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Filmfestival Venedig: Ihr Nachbar fühlt sich von ihnen sexuell belästigt
Kultur · 03.09.2026 18:09

Filmfestival Venedig: Ihr Nachbar fühlt sich von ihnen sexuell belästigt

Kurz: Die Filmfestspiele in Venedig starten mit Danny Boyles Boulevard-Drama 'Ink' und Werner Herzogs exzentrischem Zwillings-Film 'Bucking Fastard'.

Der Auftakt am Lido: Medienmacht und Boulevard-Journalismus

Die diesjährigen Filmfestspiele in Venedig begannen mit einer thematischen Rückbesinnung auf die Geschichte des Journalismus, die in der heutigen digitalen Ära fast anachronistisch wirkt. Mit dem Eröffnungsfilm „Ink“ wagte Regisseur Danny Boyle einen Blick zurück auf die Entstehung des modernen Boulevard-Journalismus in Großbritannien. Im Zentrum des Geschehens steht die Zeitung „The Sun“, die 1969 von dem australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch übernommen wurde. Unter der Leitung des ambitionierten Blattmachers Larry Lamb entwickelte sich das Medium zu einem auflagenstarken Sprachrohr, das die britische Medienlandschaft nachhaltig veränderte. Boyle, der bereits 2015 mit seinem Biopic über Steve Jobs bewies, dass er komplexe technologische und mediale Umbrüche in filmische Erzählungen übersetzen kann, wählte für „Ink“ einen bewusst lauten und konfrontativen Ansatz. Bei der ersten Pressevorführung am Lido wurde die Tonspur so massiv ausgesteuert, dass die filmische Botschaft physisch auf das Publikum einwirkte. Boyle scheint mit dieser Inszenierung das Ziel zu verfolgen, die etablierten Akteure des Mediensystems direkt mit den Methoden zu konfrontieren, die einst den Boulevard-Journalismus groß gemacht haben.

Die Akteure und die Dynamik der Fleet Street

Das Drehbuch zu „Ink“ basiert auf einem Theaterstück von James Graham und zeichnet sich durch ein hohes Sprechtempo aus, das dem hektischen Alltag der Fleet Street gerecht werden soll. Die Besetzung bringt eine Reihe profilierter Charakterdarsteller zusammen, die die historischen Figuren zum Leben erwecken. Jack O’Donnell schlüpft in die Rolle des Blattmachers Larry Lamb, während Guy Pearce den jungen Rupert Murdoch verkörpert. Ein besonderer Fokus liegt auf der Figur einer feministischen Redakteurin, dargestellt von Claire Foy, die in der Serie „The Crown“ bereits royale Erfahrung sammelte. In einer Schlüsselszene des Films wird die Einführung der barbusigen Seite drei in der „Sun“ thematisiert, ein Moment, der den Zenit von Lambs redaktioneller Strategie markiert. Obwohl der Film keine klassischen Weltstars aufbieten konnte, wurde die Eröffnungszeremonie durch die Anwesenheit von George Clooney aufgewertet, der für sein Lebenswerk mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde. Die Inszenierung zielt darauf ab, die alten Gewissheiten des Journalismus – wie die strikte Einhaltung der klassischen W-Fragen – durch die Dynamik des Boulevard-Stils herauszufordern.

Werner Herzogs Rückkehr mit einem rätselhaften Werk

Nach dem medienkritischen Auftakt verlagerte sich das Interesse des Festivals rasch auf Werner Herzog, der mit seinem neuesten Spielfilm „Bucking Fastard“ für Aufsehen sorgte. Der Regisseur, der in Kalifornien als eine Art Kultpriester des Kinos verehrt wird, präsentiert eine Geschichte, die von dem legendären, symbiotischen Zwillingsschwesternpaar der „York twins“ inspiriert wurde. In den Hauptrollen der Schwestern Jean und Joan Holbrooke sind Kate und Rooney Mara zu sehen. Der Film ist eine exzentrische Erzählung, in der die beiden Protagonistinnen fast ausschließlich unisono sprechen, selbst in gerichtlichen Auseinandersetzungen. Die Handlung nimmt ihren Ausgangspunkt in einer Klage eines Nachbarn, gespielt von Orlando Bloom, der sich von den Schwestern sexuell belästigt fühlt. Nachdem dieser eine Abstandsverpflichtung erwirkt hat, verliert sich seine Spur in der Erzählung. Herzog nutzt diese Ausgangslage jedoch nicht für eine realistische Milieustudie, sondern als Ausgangspunkt für eine surreale Reise, die die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation erneut verschwimmen lässt.

Die schräge Ästhetik und das Wahrheitspathos

Werner Herzog, der an diesem Wochenende seinen 84. Geburtstag feiert, nutzt „Bucking Fastard“ als eine Art persönliches Geburtstagsgeschenk. Der Film ist ein weiteres Kapitel in einer Karriere, die in den späten Sechzigerjahren mit dem Meisterwerk „Lebenszeichen“ in Griechenland begann. Herzog, der sich selbst oft als Schamane des Kinos inszeniert, verbindet in diesem Werk sein bekanntes Wahrheitspathos mit einer gehörigen Portion Nonsens. Die Holbrooke-Schwestern dienen ihm als dramaturgisches Vehikel, um die Zuschauer in eine Welt zu entführen, die an die „Höhle der vergessenen Träume“ erinnert. Dabei arbeitet er mit suggestiven Bildern einer unterirdischen Verbindung zwischen Irland und den mythischen Orkney-Inseln, die die Schwestern im Film über Jahre hinweg ausgraben. Diese narrative Struktur zeigt Herzogs Fähigkeit, absurde und verquere Geschichten durch filmische Schnitte und atmosphärische Dichte zusammenzuhalten. Es ist eine Erzählweise, die den Zuschauer herausfordert, die Logik hinter der Absurdität zu suchen, während sie gleichzeitig die visuelle Kraft des Kinos betont.

Einordnung: Das Kino als Spiegel und Orakel

Einzuordnen ist das Programm der diesjährigen Filmfestspiele in Venedig als eine bewusste Gegenüberstellung von historischer Analyse und künstlerischer Abstraktion. Während Danny Boyle mit „Ink“ die Mechanismen der Massenmedien und deren Einfluss auf die öffentliche Wahrnehmung seziert, wählt Werner Herzog einen introspektiven, fast schon mystischen Ansatz. Die Wahl der Eröffnungsfilme und der Fokus auf etablierte Regisseure wie Boyle und Herzog unterstreichen den Anspruch des Festivals, sowohl gesellschaftspolitische Relevanz als auch cineastische Einzigartigkeit zu bieten. Den Berichten zufolge dient das Kino in Venedig in diesem Jahr weniger als bloßer Unterhaltungsort, sondern vielmehr als ein Laboratorium für die Verfasstheit von Information und Wahrheit. Während Boyle die „Tinte“ des Boulevard-Journalismus als Sprengladung für alte Gewissheiten begreift, nutzt Herzog das Medium Film, um in die Tiefen des menschlichen Unterbewusstseins vorzudringen. Beide Ansätze spiegeln die Vielfalt des aktuellen Kinos wider, das zwischen der Aufarbeitung der analogen Mediengeschichte und der Suche nach neuen, fast schon schamanischen Ausdrucksformen oszilliert.

Offene Fragen: Was bleibt unbeantwortet?

Obwohl die Filme in Venedig breiten Raum für Diskussionen bieten, bleiben einige Aspekte der Erzählungen im Dunkeln. Besonders bei Werner Herzogs „Bucking Fastard“ stellt sich die Frage nach dem tieferen Verhältnis zwischen den Zwillingsschwestern und ihrer Umwelt. Der Film lässt offen, warum die Schwestern in ihrer symbiotischen Einheit agieren und welche psychologischen Hintergründe diese fast schon mythische Verbundenheit speisen. Auch die Rolle des Nachbarn, Mister Mulroney, bleibt in ihrer Motivation und ihrem plötzlichen Verschwinden aus der Handlung rätselhaft. Ebenso unklar bleibt die Verbindung zwischen der realen Geschichte der „York twins“ und der fiktionalen Ausgestaltung durch Herzog. Auch bei Danny Boyles „Ink“ bleiben Details zur historischen Genauigkeit der Darstellung von Larry Lamb und Rupert Murdoch der Interpretation überlassen. Der Film konzentriert sich auf die Dynamik der Redaktion, lässt aber die langfristigen gesellschaftlichen Folgen des Boulevard-Stils, wie sie heute in der digitalen Informationsflut sichtbar sind, weitgehend als offene Diskussionspunkte für das Publikum zurück.

Ausblick: Die Erwartungen am Lido

Die Aufmerksamkeit des Festivals richtet sich nun auf die kommenden Tage, an denen weitere mit Spannung erwartete Werke präsentiert werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Agententhriller „Wild Horse Nine“ von Martin McDonagh, der unter anderem für „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ bekannt ist. Der Film, in dem John Malkovich eine zentrale Rolle spielt, verspricht eine weitere narrative Komponente in das diesjährige Programm einzubringen. Die Handlung, die auf der Osterinsel spielt, sorgt bereits im Vorfeld für Spekulationen über die stilistische Ausrichtung und die thematische Tiefe des Werks. Während die Besucher des Festivals die idealen jahreszeitlichen Bedingungen am Lido genießen, bleibt die Frage, ob die kommenden Beiträge die hohen Erwartungen erfüllen können, die durch den medienkritischen Auftakt und die exzentrische Rückkehr von Werner Herzog geweckt wurden. Die Entscheidungen der Jury und die Reaktionen der internationalen Presse werden in den nächsten Tagen den weiteren Verlauf und die Bilanz des Festivals bestimmen, das sich einmal mehr als Schauplatz für die großen Fragen des zeitgenössischen Kinos etabliert hat.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/venezianische-maskenkostum-am-grossen-kanal-31112810/ · Foto: Helena Jankovičová Kováčová
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/kino/filmfestival-venedig-eroeffnet-mit-werner-herzog-und-danny-boyle-201187897.html