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Kultur · 27.09.2026 16:02

aus der Welt der Phrasen: Und so redete er dahin

Kurz: Der Historiker Wolfgang Benz sorgt mit verharmlosenden Äußerungen zum Antisemitismus für heftige Kritik. Eine Analyse seiner Thesen und ihrer fragwürdigen Logik

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Der renommierte Historiker Wolfgang Benz, der über zwei Jahrzehnte das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin leitete, steht nach einem Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ massiv in der Kritik. In dem Gespräch äußerte sich der 85-Jährige zu aktuellen Entwicklungen des Antisemitismus in Deutschland und zog dabei historische Vergleiche, die auf breites Unverständnis stoßen. Benz, der in der Vergangenheit bereits durch kontroverse Thesen aufgefallen war, relativierte in dem Interview die Bedrohungslage für jüdische Bürger und sprach der politischen Linken sowie islamischen Akteuren eine antisemitische Motivation ab. Seine Aussagen, die unter anderem die Sorgen jüdischer Menschen als „Phantomschmerzen“ abtaten und die Existenzberechtigung Israels in einen diskursiven Raum verschoben, in dem der Wunsch nach dessen Zerstörung nicht zwangsläufig als judenfeindlich gewertet werde, lösten eine Debatte über die wissenschaftliche Integrität und die politische Rhetorik des emeritierten Professors aus. Die Kritik entzündet sich insbesondere an der Argumentationsweise, die laut Beobachtern darauf abzielt, ideologische Vorannahmen unter Preisgabe empirischer Fakten zu verteidigen.

Die Einzelheiten der Debatte

Wolfgang Benz verglich im Gespräch mit dem „Tagesspiegel“ die aktuelle politische Situation in Deutschland mit den Jahren um 1933. Er zog Parallelen zwischen der damaligen Wirtschaftskrise und der heutigen Lage, wobei er die Union unter Friedrich Merz mit der Deutschnationalen Partei und die AfD mit den Nationalsozialisten assoziierte. Benz behauptete, die heutige Situation sei mit der Zeit vor der Machtübernahme Hitlers vergleichbar, wobei er den aktuellen Bundeskanzler kritisierte, weil dieser einen Antrag mit Stimmen der AfD durch den Bundestag gebracht habe. Bezüglich der Lebensqualität im heutigen Deutschland verwies er auf volle Supermarktregale und Reisefreiheit, wobei er den „gehobenen Mittelstand“ als Träger der AfD-Wählerschaft identifizierte. In Bezug auf den Antisemitismus in Berlin-Neukölln bezeichnete er Parolen wie „Israel verrecke“ oder Forderungen nach einem palästinensischen Tel Aviv als „garstig“, verneinte jedoch deren genuin judenfeindlichen Charakter. Er argumentierte, dass sich der Zorn der Demonstranten lediglich gegen den israelischen Staat und nicht gegen Juden als solche richte. Zudem behauptete er, jüdische Bürger würden seit 50 Jahren behaupten, Angst zu haben, um ihre Existenz im „Land der Täter“ zu rechtfertigen, und bezeichnete Polizeischutz vor jüdischen Einrichtungen als rein „prophylaktisch“.

Hintergrund und bisheriger Verlauf

Wolfgang Benz hat sich in seiner langen Karriere als Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin einen Namen gemacht, war jedoch bereits vor diesem Interview durch gewagte Vergleiche in die Kritik geraten. Er hatte in der Vergangenheit unter anderem Pippi Langstrumpf mit Kolonialrassismus in Verbindung gebracht und Antisemitismus mit der Kritik am politischen Islam verglichen. Das aktuelle Interview ist in eine Reihe von Äußerungen einzuordnen, in denen Benz versucht, komplexe gesellschaftliche Phänomene durch historische Analogien zu erklären, die von Kritikern als unpassend oder historisch ungenau empfunden werden. Der „Tagesspiegel“ hatte ihn aufgrund seiner Expertise befragt, um eine Einordnung der aktuellen antisemitischen Vorfälle in Deutschland zu erhalten. Die nun geäußerten Thesen setzen eine Reihe fort, in der Benz immer wieder versucht, die Grenzen des Antisemitismusbegriffs zu verschieben oder neu zu definieren, was innerhalb der Fachwelt und bei jüdischen Organisationen regelmäßig auf Widerspruch stößt. Die aktuelle Debatte markiert einen neuen Höhepunkt dieser kritischen Auseinandersetzung mit seinem Wirken.

Die Beteiligten und ihre Positionen

Die Hauptperson der Debatte ist der Historiker Wolfgang Benz, dessen Aussagen den Ausgangspunkt der Kritik bilden. Auf der anderen Seite steht die journalistische Aufarbeitung, etwa durch den F.A.Z.-Herausgeber Jürgen Kaube, der Benz’ Thesen als „professoralen Unfug“ bezeichnet und ihm vorwirft, seine Forschung nur noch zur Dekoration der eigenen Rhetorik zu nutzen. Weitere Akteure, die im Text Erwähnung finden, sind der Berliner Bezirksbürgermeister Martin Hikel sowie Mitarbeiter des Bezirksamtes Neukölln, die sich im Kontext der Debatte um jüdisches Leben in Berlin engagieren. Auch die jüdischen Bürger selbst sind als Betroffene der geschilderten Bedrohungslage präsent, wobei Benz ihnen unterstellt, ihre Ängste seien lediglich ein Mittel zum Zweck. Die AfD, die Linke und die Union werden als politische Akteure genannt, die in Benz’ historischen Vergleichen eine zentrale Rolle spielen. Die Freie Universität Berlin wird als Ort eines gewaltsamen Übergriffs auf einen jüdischen Studenten erwähnt, was Benz’ These einer „garstigen“, aber nicht notwendigerweise antisemitischen Stimmung entgegensteht.

Einordnung der Aussagen

Einzuordnen ist das Verhalten von Wolfgang Benz als ein Versuch, eine spezifische ideologische Sichtweise auf die politische Weltlage zu verteidigen, selbst wenn diese den empirischen Befunden widerspricht. Den Berichten zufolge scheint Benz den Antisemitismusbegriff so weit zu verengen, dass er nur noch explizit judenfeindliche Äußerungen umfasst, während israelbezogener Antisemitismus, der sich in Gewaltaufrufen oder der Leugnung des Existenzrechts äußert, ausgeklammert wird. Kritiker werten dies als eine Form der intellektuellen Kapitulation vor der Realität. Dass Benz die Angst jüdischer Bürger als „Phantomschmerzen“ bezeichnet, wird als eine massive Verharmlosung der realen Bedrohungslage gewertet, die durch Polizeischutz vor Schulen und Synagogen dokumentiert ist. Die Einordnung seiner Thesen durch Beobachter legt nahe, dass Benz’ wissenschaftliche Autorität dazu genutzt wird, um politisch motivierte Narrative zu stützen, die den Kern der antisemitischen Gefahr, insbesondere aus dem islamischen Kulturkreis und von links, systematisch ausblenden oder relativieren.

Offene Fragen und Lücken

Der vorliegende Quelltext lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für eine fundierte Analyse der Debatte wesentlich wären. So bleibt unklar, auf welche spezifischen Daten oder Studien Benz seine Behauptung stützt, dass der Antisemitismus nicht aus dem islamischen Kulturkreis importiert sei, zumal er keine Belege für seine Gegenthese liefert. Ebenso wenig beantwortet der Text die Frage, wie Benz die Diskrepanz zwischen seiner Einschätzung der „garstigen Worte“ und der realen Gewalt gegen jüdische Personen in Berlin auflösen will. Es bleibt offen, welche konkreten Maßnahmen er zur Bekämpfung des Antisemitismus vorschlägt, wenn er die aktuelle Bedrohungslage als bloße Einbildung oder „Prophylaxe“ abtut. Auch die Frage, warum er die Berichterstattung über den Nahostkonflikt als einseitig oder unzureichend ansieht, wird im Text nicht weiter vertieft oder durch Fakten untermauert. Die Lücke zwischen seiner theoretischen Einordnung und der gelebten Erfahrung jüdischer Bürger in Berlin bleibt eine zentrale Leerstelle, die im Interview nicht adressiert wurde.

Wie es weitergeht

Konkrete Termine oder angekündigte Schritte zur weiteren Aufarbeitung der Aussagen von Wolfgang Benz werden im Quelltext nicht genannt. Dennoch deutet die Schärfe der Kritik darauf hin, dass die Debatte um die Person und das Werk des Historikers innerhalb der deutschen Intellektuellenszene und der Antisemitismusforschung anhalten wird. Es ist davon auszugehen, dass weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit seinen Thesen folgen werden, insbesondere da seine Positionen als ehemaliger Leiter eines renommierten Instituts ein erhebliches Gewicht in der öffentlichen Wahrnehmung haben. Die Frage, ob Benz seine Thesen in weiteren Interviews präzisieren oder korrigieren wird, bleibt offen. Ebenso ist abzuwarten, wie das Zentrum für Antisemitismusforschung oder andere akademische Institutionen auf die anhaltende Kritik an ihrem ehemaligen Leiter reagieren werden. Die Debatte hat jedenfalls eine grundlegende Diskussion über die Standards der Antisemitismusforschung und die Verantwortung von Historikern in der öffentlichen Debatte neu entfacht, deren Ausgang noch nicht absehbar ist.

Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wolfgang-benz-und-seine-phrasen-ueber-antisemitismus-accg-201266788.html