sehested oder Stantschinsky – aus den Archiven geholt werden. Konkrete Termine für zukünftige Uraufführungen oder spezifische Namen für das nächste Programm werden im Text nicht genannt, doch die Methode der „klingenden Archivarbeit“ bleibt der Kern der zukünftigen Festivalausgaben. Die Offenheit, die das Festival gegenüber tonalen Spielarten der Moderne zeigt, bleibt dabei der leitende Kompass für die weitere Programmgestaltung, um die Vielfalt der Musikgeschichte auch in Zukunft zu bewahren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/elegante-klavierauffuhrung-in-schwarz-und-weiss-30175901/ · Foto: Alina Chernii
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/raritaeten-der-klaviermusik-entdecken-hilda-sehested-accg-201163124.html