Strategiewechsel bei Iris²: Fokus auf Standardisierung statt Smartphone-Direktverbindung
Das europäische Satellitenprojekt Iris² (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) steht vor einer technologischen Neuausrichtung. Während in der Branche oft von der Möglichkeit einer direkten Kommunikation zwischen Satelliten und handelsüblichen Smartphones – dem sogenannten Direct-to-Device (D2D) – gesprochen wird, stellt sich die Situation für das EU-Vorhaben anders dar. Entgegen mancher Erwartungen wird Iris² keine direkte Anbindung von Mobiltelefonen ermöglichen.
Die Entscheidung der Verantwortlichen, den 5G-Standard für Non-Terrestrial Networks (5G NTN) zu implementieren, ist dabei weniger als technologischer Durchbruch für Endverbraucher zu verstehen, sondern vielmehr als notwendiger Schritt zur Standardisierung. Experten betonen, dass die Nutzung von 5G NTN in diesem Kontext vor allem die Abhängigkeit von proprietären Insellösungen verringern soll.
Warum 5G NTN nicht gleich Direct-to-Device ist
Ein häufiges Missverständnis in der öffentlichen Wahrnehmung ist die Gleichsetzung von 5G NTN mit der Fähigkeit, Satelliten direkt mit dem Smartphone zu nutzen. Wie der Satellitenkommunikationsexperte Christian von der Ropp gegenüber Golem erläuterte, handelt es sich bei 5G NTN lediglich um ein Funkprotokoll. Die tatsächliche Nutzbarkeit hängt jedoch maßgeblich von den verwendeten Frequenzbändern ab.
Im Fall von Iris² kommen das Ku- und das Ka-Band zum Einsatz. Diese Frequenzbereiche sind physikalisch nicht dafür ausgelegt, von herkömmlichen Mobilfunkgeräten empfangen zu werden. Nutzer des europäischen Satellitennetzes werden daher zwingend auf spezielle Hardware angewiesen sein. Ähnlich wie bei den bekannten Systemen von Starlink ist eine Flachantenne von entsprechender Größe erforderlich, um eine stabile Verbindung aufzubauen.
Abkehr von proprietären Abhängigkeiten
Der Wechsel zu einem offenen Standard wie 5G NTN verfolgt vor allem wirtschaftliche und strategische Ziele. Bisherige Marktteilnehmer wie Starlink oder Oneweb setzen auf proprietäre Abwandlungen des LTE-Standards. Dies führt laut von der Ropp zu einer gefährlichen Abhängigkeit von einzelnen Zulieferern. Ein aktuelles Beispiel verdeutlicht das Risiko: Der Lieferant für die Funktechnik von Oneweb ist in die Insolvenz geraten, was die Stabilität der Lieferkette massiv gefährdet hat.
Durch die Entscheidung für 5G NTN möchte Eutelsat als treibende Kraft hinter Iris² von einem diversifizierten Ökosystem an Zulieferern profitieren. Diese Vorgabe wurde zudem explizit von der Europäischen Kommission als zentrale Anforderung für das Projekt definiert. Die Abkehr von proprietären Systemen soll nicht nur die Kosten senken, sondern auch die langfristige Verfügbarkeit der Technologie sicherstellen.
Hintergrund und Zielsetzung des Projekts
Iris² wurde als öffentlich-private Partnerschaft ins Leben gerufen, um eine sichere und resiliente Kommunikationsinfrastruktur für Europa zu schaffen. Die primäre Zielgruppe liegt im staatlichen, militärischen und sicherheitsrelevanten Bereich. Dennoch ist das System so konzipiert, dass auch zivile und kommerzielle Märkte bedient werden können.
Kritiker wie von der Ropp hatten das Projekt in der Vergangenheit wiederholt hinterfragt. Er bezeichnete Iris² bereits in der Planungsphase als Instrument, das primär der französischen Raumfahrtindustrie zugutekommen sollte. Ob die nun gewählte technologische Ausrichtung ausreicht, um die ambitionierten Ziele einer europäischen Souveränität im All zu erreichen, bleibt abzuwarten. Die nächsten Schritte werden zeigen, wie effektiv die Integration des 5G-NTN-Standards in die bestehende Infrastruktur gelingt und ob die angestrebte Diversifizierung der Zulieferer die erhoffte Stabilität in das Projekt bringt.