Ein Fan am Lido: Warten auf den großen Moment
Kurz vor dem offiziellen Beginn der 83. Filmfestspiele in Venedig zeigt sich das Bild am Lido noch vergleichsweise ruhig. Doch während die Vorbereitungen für das prestigeträchtige Event in den letzten Zügen liegen, hat sich ein Besucher bereits fest installiert. Matteo Amistà, ein 25-jähriger Filmfan aus Padua, hat sein Lager direkt an der Absperrung zum roten Teppich aufgeschlagen. Mit einem Zelt, das er dort platziert hat, sichert er sich seinen Platz in der ersten Reihe. Ausgestattet mit dem Nötigsten – darunter Verpflegung, Getränke, ein Sonnenschirm und ein kleiner Ventilator –, verbringt er dort seine Zeit. Für Amistà ist dies keine spontane Idee, sondern eine wohlüberlegte Tradition. Bereits zum fünften Mal in Folge campt er während des Festivals am roten Teppich. Sein Ziel ist klar definiert: Er möchte den Stars der internationalen Filmwelt nahe sein, Autogramme sammeln und Fotos machen. Für den jungen Mann ist der enorme Aufwand, den er betreibt, keineswegs eine Last, sondern eine Herzensangelegenheit, die er mit großer Leidenschaft verfolgt.
Die Logistik eines leidenschaftlichen Filmfans
Der Alltag des 25-jährigen Matteo Amistà am Lido ist durch den Verzicht auf Komfort geprägt. Zwei Wochen seines Jahresurlaubs investiert er in den Aufenthalt bei den Filmfestspielen. Die meiste Zeit verbringt er damit, auf dem harten Boden zu schlafen, um seinen hart erkämpften Platz an der Absperrung unter keinen Umständen zu verlieren. Die Motivation für diesen Einsatz beschreibt er als emotionales Erlebnis. Wenn die Schauspieler in unmittelbarer Nähe vorbeigehen, löse das bei ihm tiefe Gefühle aus. Es seien die Gesichter aus Filmen, die er bereits in seiner Kindheit gesehen habe und die ihn bis ins Erwachsenenalter begleitet hätten. Die Atmosphäre am roten Teppich beschreibt Amistà als intensiv: Man schreie wie ein Verrückter, sobald die Stars erscheinen, und drängele sich in der Menge, um einen kurzen Moment der Aufmerksamkeit, ein Autogramm oder ein Foto zu ergattern. Sein Fokus liegt in diesem Jahr besonders auf George Clooney, den er im vergangenen Jahr aufgrund widriger Umstände – schlechtes Wetter und gesundheitliche Probleme – verpasst hatte.
Hollywoods Wandel aus Sicht des Festivaldirektors
Während sich die Fans am Boden auf die Ankunft der Prominenz vorbereiten, beobachten Medienvertreter und Kamerateams das Geschehen von einer Brücke nahe dem Anlegeplatz der Boote. Sie warten auf die ersten Aufnahmen der Stars. Aktuell ist jedoch vor allem Alberto Barbera, der Festivaldirektor, im Fokus der Aufmerksamkeit. Ihm wird zugeschrieben, das kriselnde Filmfest wieder zu neuer Größe geführt und Hollywood erfolgreich zurück an den Lido gelockt zu haben. Barbera selbst äußert sich jedoch kritisch über den Zustand der US-Filmindustrie. Er betont, dass Hollywood derzeit eine schwierige Phase durchlaufe. Die großen, klassischen Studios seien nicht mehr das, was sie einst waren. Sie befänden sich in einem Prozess der Neudefinition ihrer Produktionsrichtlinien und versuchten, neue Spielräume auszuloten, deren langfristige Ergebnisse derzeit noch nicht absehbar seien. Dies spiegelt sich auch in der diesjährigen Auswahl wider, da Hollywood-Produktionen im Wettbewerb weniger stark vertreten sind als in früheren Jahren.
Ein Wettbewerb zwischen Realität und Krise
Das Programm der 83. Filmfestspiele bietet eine breite Palette an cineastischen Werken, die sich in diesem Jahr auffällig stark mit den drängenden Problemen der Gegenwart auseinandersetzen. Festivaldirektor Alberto Barbera stellt fest, dass viele Regisseure den Weg in die Realität statt in die Fantasie gewählt haben. Themen wie der Ukraine-Krieg, das Drama in Palästina, der Klimawandel sowie die Krisen gesellschaftlicher Institutionen wie Familie und Schule prägen die Auswahl. Zu den Wettbewerbsbeiträgen zählt etwa der Eröffnungsfilm "Ink" von Danny Boyle, der den Aufstieg der britischen Boulevardzeitung "Sun" thematisiert. Martin McDonagh präsentiert "Wild Horse Nine", eine Geschichte über zwei CIA-Agenten, die 1973 den Militärputsch in Chile auf der Osterinsel erleben. Javier Bardem und Penélope Cruz sind in "Bunker" zu sehen, einem Film über ein Ehepaar in der Apokalypse. Auch der deutsche Regisseur Werner Herzog ist mit "Bucking Fastard" vertreten. Zudem wurde kurzfristig ein Film über den Gaza-Krieg in das Programm aufgenommen, während die Unterrepräsentation von Regisseurinnen im Hauptwettbewerb als auffälliger Punkt bleibt.
Die Erwartungen an die Gäste und Ehrungen
Matteo Amistà wird von der inhaltlichen Tiefe der gezeigten Filme wenig mitbekommen, da seine Zeit fast ausschließlich dem Warten am roten Teppich gewidmet ist. Die Gästeliste für das Festival ist prominent besetzt. Erwartet werden unter anderem Robert Pattinson, Penélope Cruz, Javier Bardem, Pamela Anderson und Orlando Bloom. Auch die Gallagher-Brüder der Band Oasis werden am Lido erwartet, da eine Dokumentation über die Musiker im Nebenprogramm gezeigt wird. Der Höhepunkt für Amistà und viele andere Fans ist jedoch die Anwesenheit von George Clooney. Der Schauspieler wird im Rahmen der Eröffnung des Filmfestivals mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk geehrt. Diese Zeremonie stellt für den wartenden Fan die größte Hoffnung dar, seinen persönlichen Star endlich aus der Nähe zu sehen. Die Hoffnung auf schönes Wetter, im Gegensatz zum verregneten Vorjahr, soll diesmal dazu beitragen, dass Clooney für seine Fans anhält und die begehrten Autogramme gibt.
Offene Fragen und der Blick in die Zukunft
Trotz der detaillierten Berichterstattung über die Vorbereitungen und die inhaltliche Ausrichtung des Festivals bleiben einige Aspekte unbeantwortet. So wird nicht explizit geklärt, wie die Sicherheitsvorkehrungen für die am roten Teppich campierenden Fans genau aussehen oder welche offiziellen Regelungen für das Zelten in diesem Bereich gelten. Auch bleibt offen, wie die Festivalleitung langfristig auf die von Barbera beschriebene Krise Hollywoods reagieren will, jenseits der aktuellen Programmauswahl. Ebenso wird nicht ausgeführt, welche konkreten Auswirkungen die Unterrepräsentation von Regisseurinnen auf die zukünftige Auswahlpolitik des Festivals haben könnte. Wie es weitergeht, ist durch den offiziellen Zeitplan der Filmfestspiele vorgegeben: Mit der feierlichen Eröffnung und der Ehrung von George Clooney beginnt die heiße Phase des Festivals. Für Matteo Amistà endet damit die Wartezeit, während für die Fachwelt der Diskurs über die Zukunft der Filmindustrie und die Qualität der Wettbewerbsbeiträge erst richtig beginnt.