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Postident mit AutoID: Deutsche Post trainiert ihre KI mit Ausweisfotos
Technik · 26.08.2026 14:58

Postident mit AutoID: Deutsche Post trainiert ihre KI mit Ausweisfotos

Kurz: Die Deutsche Post nutzt das Postident-Verfahren AutoID, um Ausweisdaten und Gesichtsscans für das Training ihrer KI-Modelle zu sammeln. Nutzer zeigen sich kriti

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Deutsche Post hat ihr Identifizierungsverfahren Postident um die Option AutoID erweitert, die eine automatisierte Identitätsprüfung mittels Smartphone-App ermöglicht. Dabei werden Nutzer dazu aufgefordert, ihre persönlichen Daten, bestehend aus Ausweisdokumenten und einem biometrischen Gesichtsscan, für das Training von KI-Sprachmodellen zur Verfügung zu stellen. Die Problematik liegt in der Kopplung des Dienstes an diese Einwilligung: Wer den Prozess der automatisierten Identifizierung nutzen möchte, muss zwingend der Datennutzung zu Zwecken der Qualitätssicherung und des KI-Trainings zustimmen. Ein Fortfahren ohne diese Zustimmung ist technisch nicht vorgesehen, da der entsprechende Button erst nach Aktivierung des Schiebereglers für die KI-Datennutzung freigeschaltet wird. Während die DHL Group betont, dass es sich um ein freiwilliges Angebot handle, da Nutzer auf andere Identifizierungswege ausweichen könnten, empfinden viele Anwender dies als Zwang. Die Praxis wirft grundlegende Fragen zur Datensouveränität und zur Transparenz bei der Nutzung hochsensibler biometrischer Daten auf, die nun in den Trainings-Pool des Logistikkonzerns fließen, um die Zuverlässigkeit der automatisierten Entscheidungssysteme langfristig zu sichern.

Die Einzelheiten des Verfahrens

Der Prozess von AutoID beginnt mit der Aufnahme von Fotos der Vorder- und Rückseite des Personalausweises über die Postident-App. Im Anschluss folgt ein Selfie-Video, bei dem die App den Nutzer durch spezifische Kopfbewegungen leitet, um die Identität biometrisch abzugleichen. Laut einem Werbe-Erklär-Video der DHL Group prüft das System dabei automatisiert die erfassten Daten, die Sicherheitsmerkmale des Dokuments sowie die Echtheit der Aufnahmen. Ein Nutzer namens Jochen G. berichtete, dass er vor Beginn des eigentlichen Identifizierungsvorgangs dazu aufgefordert wurde, seine Daten für das Training der KI-Modelle freizugeben. Ohne das Aktivieren des Schiebereglers für die „Qualitätssicherung“ lässt sich der „Einwilligen“-Button nicht betätigen. Die DHL Group rechtfertigt diesen Schritt damit, das Risiko eines schrittweisen Qualitätsverlustes auszuschließen. Ohne eine fortlaufende Aktualisierung der Trainingsdaten könne die Verlässlichkeit der Ergebnisse beeinträchtigt werden. Der Konzern versichert zudem, dass die Daten ausschließlich intern verwendet würden und die Einwilligung nur im Kontext von AutoID abgefragt werde. Zur Speicherdauer macht das Unternehmen Angaben von maximal 180 Tagen, wobei eine Kontakt-E-Mail-Adresse für den Widerruf der Einwilligung bereitgestellt wird.

Hintergrund und Entwicklung

Die Strategie der Deutschen Post zur Nutzung von Identitätsdaten hat sich in den vergangenen Jahren signifikant gewandelt. Noch bis zum Jahr 2023 sah die Datenschutzerklärung des Konzerns vor, dass zur Weiterentwicklung der Software zur automatischen Entscheidungsfindung keinerlei personenbezogene Daten verwendet werden durften. Stattdessen stützte man sich auf öffentliche Beispieldatensätze sowie anonymisierte Daten aus bereits abgeschlossenen Identifikationsvorgängen. Diese strikte Trennung zwischen operativem Betrieb und Softwareentwicklung wurde nun aufgegeben. Die DHL Group begründet diese Änderung mit der Notwendigkeit, die KI-Modelle kontinuierlich mit aktuellen Daten zu füttern, um die Qualität der automatisierten Prozesse hochzuhalten. Diese Entwicklung hin zur aktiven Nutzung von Kundendaten für das KI-Training markiert eine Abkehr von der ursprünglichen Philosophie der Datensparsamkeit. Während der Dienst AutoID bereits seit einigen Jahren, etwa bei Anbietern wie Congstar seit 2019, im Einsatz ist, scheint die Integration der KI-Trainingskomponente eine neuere Ergänzung zu sein, die nun zunehmend in den Fokus der öffentlichen Kritik rückt.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum der Debatte steht der Konzern DHL Group, der als Betreiber von Postident die technologischen Rahmenbedingungen vorgibt und die KI-Modelle trainiert. Auf der anderen Seite stehen die Nutzer, vertreten durch Personen wie Jochen G., die den Dienst in Anspruch nehmen müssen, beispielsweise für die Eröffnung eines Bankkontos oder den Abschluss eines Mobilfunkvertrags. Der Datenschutz-Experte Christian Aretz bewertet die rechtliche Situation und weist darauf hin, dass die Post grundsätzlich nach einer Einwilligung fragen dürfe. Er betont jedoch die Anforderungen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), insbesondere das Recht auf Widerruf der Einwilligung. Auf behördlicher Seite ist die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit des Landes Nordrhein-Westfalen involviert, die laut Angaben der Post im Vorfeld keine Bedenken gegen das Verfahren geäußert habe. Die Presseabteilung der DHL Group fungiert als Sprachrohr des Konzerns, verteidigt die Praxis als freiwilliges Angebot und verweigert unter Verweis auf Wettbewerbsgründe die Nennung konkreter Nutzerzahlen für das AutoID-Verfahren.

Einordnung der Praxis

Einzuordnen ist das Vorgehen der Deutschen Post als ein Beispiel für die zunehmende Kommerzialisierung und Verwertung von Identitätsdaten im digitalen Raum. Kritiker sehen darin einen Eingriff in die Datensphäre, da die Kombination aus Ausweisdaten und biometrischen Gesichtsscans besonders sensibel ist. Dass die Zustimmung zum KI-Training zur Voraussetzung für die Nutzung eines Standarddienstes gemacht wird, wird von Betroffenen als Nötigung empfunden. Den Berichten zufolge ist die rechtliche Zulässigkeit zwar durch die Wahlmöglichkeit anderer Verfahren – etwa dem Gang in die Filiale oder der Nutzung der eID-Funktion – gegeben, doch bleibt die praktische Hürde für den Nutzer bestehen. Die Argumentation der Post, dass nur durch die Speicherung im Trainingsdatensatz die Qualität der KI gesichert werden könne, steht im direkten Konflikt mit dem Wunsch vieler Nutzer nach Datensparsamkeit. Die Tatsache, dass der Konzern die Daten nun für eigene KI-Modelle persistiert, stellt eine deutliche Verschiebung der bisherigen Datenschutzstandards dar, die noch vor wenigen Jahren eine solche Nutzung explizit ausschlossen.

Offene Fragen und Lücken

Der vorliegende Quelltext lässt einige zentrale Fragen unbeantwortet, die für eine umfassende Bewertung des Verfahrens wichtig wären. So bleibt unklar, wie genau die Deutsche Post technisch sicherstellt, dass personenbezogene Daten nach einem Widerruf der Einwilligung tatsächlich und vollständig aus den trainierten KI-Modellen entfernt werden können. Die DSGVO fordert eine solche Löschbarkeit, doch die technische Umsetzung bei komplexen KI-Modellen ist in der Fachwelt höchst umstritten. Zudem ist nicht bekannt, wie viele Nutzer tatsächlich der Datennutzung zustimmen und wie viele aufgrund dieser Bedingung das Verfahren abbrechen. Ebenso fehlen Informationen darüber, ob und in welchem Umfang die KI-Modelle nach dem Training auch für andere Zwecke außerhalb der reinen Identitätsprüfung eingesetzt werden könnten. Die DHL Group hält sich bezüglich der Nutzerzahlen bedeckt, was eine Einschätzung der Relevanz und der Verbreitung von AutoID im Vergleich zu traditionellen Methoden erschwert. Auch bleibt offen, ob die Landesbeauftragte für Datenschutz in NRW die spezifische Kopplung von Identifizierung und KI-Training nach der Implementierung noch einmal einer tiefergehenden Prüfung unterzogen hat.

Wie es weitergeht

Die Debatte um die Datennutzung bei Postident dürfte anhalten, da die DHL Group das AutoID-Verfahren als ein Modell mit wachsender Nutzerzahl bewirbt. Da der Konzern an der Strategie der kontinuierlichen Aktualisierung der Trainingsdaten festhält, ist nicht mit einer Abkehr von der Praxis zu rechnen, sofern kein regulatorischer Druck von Aufsichtsbehörden ausgeübt wird. Nutzer, die ihre Daten schützen wollen, haben derzeit nur die Möglichkeit, auf alternative Identifizierungsmethoden auszuweichen. Besonders die eID-Funktion des Personalausweises wird als datensparsame und sichere Alternative hervorgehoben, die ohne die Preisgabe biometrischer Daten an den Konzern auskommt. Es bleibt abzuwarten, ob die Deutsche Post auf den wachsenden öffentlichen Druck reagiert und etwa die Einwilligung zum KI-Training von der eigentlichen Identifizierung entkoppelt oder die Transparenz über den Verbleib der Daten weiter erhöht. Aktuell gibt es keine angekündigten Änderungen am Prozessablauf, sodass die bisherige Kopplung der Dienste bis auf Weiteres bestehen bleibt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-menschen-schreibtisch-buro-3966800/ · Foto: Andrea Piacquadio
Quelle: https://netzpolitik.org/2026/postident-mit-autoid-deutsche-post-greift-nach-daten-fuer-ki-training/