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Man kann eine "40-Prozent-Partei nicht mal eben verbieten"
Schlagzeilen · 30.08.2026 17:00

Man kann eine "40-Prozent-Partei nicht mal eben verbieten"

Kurz: Der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel warnt vor einem AfD-Verbotsverfahren und kritisiert die bisherige Strategie der Brandmauer als inhaltlich leblos.

Eine politische Bestandsaufnahme zur Stärke der AfD

Die politische Landschaft in Deutschland, insbesondere in den östlichen Bundesländern, steht vor einer Zäsur. Angesichts aktueller Umfragewerte, die die AfD in Sachsen-Anhalt bei einer Zustimmung von etwa 40 Prozent sehen, wächst die Sorge um die Stabilität der demokratischen Institutionen. Der ehemalige SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel hat sich in diesem Kontext kritisch mit der aktuellen Strategie der etablierten Parteien auseinandergesetzt. In einem ausführlichen Interview mit dem ZDF analysiert er die Gründe für den beachtlichen Zuspruch zur AfD und hinterfragt die Wirksamkeit der sogenannten Brandmauer. Gabriel betont dabei, dass eine Partei, die in einem Bundesland einen derart hohen Wähleranteil erreicht, nicht einfach durch ein juristisches Verbot aus dem politischen Diskurs entfernt werden kann. Sein Plädoyer richtet sich vielmehr auf eine inhaltliche Auseinandersetzung, die seiner Ansicht nach in den vergangenen Jahren sträflich vernachlässigt wurde. Die Debatte um den Umgang mit der AfD ist damit um eine prominente Stimme reicher, die sowohl die eigene politische Riege als auch die gesellschaftliche Dynamik in Ostdeutschland in den Fokus rückt.

Die Hintergründe des Umfragehochs in Sachsen-Anhalt

Die Ursachen für die hohe Zustimmung zur AfD in Sachsen-Anhalt sind laut Gabriel vielschichtig und tief in der gesellschaftlichen Befindlichkeit verwurzelt. Er beschreibt die Partei als eine Art kulturelle Bewegung, die insbesondere in Ostdeutschland ein Gefühl von Stolz und Selbstbehauptung vermittelt. Viele Wählerinnen und Wähler hätten den Eindruck, durch die Unterstützung der AfD ihre Identität gegenüber einer als bevormundend wahrgenommenen westdeutschen Elite zu verteidigen. Es gehe dabei weniger um das konkrete Parteiprogramm als vielmehr um ein symbolisches Signal. Die AfD fungiere in diesem Gefüge als ein Blitzableiter für Unzufriedenheit und als Werkzeug, um die bestehenden politischen Verhältnisse grundlegend infrage zu stellen. Gabriel stellt fest, dass die Wähler den Wunsch verspüren, die etablierten Strukturen sprichwörtlich auf den Kopf zu stellen. Dabei werde jedoch oft nicht bedacht, welche konkreten Auswirkungen eine solche Zerschlagung des Systems auf die Stabilität der Demokratie hätte. Die Partei wird somit nicht primär wegen ihrer politischen Konzepte gewählt, sondern als Protestinstrument gegen das als unzureichend empfundene demokratische System.

Kritik an der Strategie der Brandmauer

Ein zentraler Punkt in Gabriels Analyse ist die Kritik am Umgang der etablierten Parteien mit der AfD. Er räumt ein, dass die Brandmauer als Instrument zur Abgrenzung gegenüber antidemokratischen Kräften zwar prinzipiell ihre Berechtigung habe, in der Praxis jedoch zu einer inhaltlichen Leere geführt habe. Anstatt die AfD politisch herauszufordern und ihre Argumente in der Debatte zu entkräften, hätten sich die demokratischen Parteien hinter dem Schlagwort der Brandmauer verschanzt. Dies habe der AfD paradoxerweise in die Hände gespielt, da sie sich in dieser Rolle bequem einrichten konnte. Gabriel bezeichnet es als Fehler, dass die inhaltliche Auseinandersetzung unterblieb. Die AfD habe von der Weigerung der anderen Parteien, mit ihr zu debattieren, profitiert, da sie so den Anschein einer exklusiven Oppositionsposition wahren konnte. Die Brandmauer sei somit zu einer bloßen Floskel verkommen, die zwar eine Grenze ziehe, aber keinen politischen Mehrwert im Ringen um die Wählergunst biete.

Die Rolle von Hass und Sprache in der Politik

Ein weiterer besorgniserregender Aspekt, den Gabriel im Interview hervorhebt, ist die rhetorische Strategie der AfD. Er sieht in der Verbreitung von Hass einen zentralen Motor der Partei. Die Sprache, die von AfD-Vertretern wie Alice Weidel verwendet wird – etwa die Bezeichnung politischer Gegner als Flachzangen –, sei kein bloßes Stilmittel, sondern Ausdruck einer bewussten Strategie. Gabriel warnt eindringlich davor, dass die tägliche Appellation an den sogenannten inneren Schweinehund der Menschen langfristig gefährliche Folgen hat. Die Geschichte habe gezeigt, dass am Ende einer Rhetorik des Hasses regelmäßig Gewalt stehe. Er zeigt sich besorgt darüber, dass die AfD nicht nur gegen andere Parteien, sondern gegen die Demokratie als solche agiert. Diese verhasste Haltung gegenüber dem System und Andersdenkenden bereite den Boden für eine zunehmende Radikalisierung, die weit über das parlamentarische Tagesgeschäft hinausgehe und das gesellschaftliche Klima nachhaltig vergiften könne.

Die Grenzen eines Verbotsverfahrens

Die Frage nach einem Parteienverbot wird in der aktuellen Debatte immer wieder laut, doch Gabriel äußert sich hierzu skeptisch. Er bezweifelt, dass das Bundesverfassungsgericht ein solches Verfahren positiv bescheiden würde, da die AfD aus seiner Sicht nicht durchgängig und in der erforderlichen Weise aggressiv-kämpferisch gegen die Bundesrepublik Deutschland vorgehe, wie es für ein Verbot notwendig wäre. Dennoch betont er, dass die Partei zweifellos verfassungsfeindlich agiere. Es gebe zahlreiche Anzeichen dafür, dass wichtige Repräsentanten der AfD – er nennt hier explizit Björn Höcke – die freiheitlich-demokratische Grundordnung aktiv untergraben. Gabriel plädiert jedoch dafür, die vorhandenen Instrumente des Rechtsstaates konsequenter zu nutzen, anstatt sofort die große Keule eines Verbotsverfahrens zu schwingen. Dazu gehören die Arbeit des Verfassungsschutzes, die Möglichkeit, verfassungsfeindliche Personen aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen, sowie die Option, ihnen die Beteiligung an Wahlen zu untersagen. Er zeigt sich erstaunt darüber, dass diese Mittel unterhalb der Verbotsschwelle bisher nicht ausreichend ausgeschöpft wurden.

Die Gefahr für die demokratische Substanz

Einzuordnen ist Gabriels Kritik als ein Appell an die demokratische Selbstbehauptung. Er warnt davor, dass die AfD zwar viele Kritikpunkte adressiere, die nicht per se falsch seien, die von ihr angebotenen Lösungen jedoch katastrophale Folgen für Deutschland hätten. Den Berichten zufolge ist die Partei in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft, was die Frage aufwirft, wie mit einem möglichen Zugriff auf staatliche Sicherheitsinformationen umzugehen wäre, sollte die Partei in Regierungsverantwortung gelangen. Gabriel sieht hier eine Gefahr, die über das bloße Wahlergebnis hinausgeht. Die Demokratie müsse sich durch inhaltliche Überzeugungskraft behaupten, anstatt sich auf formale Abgrenzungen zu verlassen. Die Stärke der AfD sei auch ein Spiegelbild des Versagens der anderen Parteien, die Menschen mit ihren Sorgen und ihrem Wunsch nach politischer Veränderung dort abzuholen, wo sie stehen. Wenn die etablierten Kräfte nur noch auf Distanz setzen, überlassen sie das Feld der Deutungshoheit denjenigen, die das System destabilisieren wollen.

Offene Fragen und ungeklärte Lücken

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für die weitere politische Entwicklung von entscheidender Bedeutung sind. So bleibt unklar, welche konkreten inhaltlichen Strategien Gabriel vorschlägt, um die Wähler, die sich derzeit von der AfD angesprochen fühlen, zurückzugewinnen. Auch die Frage, wie die CDU auf die drohenden Verluste bei der Landtagswahl reagieren soll, wird nicht detailliert beantwortet. Ebenso offen bleibt, welche spezifischen Maßnahmen der Verfassungsschutz in den kommenden Monaten ergreifen wird, um die verfassungsfeindlichen Bestrebungen innerhalb der AfD einzudämmen, ohne dabei den Vorwurf der politischen Instrumentalisierung zu provozieren. Der Text liefert keine Informationen darüber, wie die anderen Parteien im Landtag von Sachsen-Anhalt auf Gabriels Forderung nach einer inhaltlichen Auseinandersetzung reagieren und ob sie bereit sind, ihre bisherige Strategie der Brandmauer grundlegend zu überdenken. Die Lücke zwischen der theoretischen Forderung nach inhaltlicher Debatte und der praktischen Umsetzung im politischen Alltag bleibt somit bestehen.

Ausblick auf die kommenden politischen Termine

Die politische Situation bleibt dynamisch, wie die kommenden Termine verdeutlichen. Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wird als Gradmesser für die Stimmung im Osten Deutschlands gesehen, wobei die AfD laut Umfragen ihre Ergebnisse im Vergleich zu vor fünf Jahren verdoppeln könnte. Die Berichterstattung über die AfD wird durch Formate wie das ZDF-Politbarometer Extra und die Sendung „berlin direkt“ intensiv begleitet. Diese Formate dienen dazu, die Entwicklungen kontinuierlich zu analysieren und die Öffentlichkeit über die Konsequenzen der hohen Umfragewerte zu informieren. Die Entscheidung, ob und wie die Parteien ihre Strategie anpassen, wird maßgeblich von den Ergebnissen dieser Wahl abhängen. Es bleibt abzuwarten, welche Lehren die Parteien aus der aktuellen Situation ziehen werden und ob die von Gabriel angemahnte inhaltliche Auseinandersetzung tatsächlich Einzug in den Wahlkampf halten wird. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Brandmauer in ihrer bisherigen Form Bestand hat oder ob ein neuer Umgang mit der AfD erforderlich wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/geschaftsmann-mann-person-sitzung-5511642/ · Foto: Mike van Schoonderwalt
Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/gabriel-landtagswahl-osten-brandmauer-afd-100.html