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Jochen Missfeldts Roman: Unter jedem Teller ein Hakenkreuz
Kultur · 06.08.2026 22:05

Jochen Missfeldts Roman: Unter jedem Teller ein Hakenkreuz

Kurz: Jochen Missfeldts neuer Roman „Abschiedssommer“ verwebt das Lebensgefühl der 1950er-Jahre mit den tiefen, unbewältigten Spuren der NS-Vergangenheit.

Zwischen Aufbruch und Altlasten

Im Jahr 1959 scheint die Welt der Jugend in Schleswig-Holstein in Bewegung: Rock ’n’ Roll und Jazz prägen das Lebensgefühl, während die junge Generation versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Doch unter der Oberfläche des sommerlichen Alltags an der Geltinger Bucht lauern die Schatten der Vergangenheit. In seinem Roman „Abschiedssommer“ beleuchtet der 85-jährige Autor Jochen Missfeldt, wie die Nachwirkungen der NS-Zeit das Leben junger Menschen wie Gustav und Johanna beeinflussen, ohne dass diese die Ereignisse selbst miterlebt haben.

Die Handlung führt zurück in eine Zeit, in der das Schweigen der Älteren auf die Neugier und Fassungslosigkeit der Jüngeren trifft. Missfeldt, der bereits in drei vorangegangenen Romanen das fiktive Solsbüll in den Mittelpunkt stellte, nutzt auch hier eine Mischung aus Alltagsbeobachtungen und historischen Brüchen, um ein Panorama der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu zeichnen.

Ein Symbol der Vergangenheit im Zelt

Ein zentrales Motiv des Romans ist ein Pappkarton voller Geschirr, den die junge Lidia mit sich führt. Lidia, die ihre Herkunft und ihr Geburtsdatum kaum kennt, wuchs in einem Kinderheim auf und arbeitet nun auf einem Gutshof. Das Geschirr, das sie als Aussteuer erhielt, ist mit Hakenkreuzen versehen – ein Überbleibsel der Wehrmacht, das in der neuen Zeit unerwünscht ist. Als Gustav das Geschirr in seinem Zelt auf dem Campingplatz verwahrt, wird das NS-Erbe buchstäblich zum Teil seines Lebensraums.

Diese Szene illustriert den Kern von Missfeldts Erzählweise: Er verzichtet darauf, seinen Protagonisten zum aktiven Ermittler in Sachen Kriegsverbrechen zu machen. Stattdessen lässt er die Figuren mit der Ambivalenz zwischen dem Wunsch, die Vergangenheit ruhen zu lassen, und der Unvermeidbarkeit ihrer Präsenz ringen. Die Aufforderung der Älteren, keine „ungemütlichen“ Fragen zu stellen, steht dabei im Kontrast zu den Fakten, die sich den Jugendlichen immer wieder aufdrängen.

Künstlerische Distanz und Reflexion

Missfeldt wählt eine besondere erzählerische Strategie, um die Schwere des Themas zu bewältigen. Er nutzt Verfremdungseffekte, etwa indem er seine Hauptfiguren die traumatischen Fluchterfahrungen von Johannas Mutter in einem improvisierten Theaterstück im Zelt verarbeiten lässt. Durch diese Rahmung verliert das Erzählte seine aufdringliche Direktheit und gewinnt gleichzeitig an Eindringlichkeit.

Besonders markant ist die Auseinandersetzung mit der Biografie von Gustavs ehemaligem Kunstlehrer, Gerhard Fritz Hensel. Erst Jahrzehnte später erfährt Gustav, dass dieser Mann als Kriegsmaler tätig war und enge Verbindungen zum Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß unterhielt. Diese Enthüllung führt zu einer beklemmenden gedanklichen Auseinandersetzung: Gustav stellt sich vor, er wäre zwei Jahrzehnte früher geboren worden und hätte die Orte des Schreckens selbst besucht. Die imaginierte Konfrontation mit der Diktion kindlicher Rollenspiele unterstreicht dabei die Distanz und zugleich die Unausweichlichkeit der historischen Last.

Ein Panorama der Nachkriegszeit

Die Solsbüll-Tetralogie, zu der „Abschiedssommer“ gehört, speist sich aus einer Verbindung von Familiengeschichte, Archivrecherche und literarischer Fiktion. Missfeldt, der sein Geburtsjahr mit seinem Erzähler teilt, nutzt seine eigene Biografie als Ausgangspunkt für eine umfassende Bestandsaufnahme. Dabei geht es ihm weniger um eine eindeutige Deutung der Geschichte, als vielmehr darum, den Lesern Raum für eine eigene Einordnung der geschilderten Fakten zu lassen.

Durch die Verknüpfung der persönlichen Entwicklung seiner Protagonisten mit der historischen Realität – etwa der massiven Zunahme der Bevölkerung in Flensburg durch Flüchtlingsströme nach Kriegsende – gelingt es dem Autor, ein vielschichtiges Bild jener Jahre zu zeichnen. Der Roman verdeutlicht, wie tief die Spuren der Geschichte in den Alltag eingedrungen sind und wie die junge Generation im Jahr 1959 gezwungen war, sich zu diesen Hinterlassenschaften zu verhalten, während sie gleichzeitig versuchte, ihre eigene Identität zu finden.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/kunst-mauer-wand-abstrakt-19394943/ · Foto: Jan van der Wolf
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/literatur/jochen-missfeldts-solsbuell-roman-abschiedssommer-201080062.html