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Gespräch mit Charly Hübner: „Wir haben uns Basecaps selber nähen lassen – aus Jeansstoff“
Kultur · 16.08.2026 13:26

Gespräch mit Charly Hübner: „Wir haben uns Basecaps selber nähen lassen – aus Jeansstoff“

Kurz: Der Schauspieler Charly Hübner spricht über seinen neuen Film „Spaziergang nach Syrakus“, die DDR-Vergangenheit, Freiheit und seine Anfänge beim Theater.

Was geschehen ist: Die filmische Reise nach Syrakus

Der Schauspieler Charly Hübner widmet sich in seinem neuesten Filmprojekt „Spaziergang nach Syrakus“ einer historischen und zugleich literarischen Spurensuche. Der Film basiert auf der Erzählung von Friedrich Christian Delius aus dem Jahr 1995, die wiederum das Leben des DDR-Bürgers Klaus Müller thematisiert. Müller gelang 1988 mit einem Segelboot von Hiddensee aus die Flucht, um auf den Spuren des Schriftstellers Johann Gottfried Seume, der in den Jahren 1801 und 1802 bis nach Sizilien wanderte, den Süden zu erkunden. Für Hübner und den Produzenten Lars Jessen war die zentrale Fragestellung des Projekts, ab welchem Punkt eine bloße Reise in eine Flucht umschlägt. Das Projekt nahm seinen Anfang etwa ein Jahr nach Angela Merkels berühmtem Ausspruch „Wir schaffen das“, als man sich im Team dazu entschloss, das Thema Flucht und Migration in den Fokus zu rücken. Der Film ist das Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, der sich über Jahre erstreckte, während das Team parallel andere Projekte wie „Mittagsstunde“ realisierte. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff, der DDR-Vergangenheit und der Sehnsucht nach dem Unbekannten, die bereits Johann Gottfried Seume antrieb.

Die Einzelheiten: Von Hiddensee bis in den Süden

Die Geschichte hinter dem Film ist eng mit realen Biografien verknüpft. Klaus Müller, im Film unter dem Namen Gompitz bekannt, wird als jemand dargestellt, der nicht primär „rübermachen“ wollte, sondern schlichtweg Italien besuchen wollte. Charly Hübner erinnert sich im Gespräch an die DDR-Zeit, in der Reisen stark reglementiert waren. Er selbst wuchs in Mecklenburg auf, wo der höchste Berg lediglich 179 Meter maß, was seine Wahrnehmung von Geografie prägte. Als er 1989 zum Pfingsttreffen der FDJ und des Deutschen Turn- und Sportbundes nach Berlin reiste, erlebte er am Brandenburger Tor erstmals die physische Präsenz der Mauer. Die Erzählung von Delius, die Müller als einen Mann mit John-Lennon-Brille, Bart und Lederjacke beschreibt, diente als Vorlage. Hübner betont, dass solche Figuren in seinem Umfeld damals keine Seltenheit waren; sie fungierten als stille Systemkritiker. Die Vorbereitung auf den Film erforderte eine intensive Auseinandersetzung mit Seumes Werk, das Hübner als schärfer und eckiger empfand als Goethes „Italienische Reise“. Für Hübner ist die Freiheit, die Seume in seinem existenzialistischen Pathos beschreibt, heute relevanter denn je, insbesondere angesichts der zunehmenden Abhängigkeiten in einer digitalen Welt.

Hintergrund: Die DDR-Erfahrung und das Reiseverbot

Die DDR-Vergangenheit ist für Charly Hübner kein abstraktes Thema, sondern ein Teil seiner Biografie, auch wenn er betont, dass er erst spät geboren wurde und die härtesten Zeiten nicht in vollem Umfang miterlebte. Dennoch war das Reiseverbot allgegenwärtig. Die Menschen in seinem Umfeld suchten sich ihre Freiräume, etwa in Datschen oder durch Reisen in sozialistische Nachbarländer wie Polen oder die Tschechoslowakei. Hübner berichtet von einer gewissen Entfremdung, die entstand, wenn man sich fragte, warum man in Städten wie Koszalin oder Slupsk westliche Konsumgüter wie kanadische Jeansjacken oder amerikanische Sonnenbrillen kaufen wollte. Diese kleinen Widersprüche führten dazu, dass junge Menschen anfingen, Fragen zu stellen. Sein Vater, ein Sachse, hegte eine große Leidenschaft für die Alpen, konnte diese jedoch nie bereisen, was dazu führte, dass Bildbände über die Alpen zum festen Bestandteil des häuslichen Regals wurden. Diese Sehnsucht nach der Welt hinter dem Eisernen Vorhang war für viele DDR-Bürger ein ständiger Begleiter, der sich in der Vorstellung von unendlich hohen Bergen und fernen Ländern manifestierte, die für sie unerreichbar blieben.

Die Beteiligten: Von der Bühne zum Film

Neben Charly Hübner spielt der Produzent Lars Jessen eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Films. Die Zusammenarbeit der beiden hat sich über Jahre bewährt, etwa bei dem Dokumentarfilm „Wildes Herz“ über die Band Feine Sahne Fischfilet oder bei „Mittagsstunde“. Ein weiterer wichtiger Akteur in Hübners Biografie ist Matthias Hörnke, ein Mann aus dem Laientheater in Neustrelitz. Hörnke war es, der Hübner 1990 auf eine Reise in die Türkei mitnahm, die für den Schauspieler eine Art Berufung darstellte. In einem riesigen Amphitheater in Ephesus, das 25.000 Menschen fasste, inszenierte Hörnke eine Szene aus „Hamlet“, was für Hübner den entscheidenden Anstoß gab, selbst den Beruf des Schauspielers zu ergreifen. Auch die Agentur, bei der Hübner seit 2002 unter Vertrag steht, ist ein wichtiger Begleiter seiner Karriere. Er erinnert sich zudem an die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Eoin Moore bei „Schwitzkasten“ und Florian Henckel von Donnersmarck bei „Das Leben der Anderen“, wobei er die unterschiedlichen Herangehensweisen an Stoffe über die DDR reflektiert.

Einordnung: Freiheit als höchstes Gut

Einzuordnen ist das Projekt als eine Reflexion über die Bedeutung von Freiheit in verschiedenen Epochen. Hübner zieht eine direkte Linie von der DDR-Zeit, in der Freiheit eher in Nischen und Freiräumen existierte, bis hin zur heutigen Zeit, in der er eine neue Form der Unfreiheit durch digitale Abhängigkeiten und Passwort-Strukturen erkennt. Den Berichten zufolge ist für ihn die Freiheit das höchste Gut, das es zu bewahren gilt. Die Figur des Seume dient dabei als Ankerpunkt: Ein ehemaliger Söldner, dessen Blick auf die Welt und die Menschen in Kneipen unmittelbarer und „schärfer“ war als die idealisierte Sicht Goethes. Hübner bewertet die DDR-Vergangenheit kritisch, erkennt aber auch die Komplexität der Aufarbeitung an. Filme wie „Das Leben der Anderen“ werden von ihm differenziert betrachtet; er erkennt den Erfolg des Films an, der eine globale Tür für deutsche Schauspieler öffnete, versteht aber auch die Kritik von Menschen, die die Stasi tatsächlich am eigenen Leib erfahren haben und das filmische Bild als zu „seifenoperig“ oder für Hollywood geglättet empfinden.

Offene Fragen: Was bleibt ungeklärt?

Der Quelltext lässt einige Fragen unbeantwortet, die den weiteren Verlauf oder spezifische Details der Produktion betreffen. So wird nicht explizit dargelegt, wie die filmische Umsetzung von „Spaziergang nach Syrakus“ konkret aussieht – etwa ob es sich um eine Dokumentation, ein Spielfilm-Drama oder eine Mischform handelt. Auch die genauen Produktionsdaten oder der geplante Veröffentlichungstermin des Films werden im Text nicht genannt. Ebenso bleibt offen, welche anderen Projekte Hübner derzeit verfolgt oder ob die im Text erwähnten Wanderziele wie Wales oder das Riesengebirge bereits konkrete Pläne für die nahe Zukunft sind. Die Lücken betreffen vor allem die rein organisatorischen Aspekte der Filmproduktion sowie die detaillierte inhaltliche Struktur des Drehbuchs, da sich das Gespräch primär auf die philosophischen und biografischen Hintergründe konzentriert, die Hübner zu diesem Projekt geführt haben, anstatt auf die technischen Details der Filmherstellung einzugehen.

Wie es weitergeht: Ausstehende Wege

Konkrete Termine für die Veröffentlichung oder weitere Schritte des Filmprojekts werden im Text nicht explizit benannt. Charly Hübner äußert jedoch den Wunsch, sich in Zukunft mehr dem Wandern zu widmen, wobei er Ziele wie das Gebirge zwischen Norwegen und Schweden, Großbritannien oder die Alpen nennt. Er betont, dass er aufgrund seiner familiären Verpflichtungen und seiner Arbeit derzeit nur wenig dazu komme, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Die berufliche Zukunft des Schauspielers scheint weiterhin eng mit anspruchsvollen Stoffen verknüpft zu sein, die eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen erfordern. Die Reise, die mit dem Film „Spaziergang nach Syrakus“ begonnen hat, ist für ihn ein fortlaufender Prozess, der sowohl die künstlerische Arbeit als auch die persönliche Suche nach Freiheit umfasst. Es bleibt abzuwarten, welche weiteren Projekte aus dieser intensiven Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und der literarischen Vorlage von Delius hervorgehen werden, da Hübner seine Arbeit stets als eine Form der Weltaneignung begreift.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/meer-landschaft-natur-mann-9678320/ · Foto: Sami Abdullah
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino/schauspieler-charly-huebner-im-interview-ueber-das-reiseverbot-in-der-ddr-heavy-metal-und-die-entfremdung-zwischen-ost-und-west-accg-201112654.html