Eine Allianz der Extreme
Die Debatte über die Wechselwirkungen zwischen islamistischen und rechtsextremen Akteuren hat nach einem Anschlag auf den CSD in Berlin erneut an Intensität gewonnen. Während die ideologischen Fronten zwischen diesen Gruppierungen auf den ersten Blick unversöhnlich erscheinen, weisen Experten auf eine gefährliche Dynamik hin: Beide Seiten verfolgen das Ziel, die gesellschaftliche Mitte zu schwächen und durch eine zunehmende Polarisierung politische Instabilität zu erzeugen.
Strategische Interessen hinter der Spaltung
Julia Ebner, Leiterin des Violent Extremism Lab an der Universität Oxford, betont, dass Islamisten und Rechtsextremisten in ihren Narrativen erstaunliche Parallelen aufweisen. Dies betrifft insbesondere die Ablehnung von Frauenrechten, die Feindseligkeit gegenüber queeren Menschen sowie antisemitische Weltbilder. Laut Ebner ist dies kein Zufall, sondern Teil einer bewussten Strategie.
Bereits im US-Wahlkampf 2016 zeigten Beobachtungen, dass dschihadistische Gruppen gezielt auf den Wahlsieg von Donald Trump hinarbeiteten. Das Kalkül dahinter ist zynisch: Durch die weitere Dämonisierung von Muslimen unter einer rechtspopulistischen Führung hoffen Extremisten, die muslimische Bevölkerung in die Isolation zu treiben. Diese Ausgrenzung soll den Zulauf zu dschihadistischen Organisationen wie dem IS erhöhen. Das Ziel ist die Zerstörung des gesellschaftlichen Zusammenhalts.
Wechselseitige Verstärkung der Narrative
Der Konfliktforscher Jannis Grimm von der Freien Universität Berlin ordnet diese Phänomene als wechselseitige Verstärkung ein. Obwohl sich Rechtsextreme und Dschihadisten ideologisch als erbitterte Feinde gegenüberstehen, bedienen sie sich gegenseitig als „nützliche“ Akteure:
* **Rechtsextreme Perspektive:** Dschihadistische Gewalt wird instrumentalisiert, um das Narrativ einer existentiellen Bedrohung durch Migration und den Islam zu belegen.
* **Islamistische Perspektive:** Antimuslimischer Rassismus und rechtsextreme Gewalt dienen als Bestätigung für die Behauptung, der Westen sei grundsätzlich feindselig gegenüber Muslimen eingestellt.
Diese Dynamik führt dazu, dass beide Lager von einem Anstieg der Furcht und des Hasses in der Gesellschaft profitieren. Ein Anschlag, wie der auf den CSD, kann somit paradoxerweise sowohl rechtspopulistische Akteure in ihrer Agenda stärken als auch dschihadistische Rekrutierungskampagnen befeuern.
Gemeinsame autoritäre Gesellschaftsbilder
Neben der strategischen Instrumentalisierung gibt es laut Grimm tiefgreifende inhaltliche Schnittmengen. Beide Extremismusformen zeichnen sich durch folgende Merkmale aus:
- Ein ausgeprägter Antipluralismus
- Autoritäre Vorstellungen von Gesellschaftsstrukturen
- Patriarchale Geschlechterbilder und Antifeminismus
- Eine explizite Ablehnung queerer Lebensentwürfe
Diese ideologischen Gemeinsamkeiten bilden den Nährboden, auf dem die gegenseitige Radikalisierung gedeihen kann. Dennoch warnt die Forschung davor, die Taten vorschnell zu vermischen. Ein Anschlag wird nicht durch die Reaktion der politischen Gegenseite definiert, sondern durch seine primäre Motivation. Im aktuellen Fall in Berlin gehen Experten nach derzeitigem Kenntnisstand von einem salafistisch-dschihadistisch motivierten Hintergrund aus, der als solcher klar benannt und adressiert werden muss.
Ausblick auf die politische Landschaft
Die Forschung verdeutlicht, dass die Gefahr nicht nur in der Tat selbst liegt, sondern in der langfristigen Destabilisierung demokratischer Strukturen. Wenn rechtspopulistische Akteure von Anschlägen profitieren, um ihre Agenda voranzutreiben, und dschihadistische Gruppen diese Reaktionen nutzen, um den Keil in der Gesellschaft weiter zu vertiefen, entsteht ein Teufelskreis. Die kommenden Landtagswahlen könnten laut Beobachtern zeigen, wie stark diese Mechanismen bereits in den politischen Diskurs eingedrungen sind.