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Trotz Clooney, Cruz und Pattinson: Fehlende Blockbuster in Venedig
Schlagzeilen · 02.09.2026 15:12

Trotz Clooney, Cruz und Pattinson: Fehlende Blockbuster in Venedig

Kurz: Die Filmfestspiele von Venedig starten ohne die großen Blockbuster aus Hollywood. Warum die Studios die Festivals meiden und auf neue Wege setzen.

Ein Auftakt ohne die ganz großen Namen

Am 2. September 2026 haben die 83. Filmfestspiele von Venedig begonnen. Während das Festival bis zum 12. September läuft und durchaus prominente Gäste wie das Ehepaar Penélope Cruz und Javier Bardem sowie den Schauspieler Robert Pattinson begrüßt, bleibt ein zentrales Element aus: die großen Hollywood-Produktionen. Als Festivalchef Alberto Barbera Ende Juli das Programm für die diesjährige Ausgabe vorstellte, war die Enttäuschung unter Branchenkennern spürbar. Viele hatten auf Titel gehofft, die als potenzielle Oscar-Kandidaten gehandelt werden, doch diese blieben aus. Stattdessen dominieren Independent-Produktionen das Bild am Lido. Die größte US-Produktion, die in diesem Jahr ihre Premiere in Venedig feiert, ist der medienkritische Thriller „Primetime“ mit Robert Pattinson in der Hauptrolle. Obwohl dieser Film aus der renommierten Independent-Schmiede A24 stammt, kann er in Sachen öffentlicher Aufmerksamkeit und Budget nicht mit den großen Blockbustern konkurrieren, die in den vergangenen Jahren das Festivalgeschehen prägten. Die Filmfestspiele stehen damit vor einer Herausforderung, die sie mit den Festivals in Cannes und Berlin teilen: Die großen Studios aus den USA meiden zunehmend die wichtigsten Bühnen der internationalen Filmwelt.

Die Abwesenheit der Blockbuster-Giganten

Die Liste der Filme, die in Venedig schmerzlich vermisst werden, ist lang und prominent besetzt. Besonders das Fehlen von „Digger“, einer Politsatire mit Tom Cruise unter der Regie des Oscar-Gewinners Alejandro González Iñárritu, sorgt für Gesprächsstoff. Ebenso wenig vertreten sind David Finchers „The Adventures of Cliff Booth“, eine Fortsetzung zu „Once Upon a Time in Hollywood“ mit Brad Pitt, sowie Aaron Sorkins „The Social Reckoning“, das Sequel zum Erfolg „The Social Network“. Besonders das Beispiel „Digger“ verdeutlicht den Strategiewechsel der Studios: Der Film von Warner Bros., der am 1. Oktober in die deutschen Kinos kommen soll, ignoriert konsequent alle bedeutenden Herbstfestivals. Dazu zählen neben Venedig auch die Veranstaltungen in Toronto, Telluride in Colorado sowie das New York Film Festival. Früher war das sogenannte „Festival-Hopping“ – also die Weltpremiere in Venedig, gefolgt von Stationen in Toronto und den USA – ein fester Bestandteil der Marketingstrategie für Oscar-Anwärter. Heute scheint dieser Aufwand für die großen Studios zunehmend verzichtbar zu sein.

Der Wandel der Marketingstrategien

Die Gründe für das Fernbleiben der großen Studios sind vielfältig und spiegeln einen tiefgreifenden Umbruch in der US-Filmindustrie wider. Festivalleiter Alberto Barbera äußerte sich dazu in einem Gastbeitrag für die italienische Tageszeitung „La Stampa“. Er verwies auf eine Phase des Umbruchs, die durch rückläufige Kinobesucherzahlen, steigende Produktionskosten und einen enormen Erfolgsdruck gekennzeichnet ist. Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist die Kostenersparnis. Das Einfliegen von Hollywood-Stars samt ihrer Entourage sowie deren Unterbringung in Luxussuiten verschlingt hohe sechs- bis siebenstellige Beträge. Diese Gelder investieren die Studios nun lieber direkt in gezielte Social-Media-Kampagnen oder Online-Marketing. Bereits im vergangenen Jahr hatte Warner Bros. diese Taktik erfolgreich angewandt, als Filme wie „Blood and Sinners“ oder „One Battle After Another“ den Festivals fernblieben. Stattdessen setzte man auf unkonventionelle Wege, etwa durch Kooperationen mit dem populären Online-Game „Fortnite“, das täglich Millionen Nutzer erreicht.

Die Sorge vor kritischen Stimmen

Ein weiterer Aspekt, der das Fernbleiben der großen Produktionen erklärt, ist die Angst vor negativen Kritiken. In der Branche wird hinter vorgehaltener Hand darüber diskutiert, dass Regisseure zwar die Aufmerksamkeit eines Festivals suchen, aber das Risiko einer negativen Aufnahme durch die Fachpresse scheuen. Die Filmjournalistin Rebecca Leffler berichtete im Podcast des Branchenblatts „Screen International“ von diesem Paradoxon. Besonders die Kritiker in Cannes gelten als unerbittlich, was in der Vergangenheit zu schmerzhaften Erfahrungen führte. Ein Beispiel ist der fünfte Teil der „Indiana Jones“-Reihe, der 2023 in Cannes die Gemüter spaltete und zum finanziellen Misserfolg wurde. Auch in Venedig gab es prominente Rückschläge: Die 200 Millionen Dollar teure Produktion „Joker: Folie à Deux“ wurde bei der Premiere im Vorjahr von der Kritik zerrissen und floppte anschließend an den Kinokassen. Diese Erfahrungen haben die Vorsicht der Studiobosse deutlich erhöht, da ein negativer Start auf einem Festival das Image eines Films bereits vor dem regulären Kinostart beschädigen kann.

Die Rolle der Independent-Filme

Während die großen Blockbuster fehlen, bietet das Festival dennoch Raum für andere Formate. Werner Herzog präsentiert beispielsweise seinen Film „Bucking Fastard“, eine Groteske über eigenwillige Zwillinge, gespielt von Rooney Mara und Kate Mara. Da es sich hierbei um eine Independent-Produktion handelt, an der Herzog selbst als Koproduzent beteiligt ist, spielt der Druck der großen Studiobosse keine Rolle. Herzog zeigt sich unbeeindruckt von den Erwartungen der Industrie oder dem Urteil des Festivalpublikums. Solche Projekte halten die künstlerische Relevanz des Festivals aufrecht, auch wenn der glamouröse Glanz der großen Hollywood-Produktionen verblasst. Dennoch bleibt festzuhalten, dass Venedig seit jeher auch im Autorensegment punktet und nicht zwingend auf jeden Blockbuster angewiesen ist. Dennoch ist der Verlust an Aufmerksamkeit, den das Ausbleiben der großen Namen mit sich bringt, für die Organisatoren spürbar und stellt eine langfristige Bedrohung für die Strahlkraft der Veranstaltung dar.

Offene Fragen zur Zukunft der Festivals

Obwohl die aktuelle Situation klar ist, bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Es ist unklar, ob die neuen Marketingstrategien, wie sie Warner Bros. mit „Fortnite“-Kooperationen erprobt, dauerhaft die klassischen Festival-Premieren ersetzen können. Die Branche beobachtet gespannt, ob die Einspielergebnisse und der Erfolg bei den Oscars – wie sie bei den letztjährigen Beispielen zu sehen waren – ausreichen, um das Fernbleiben von den Festivals dauerhaft zu rechtfertigen. Zudem stellt sich die Frage, wie die Festivals reagieren werden, um ihre Relevanz in einer sich stetig ausufernden Medienwelt zu behaupten. Bisher gibt es keine Anzeichen dafür, dass die großen Studios ihre Strategie für kommende Jahre grundlegend ändern werden. Die Lücke zwischen dem Anspruch der Festivals auf Weltpremieren und dem Wunsch der Studios nach kontrollierter Vermarktung ohne kritisches Risiko scheint derzeit kaum überbrückbar zu sein. Die langfristigen Auswirkungen auf die globale Kinokultur bleiben daher ein zentrales Thema der kommenden Jahre.

Ausblick auf den weiteren Verlauf

Die 83. Filmfestspiele von Venedig laufen noch bis zum 12. September 2026. Trotz der Abwesenheit der großen Hollywood-Studios bleibt das Programm für Cineasten attraktiv, da der Fokus verstärkt auf dem Autorenfilm und internationalen Produktionen liegt. Die Branche wird genau beobachten, wie das Publikum und die Kritiker auf die präsentierten Filme reagieren, insbesondere auf den Eröffnungsfilm „Primetime“. Für die Festivalleitung unter Alberto Barbera geht es nun darum, das Profil des Festivals in einer Zeit zu schärfen, in der die traditionelle Verbindung zwischen Hollywood-Blockbustern und prestigeträchtigen Filmfestivals brüchig geworden ist. Ob es in Zukunft wieder zu einer Annäherung kommen wird oder ob sich die Trennung von Festival-Premieren und Blockbuster-Marketing verfestigt, bleibt abzuwarten. Die kommenden Tage am Lido werden zeigen, ob die reine Qualität der Independent-Filme ausreicht, um die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auch ohne den gewohnten Hollywood-Glamour auf einem hohen Niveau zu halten.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/zeitschriften-regale-mehrfarbig-zeitungen-17155075/ · Foto: Patrick
Quelle: https://www.tagesschau.de/kultur/filmfest-venedig-warum-grosse-hollywood-studios-fehlen-100.html