Die neue Strategie im Umgang mit der AfD
Zwei Wochen nachdem der „Spiegel“ den Landtagsabgeordneten Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt durch eine prominente Titelgeschichte in den Fokus rückte, hat nun auch der „Stern“ eine Ausgabe mit der AfD als zentralem Thema veröffentlicht. Die Inszenierung des Magazins unterscheidet sich dabei grundlegend von der der Hamburger Kollegen. Während dem „Spiegel“ vorgeworfen wurde, den Politiker zum Schreckgespenst hochzustilisieren, wählt der „Stern“ einen bewussten Gegenentwurf. Unter der Überschrift „Die AfD-Falle – Wie Panik die rechtsextreme Partei noch größer macht“ plädiert das Magazin für einen gelasseneren Umgang mit der rechtsextremen Partei. Die Kernbotschaft lautet, dass eine ständige Alarmstimmung der AfD eine Macht verleihe, die sie für frustrierte Wähler erst recht attraktiv erscheinen lasse. Die Redaktion warnt davor, dass die mediale „Untergangslust“ die liberale Demokratie nicht stärke, sondern die Akteure demotiviere, die eigentlich zu deren Schutz fähig wären. Der „Stern“ fordert stattdessen eine souveräne Haltung der politischen Mitte, die sich auf die Widerstandskraft der Institutionen verlässt, anstatt auf jedes Signal der Partei mit Hysterie zu reagieren.
Details zur medialen Auseinandersetzung
Die Berichterstattung des „Stern“ stützt sich auf einen Essay der Autoren Martin Debes, Veit Medick und Jan Rosenkranz. Sie führen an, dass die Gewaltenteilung und die trägen Strukturen der Bundesrepublik als Lebensversicherung gegen autoritäre Bestrebungen fungieren. Die Autoren kritisieren, dass die Medien durch einen „Sound der Katastrophe“ die Partei in einen Rausch der Eigenmächtigkeit versetzen. Ein konkretes Beispiel für den neuen Kurs ist das Porträt über Ulrich Siegmund, verfasst von Martin Debes. Der Reporter begleitete den Spitzenkandidaten der AfD für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bei einer Wahlkampfveranstaltung in Wittenberg. Siegmund, der den Reporter wiedererkannte, zeigte sich dabei in einer gelassenen Stimmung, die der „Stern“ als „Wahlkampf wie im Rausch“ beschreibt. Die Kritik an anderen Medienformaten bleibt dabei nicht aus: So wird die Hilflosigkeit der Interviewer von ARD und ZDF bei deren routinierten Entzauberungsversuchen als Beispiel für mangelnde Souveränität angeführt. Der „Stern“ versucht sich hier als besonnene Alternative zu positionieren, die zwar die Gefahren der AfD nicht leugnet, aber den medialen Fokus auf die Resilienz des Systems verlagert.
Der historische Kontext der Berichterstattung
Die aktuelle Positionierung des „Stern“ ist nicht frei von Widersprüchen, wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Chefredakteur Gregor Peter Schmitz räumt in seinem Editorial ein, dass das Magazin in den vergangenen Jahren selbst zur Mythenbildung beigetragen hat. Im Jahr 2022 wurde Giorgia Meloni auf dem Titelblatt als „gefährlichste Frau Europas“ inszeniert, 2023 folgte Alice Weidel als Covergirl. Schmitz rechtfertigt diese Entscheidungen rückblickend mit der Überzeugung, dass ein Ignorieren der Partei keine wirksame Strategie sei. Er gibt zu, dass man wusste, die Politiker in einem Print-Interview nicht entzaubern zu können, hielt das jedoch für alternativlos. Die nun ausgerufene Strategie der Gelassenheit steht somit in einem spannungsreichen Kontrast zur bisherigen Praxis. Der Chefredakteur äußert zudem Mitleid für den „Spiegel“, der für seine jüngste AfD-Titelgeschichte stark kritisiert wurde. Diese Verbundenheit ist auch biographisch begründet, da Schmitz selbst eine längere berufliche Vergangenheit beim „Spiegel“ hat, was die interne Zerrissenheit über den richtigen medialen Umgang mit der AfD verdeutlicht.
Die Akteure und ihre Rollen
Im Zentrum der Debatte stehen die großen deutschen Medienhäuser, allen voran der „Spiegel“ und der „Stern“. Der „Spiegel“ agiert hierbei als Kontrastfolie, an der sich der „Stern“ abarbeitet. Auf der politischen Seite ist Ulrich Siegmund als Akteur präsent, der die mediale Aufmerksamkeit für seine Zwecke nutzt. Die Autoren des „Stern“-Essays, Martin Debes, Veit Medick und Jan Rosenkranz, fungieren als intellektuelle Vordenker der neuen Strategie, während Chefredakteur Gregor Peter Schmitz die redaktionelle Linie verantwortet. Schmitz nimmt eine vermittelnde Rolle ein, indem er einerseits den „Spiegel“ in Schutz nimmt, andererseits aber eine neue, zuversichtlichere Tonalität einfordert. Die interviewenden Journalisten von ARD und ZDF werden als Akteure wahrgenommen, die in ihren Bemühungen, die AfD zu entzaubern, an ihre Grenzen stoßen. Diese Akteurskonstellation zeigt, wie eng die mediale Inszenierung und das politische Handeln der AfD miteinander verwoben sind, wobei die Medien selbst zu einem Teil der politischen Dynamik geworden sind.
Einordnung der medialen Strategiewechsel
Einzuordnen ist der neue Kurs des „Stern“ als Versuch, sich aus der Falle der „AfD-Panik“ zu befreien, ohne dabei in die Verharmlosung abzugleiten. Den Berichten zufolge besteht das Risiko, dass der Appell zur Gelassenheit als Vertrauen auf die Resilienz des politischen Systems missverstanden werden könnte. Kritiker könnten dem „Stern“ vorwerfen, dass er sich zu sehr auf die „trägen Strukturen“ verlässt, die angeblich Revolutionsversuche verhindern. Dennoch distanziert sich das Magazin klar von jenen Stimmen, die fordern, die Brandmauern einzureißen oder das Programm der AfD zu übernehmen. Die Strategie des „Stern“ ist ein Balanceakt: Man will die AfD stetig herausfordern, ohne dabei das Geschäft derer zu betreiben, die durch Angstmacherei die Partei ungewollt stärken. Ob diese „Zuversicht statt Angst“ eine tragfähige journalistische Haltung ist oder lediglich eine neue Form des „Einerseits-Andererseits“, bleibt Gegenstand der medienpolitischen Diskussion. Es zeigt sich deutlich, dass die Medienhäuser nach wie vor nach einem angemessenen Umgang suchen, der weder in Hysterie noch in naive Ignoranz verfällt.
Offene Fragen zur Wirksamkeit
Der Quelltext lässt mehrere Fragen offen, die für die Beurteilung der neuen Strategie entscheidend wären. Es bleibt unklar, wie genau der „Stern“ seine neue Devise in der täglichen Praxis umsetzen will, jenseits der aktuellen Titelgeschichte. Auch die Frage, ob die „Strategie der Nichtbeachtung“, die Schmitz in der Vergangenheit ansprach, jemals eine ernsthafte Option war oder nur ein theoretisches Konstrukt, wird nicht abschließend geklärt. Zudem bleibt offen, wie die Leser auf diesen Kurswechsel reagieren und ob die erhoffte „Zuversicht“ tatsächlich dazu führt, dass die mediale Aufmerksamkeit für die AfD abnimmt oder ob sie nur anders kanalisiert wird. Die konkreten Auswirkungen auf die politische Wahrnehmung der Partei durch die Wähler werden im Text nicht bewertet. Auch bleibt die Frage unbeantwortet, ob der „Stern“ seine bisherige Praxis der emotionalen Cover-Inszenierungen dauerhaft ablegen kann oder ob der ökonomische Druck des Wettbewerbs dies langfristig verhindert. Die Lücke zwischen dem theoretischen Anspruch der Autoren und der tatsächlichen Marktdynamik bleibt eine offene Flanke für das Magazin.