Ein politisches Schaufenster im Fokus der Kritik
Die Eröffnung der neuen Ausstellung „iga*61 – Die DDR durch die Blume“ im Deutschen Gartenbaumuseum in Erfurt ist von einer unerwarteten politischen Debatte begleitet worden. Im Zentrum steht die Frage, ob die Internationale Gartenbauausstellung (iga) der DDR ein rein unpolitischer Ort der Freizeitgestaltung war oder ein bewusst inszeniertes Instrument der sozialistischen Propaganda. Bereits im Vorfeld der Ausstellungseröffnung am 15. August 2026 sah sich die Kuratorin mit massiver Kritik konfrontiert. Ein einflussreicher, lokal vernetzter Politiker äußerte gegenüber der Museumsleitung deutliche Vorbehalte gegen das Vorhaben, die Geschichte der iga politisch aufzuarbeiten. Er argumentierte, eine solche Darstellung würde die Erinnerungen der Zeitgenossen verfälschen. Der Vorfall unterstreicht, wie sensibel das Thema der DDR-Vergangenheit auch 35 Jahre nach dem Mauerfall noch immer behandelt wird. Die Auseinandersetzung zeigt, dass die Deutungshoheit über die Geschichte der DDR in Erfurt weiterhin umstritten ist und die Frage, wie man sich an das Leben im Arbeiter-und-Bauern-Staat erinnert, keineswegs geklärt ist.
Die historische Dimension der iga-Eröffnung
Am 28. April 1961 öffnete die erste Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder ihre Tore. Das Datum ist historisch hochgradig aufgeladen, da es in das Jahr des Mauerbaus fiel. Die iga war als größte Gartenbauveranstaltung des Ostblocks konzipiert und diente als Bühne für die Leistungsfähigkeit der DDR in den Bereichen Pflanzenzüchtung, Gemüsebau, Floristik und Gewächshaustechnik. Die Verantwortlichen verfolgten dabei ein klares Ziel: Die Überlegenheit des sozialistischen Gartenbaus gegenüber den kapitalistischen Systemen sollte für jeden Besucher sichtbar werden. Interessanterweise fand am selben Tag in Stuttgart die Bundesgartenschau statt, was den Systemwettbewerb auch auf gärtnerischer Ebene verdeutlichte. Während im Westen der Wohlstand der Sozialen Marktwirtschaft und die moderne Freizeitgesellschaft inszeniert wurden, diente die iga in Erfurt als Schaufenster einer planmäßig organisierten Gesellschaft. Die Ausstellung im Gartenbaumuseum arbeitet diese Parallelen heraus und zeigt, dass Gartenbau in beiden deutschen Staaten ein politisches Instrument war.
Die Vorgeschichte und der ideologische Auftrag
Die iga war von Beginn an weit mehr als eine reine Fachausstellung. Sie fungierte als Bildungsstätte und Freizeitort, war jedoch fest in die ideologischen Strukturen der DDR eingebunden. Arbeiter und Bauern leisteten tatkräftige Unterstützung beim Aufbau des Geländes. Die internationale Ausrichtung wurde durch das Empfangen ausländischer Delegationen und den Einsatz von Personal, das Fremdsprachen wie Russisch oder Chinesisch erlernte, unterstrichen. Auch die kulturelle Nutzung war politisch geprägt: Auf dem Gelände fanden regelmäßig Arbeiterfestspiele statt. Selbst die visuelle Darstellung der Staatsführung unterlag strengen Kriterien. Ein bekanntes Beispiel für die Zensur ist ein Foto von Walter Ulbricht, das nicht veröffentlicht werden durfte, weil der Staatsratsvorsitzende darauf vor einem Misthaufen zu sehen war. Diese Details verdeutlichen, dass die iga ein realsozialistischer Ort war, an dem Planung, Kontrolle und Propaganda Hand in Hand gingen, um ein idealisiertes Bild des Staates nach außen und innen zu vermitteln.
Die Akteure und das Spannungsfeld der Erinnerung
Die Ausstellung im Deutschen Gartenbaumuseum zeichnet sich durch die Verbindung zweier Perspektiven aus: der persönlichen Erinnerung der Zeitgenossen und der dokumentarischen Ebene der Archive. Während viele Besucher die iga als Ort der Freude, für Konzerte oder Familienausflüge in positiver Erinnerung behalten haben, zeigen die von der Kuratorin ausgewerteten Akten, Entwürfe und Modelle eine andere Realität. Die Ausstellung stellt diese beiden Ebenen gegenüber. Die Zeitzeugen berichten von einem unpolitischen Sonntag, während die Archive die politische Instrumentalisierung belegen. Die Beteiligten an der Debatte sind vielfältig: Einerseits gibt es die Museumsverantwortlichen und Historiker, die eine wissenschaftliche Aufarbeitung fordern, andererseits gibt es Kritiker, die eine „unbelastete“ Erinnerung an die DDR-Zeit einfordern. Die Ausstellung fungiert dabei als Korrektiv, das den Blick über die rein subjektive Wahrnehmung hinaus auf die institutionelle Ebene lenkt, ohne die individuellen Erlebnisse der Besucher abzuwerten.
Die Transformation des Geländes nach 1990
Ein wesentlicher Teil der Ausstellung befasst sich mit der Zeit nach der Wiedervereinigung und dem Schicksal des iga-Geländes. Das ursprüngliche Areal erstreckte sich über 104 Hektar. Im Zuge eines 1994 beschlossenen Nutzungskonzepts wurde das Gelände drastisch verkleinert; lediglich 36 Hektar blieben als „egapark“ erhalten. Auf den übrigen Flächen entstanden unter anderem die Messe Erfurt sowie Gebäude für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und den Kinderkanal (KiKA). Der Verlust der ikonischen Zentralgaststätte im Jahr 1996 markiert einen schmerzhaften Punkt in der Geschichte des Areals, gegen den es damals vergeblichen Bürgerprotest gab. Die Ausstellung thematisiert diesen „Ausverkauf“ und stellt die Frage, ob der Wunsch, das Gelände von seiner politischen Vergangenheit zu befreien, nicht auch ein Versuch war, die schwierige Transformationsphase nach 1990 zu überdecken. Die Umbenennung von iga zu ega und schließlich zu egapark symbolisiert den Wunsch, den politischen Ballast der DDR-Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Einordnung der Debatte um die Vergangenheitsbewältigung
Einzuordnen ist die aktuelle Debatte als ein Symptom für den Umgang mit dem DDR-Erbe in der heutigen Zeit. Der Wunsch, einen öffentlichen Ort wie den egapark „unbelastet“ von politischer Geschichte zu halten, ist aus Sicht der Ausstellungsmacher ein unmögliches Unterfangen. Geschichte verschwindet nicht durch den Abriss von Gebäuden oder die Änderung von Namen. Die Ausstellung zeigt auf, dass der heutige Streit nicht nur die DDR betrifft, sondern auch die Art und Weise, wie die Nachwendezeit gestaltet wurde. Der demonstrative Blick nach vorn, der sich etwa in der Bewerbung um die Bundesgartenschau 2021 ausdrückte, sollte die traditionsreiche Stellung Erfurts als Gartenbaustadt neu begründen. Dass dabei die politische Vergangenheit des Geländes, auf dem diese Tradition gründet, oft ausgeblendet wurde, ist ein zentraler Punkt der Ausstellung. Die Auseinandersetzung verdeutlicht, dass die Geschichte der iga untrennbar mit der politischen Geschichte des Landes verbunden bleibt.
Offene Fragen und die Grenzen der Dokumentation
Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die über den Inhalt der Ausstellung hinausgehen. So bleibt etwa die Identität des Politikers, der die Kuratorin unter Druck setzte, bewusst anonym. Der Text konzentriert sich auf den Vorgang der Einflussnahme statt auf die Person. Ebenso wird nicht im Detail ausgeführt, welche spezifischen Akten oder Dokumente die Kuratorin neu entdeckt hat, die das Bild der iga maßgeblich verändert haben. Auch die genauen Hintergründe der Entscheidungsprozesse bei der Aufteilung des Geländes im Jahr 1994 werden nur skizziert, nicht aber in ihrer vollen politischen Tragweite beleuchtet. Die Ausstellung wirft zudem die Frage auf, wie eine zukünftige Gedenkkultur an solchen Orten aussehen könnte, die sowohl den Freizeitwert als auch die historische Belastung integriert. Diese Lücken in der Darstellung zeigen, dass die Aufarbeitung der iga-Geschichte ein fortlaufender Prozess ist, der noch viele Aspekte der lokalen und nationalen Geschichte berührt.
Ausblick auf die Laufzeit und den Wert der Ausstellung
Die Ausstellung „iga*61 – Die DDR durch die Blume“ ist bis zum 13. Juni 2027 im Deutschen Gartenbaumuseum in Erfurt zu sehen. Sie bietet Besuchern die Gelegenheit, sich intensiv mit der Ambivalenz des Geländes auseinanderzusetzen. Dass die Ausstellung Widerspruch hervorruft, wird von den Machern als Argument für ihre Notwendigkeit gewertet. Sie zeigt, dass die iga ein politisches Projekt und ein persönlicher Erinnerungsraum zugleich war. Der Umgang mit diesem Erbe bleibt auch in Zukunft ein politisches Thema. Die Ausstellung verzichtet bewusst darauf, die DDR an den Pranger zu stellen oder ein ostalgisches Märchen zu erzählen. Stattdessen lädt sie dazu ein, die Geschichte des Geländes von 1961 bis in die Gegenwart kritisch zu betrachten. Wer den egapark besucht, wird durch die Ausstellung dazu angeregt, die Schichten der Geschichte sichtbar zu machen, anstatt sie hinter einer unpolitischen Fassade zu verbergen.