Eine Stimme gegen das Schweigen
Die chinesische Schriftstellerin Fang Fang, Jahrgang 1955, zählt zu den profiliertesten literarischen Stimmen ihres Landes. Während ihre Werke in China mittlerweile offiziell verboten sind und sie von staatlicher Seite als „Verräterin“ diffamiert wird, findet ihre Literatur im Ausland wachsende Beachtung. Bekanntheit erlangte sie international vor allem durch ihr „Wuhan Diary“, in dem sie die Zustände während der strengen Corona-Lockdowns in ihrer Heimatstadt dokumentierte. Trotz der massiven Zensur und des Drucks bleibt die Autorin ihrer Linie treu: Sie setzt auf einen schonungslosen Realismus, der die gesellschaftlichen Missstände Chinas offenlegt.
Literarische Aufarbeitung einer Selbstmordwelle
Mit dem Roman „Ich geh jetzt los und bring mich um“ (Hoffmann und Campe) liegt nun ein weiteres Werk vor, das ursprünglich bereits 2004 in China erschien und dort heute nicht mehr erhältlich ist. Das Buch wirft ein Schlaglicht auf die Jahrtausendwende, eine Zeit, die in China von einer tiefen gesellschaftlichen Depression geprägt war. Besonders unter Frauen häuften sich in dieser Ära die Suizide. Fang Fang nutzt diese historische Stimmung, um das Schicksal der Protagonistin Hanqing zu erzählen, die stellvertretend für viele Frauen in den unteren sozialen Schichten steht.
Zwischen häuslicher Unterdrückung und körperlichem Leid
Die Geschichte der Icherzählerin Hanqing ist von einer erdrückenden Alltäglichkeit geprägt. Als Schwiegertochter in einem Mehrpersonenhaushalt verrichtet sie die gesamte Hausarbeit, erfährt jedoch von ihrer Familie – bestehend aus Schwiegereltern, ihrem arbeitslosen Ehemann und dessen Schwester – keinerlei Wertschätzung. Sie fühlt sich wie „Unkraut“ behandelt, während sie versucht, die täglichen Anforderungen zu erfüllen.
Erschwert wird ihr Leben durch ein chronisches körperliches Leiden, eine Darmverstopfung, die auf die Mangelernährung während der Kulturrevolution zurückzuführen ist. Diese gesundheitliche Belastung wird innerhalb der Familie nicht als Leid anerkannt, sondern führt zu Hohn und Konflikten, da sie den reibungslosen Ablauf des Haushalts stört. Die Autorin verwebt hier auf bizarre Weise das Private mit dem Politischen: Die Ideologie, nach der Frauen „die Hälfte des Himmels“ tragen, entpuppt sich im Alltag als leere Phrase.
Der Weg aus der Isolation
Als Hanqing ihrer Familie schließlich ihren Entschluss mitteilt, sich das Leben zu nehmen, reagiert ihr Umfeld mit erschreckender Gleichgültigkeit. Selbst ihr eigener Sohn begegnet ihr mit Spott. Diese Reaktion markiert den Wendepunkt: Hanqing verlässt das Haus und irrt durch Wuhan. Auf ihrer Reise durch die Stadt begegnet sie verschiedenen Frauen, die alle auf ihre Weise mit dem „Horror“ des Lebens kämpfen. Dabei entstehen Begegnungen, die von der Verzweiflung bis hin zur lebensklugen Erkenntnis reichen, dass trotz allem eine Verantwortung für andere Menschen besteht.
Ein Sittenbild moderner gesellschaftlicher Brüche
Fang Fangs Erzählweise verzichtet auf philosophische Überhöhungen. Stattdessen fokussiert sie auf die Härte des Überlebenskampfes, die Ungerechtigkeiten innerhalb der Familie und die Bitterkeit, die das Leben der Protagonistin überschattet. Der Roman fungiert als Sittenbild einer Gesellschaft, in der die propagierten Ideale oft in krassem Widerspruch zur gelebten Realität stehen.
Die Übersetzung ins Deutsche macht ein Werk zugänglich, das trotz seiner Entstehung vor zwei Jahrzehnten nichts von seiner Dringlichkeit verloren hat. Es ist ein Zeugnis für die Unbeugsamkeit einer Autorin, die sich weigert, in die Welt der phantastischen Eskapismen auszuweichen, und stattdessen die Augen vor der ungeschminkten Wahrheit nicht verschließt.