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Feuerhistoriker Pyne: „Wir sind dabei, das Äquivalent einer Eiszeit zu schaffen – nur mit Feuer“
Kultur · 04.08.2026 14:56

Feuerhistoriker Pyne: „Wir sind dabei, das Äquivalent einer Eiszeit zu schaffen – nur mit Feuer“

Kurz: Der Feuerhistoriker Stephen Pyne warnt: Unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen führt in ein neues Zeitalter, das er als Pyrozän bezeichnet.

Eine Ära der unkontrollierten Verbrennung

Der renommierte Feuerhistoriker Stephen Pyne zieht eine drastische Parallele: Die aktuellen, weltweit zunehmenden Großfeuer ähneln dem Weltenbrand aus der nordischen Mythologie, dem Ragnarök – allerdings in Zeitlupe. Doch diese langsame Entwicklung beschleunigt sich zunehmend. Pyne, emeritierter Professor an der Arizona State University, sieht in der aktuellen Häufung von Wald- und Flächenbränden eine direkte Konsequenz der modernen, fossilen Lebensweise.

Das dritte Feuer der Menschheitsgeschichte

Um die aktuelle Krise zu verstehen, unterscheidet Pyne drei Stufen der Feuergeschichte:

1. **Das ursprüngliche Feuer:** Natürliche Brände, ausgelöst durch Blitzeinschläge oder Vulkanausbrüche.

2. **Das vom Menschen eingehegte Feuer:** Das kontrollierte Feuer, das den Menschen seit Jahrtausenden als Werkzeug dient.

3. **Das industrielle Feuer:** Die Verbrennung fossiler Biomasse aus der geologischen Tiefenzeit, die den Grundstein für die industrielle Revolution legte und heute massiv zur Erderwärmung beiträgt.

Besonders in Europa hat sich eine Haltung durchgesetzt, die Feuer in der Landschaft als reines Chaos betrachtet. Während traditionelle Landnutzer Feuer einst als Begleiter für die ökologische Erneuerung sahen, wurde es in der Moderne zunehmend als Feindbild definiert. Diese Obsession, jegliches Feuer aus der Landschaft zu verbannen, vergleicht Pyne mit einem übermäßigen Einsatz von Antibiotika: Man tötet zwar die schädlichen Keime, erzeugt jedoch Resistenzen, die das System am Ende instabil machen.

Die systemische Falle der Industrieländer

Die moderne Landwirtschaft, die auf Petrochemikalien, Dünger und Herbiziden basiert, hat die kleinteiligen, mosaikartigen Landschaften verdrängt, die früher als natürliche Brandschutzbarrieren fungierten. Heute führen die veränderten Rahmenbedingungen dazu, dass Feuer nicht mehr nur in Wäldern, sondern zunehmend in Graslandschaften entstehen.

Ein gefährlicher Trugschluss ist laut Pyne die Annahme, dass Städte vor diesen Bränden sicher seien. Siedlungen, die in der Erwartung gebaut wurden, dass es dort niemals brennen würde, werden durch Funkenflug aus der Umgebung zur Zielscheibe. Dass bei solchen Ereignissen oft die Häuser komplett zerstört werden, während die Bäume in den Straßen stehen bleiben, verdeutlicht die veränderte Dynamik dieser urbanen Brandkatastrophen.

Wege aus dem Pyrozän

Der reflexhafte Ruf nach mehr Löschflugzeugen und technischer Ausrüstung greift nach Einschätzung des Historikers zu kurz. Da die Brände an immer neuen Orten ausbrechen, werden sie oft als isolierte Notfälle missverstanden. Das Problem sei jedoch systemisch und eng mit der Art der Landnutzung verknüpft.

Um das Verhältnis zum Feuer zu normalisieren, schlägt Pyne folgende Ansätze vor:

* **Wiederbelebung traditioneller Methoden:** Ähnlich wie in indigenen Gesellschaften könnten gezielt gelegte Brände im Frühjahr helfen, überschüssige Biomasse zu entfernen und so die Gefahr großer, unkontrollierter Brände in der trockenen Jahreszeit zu mindern.

* **Ökologische Infrastruktur:** Die Wiederherstellung mosaikartiger Landnutzungsformen müsse als ebenso essenzielle Infrastruktur begriffen werden wie Stromleitungen oder Straßen.

* **Abkehr von fossilen Brennstoffen:** Da die Erderwärmung untrennbar mit der industriellen Feuergeschichte verbunden ist, bleibt der Ausstieg aus fossilen Energieträgern eine zwingende Notwendigkeit.

Die Transformation hin zu einem nachhaltigen Umgang mit dem Feuer ist ein Prozess, der Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Es geht darum, das „schlechte“ Feuer einzudämmen und das „gute“ Feuer als notwendiges Element der Landschaftspflege wieder zu integrieren, um die Bewohnbarkeit der Erde langfristig zu sichern.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/atemberaubende-aussicht-auf-schloss-gottorf-in-schleswig-holstein-30981119/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/leben-im-pyrozaen-wir-erschaffen-eine-eiszeit-aus-feuer-accg-201094115.html