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Frankfurter Anthologie: Daniela Danz: „Stillleben“
Kultur · 01.08.2026 16:00

Frankfurter Anthologie: Daniela Danz: „Stillleben“

Kurz: Daniela Danz verbindet in ihrem Gedicht „Stillleben“ Malerei und Lyrik zu einer Einheit. Eine Analyse über Zeit, Vergänglichkeit und die Magie der Kunst.

Eine Symbiose von Bild und Wort

Die Beziehung zwischen Malerei und Dichtung ist ein klassisches Thema der Literaturgeschichte. Während Horaz einst die Devise „ut pictura poesis“ – wie ein Bild sei das Gedicht – prägte, war das Verhältnis der Gattungen oft von einem Konkurrenzdenken geprägt. Lyriker versuchten häufig, die Eigenständigkeit ihrer Kunst durch den Vergleich mit der Malerei zu betonen. Daniela Danz schlägt in ihrem Gedicht „Stillleben“ einen anderen Weg ein: Sie überführt den Wettstreit in eine harmonische Symbiose.

Das Stillleben als Liebesraum

Auf den ersten Blick präsentiert sich das Werk als ein originelles Liebesgedicht. Die zentrale Idee ist ebenso faszinierend wie surreal: Ein Paar betritt ein Gemälde, um sich für einen Moment aus der alltäglichen Realität in die zeitlosen Gesetze der Kunst zu flüchten. Danz nutzt dabei eine Bildsprache, die an eine Mischung aus Caravaggio und Dalí erinnert. Besonders das „reine Leinen der Serviette“ dient als moderne, barock anmutende Bettstatt, die an klassische Motive wie Walthers von der Vogelweide „Unter der Linden“ erinnert, diese jedoch in einen neuen, künstlerischen Kontext setzt.

Ein bemerkenswertes Detail ist die Spiegelung im Kelch, durch die das lyrische Ich die Schönheit des Partners wahrnimmt. Dies widerspricht der antiken These des Thukydides, Schönheit liege allein im Auge des Betrachters; bei Danz entsteht sie erst durch die doppelte Brechung in Kelch und Kunst.

Die Belebung des Unbelebten

Der Titel „Stillleben“ ist Programm, verweist jedoch zugleich auf die Spannung zwischen den Gattungen. Ein Stillleben zeigt per Definition unbelebte, unbewegte Dinge. Danz bricht mit dieser Statik: Indem die Liebenden das Bild betreten, hauchen sie dem Unbelebten Leben ein. Das Gedicht beginnt mit dem „Einsteigen“ und endet mit dem „Aussteigen“, wodurch es eine dynamische Bewegung vollzieht, die dem statischen Gemälde immanent fehlt.

Dies führt zurück zu Gotthold Ephraim Lessings „Laokoon“-Debatte aus dem Jahr 1766. Lessing unterschied strikt zwischen der Malerei als Raumkunst und der Poesie als Zeitkunst. Danz’ Gedicht thematisiert genau diese Differenz: Es inszeniert sich selbst als ein Werk der Zeit, während das Gemälde den Raum repräsentiert. Indem das Gedicht den Raum zur Zeit macht, entsteht eine neue, zeitliche Dimension innerhalb des Bildes.

Die Präsenz der Vergänglichkeit

Trotz der romantischen Flucht in die Kunst bleibt die Vergänglichkeit ein zentrales Motiv. Der Hummer im Stillleben, mit seinen „starren Augen“, fungiert als Mahnung an den Tod. Sowohl das Gedicht als auch das Gemälde bekennen sich auf ihre Weise zur Endlichkeit alles Irdischen. Die „starren Augen“ des Tieres und die „Schere im versteinerten Wunsch“ verdeutlichen, dass auch die Kunst vor der Vergänglichkeit nicht gefeit ist.

Daniela Danz gelingt es, die Grenzen zwischen den Gattungen aufzuheben, ohne eine der beiden Künste über die andere zu stellen. Das Gedicht fungiert nicht als bloße Beschreibung eines Bildes, sondern als eigenständige, lebendige Erfahrung. Am Ende steht das verschämte Verlassen des Bildes – ein Rückzug aus der Ewigkeit der Kunst zurück in die menschliche Realität. Das Gedicht „Stillleben“ ist in dem Band „Portolan“ erschienen, der 2025 im Wallstein Verlag veröffentlicht wurde.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-skyline-wolkenkratzer-19335252/ · Foto: Masood Aslami
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/daniela-danz-in-der-frankfurter-anthologie-201036735.html