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Enisa: Anthropic öffnet Mythos-Modell für EU-Cyberagentur
Schlagzeilen · 11.09.2026 10:16

Enisa: Anthropic öffnet Mythos-Modell für EU-Cyberagentur

Kurz: Die EU-Cybersicherheitsagentur Enisa erhält nach monatelangen Verhandlungen Zugriff auf das KI-Modell Mythos von Anthropic – jedoch nicht in der neuesten Versio

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die Europäische Union hat einen wichtigen Schritt in Richtung der technologischen Souveränität im Bereich der Künstlichen Intelligenz vollzogen. Nach einem mehr als dreimonatigen Verhandlungsprozess hat das US-amerikanische Unternehmen Anthropic der EU-Agentur für Cybersicherheit (Enisa) den Zugriff auf sein spezialisiertes KI-Modell mit der Bezeichnung Mythos gewährt. Diese Nachricht, die am 11. September 2026 bekannt wurde, markiert das Ende einer intensiven diplomatischen und technischen Auseinandersetzung. Die Enisa, die als zentrale Instanz für die Sicherheit digitaler Infrastrukturen in Europa fungiert, nutzt das Modell nun, um dessen Fähigkeiten in einem praktischen Umfeld zu erproben. Der Prozess ist jedoch von einer deutlichen Einschränkung geprägt, die für die europäische Seite von erheblicher Bedeutung ist: Anthropic verwehrt der Agentur den Zugriff auf die aktuellste Iteration des Modells, namentlich Mythos 5.1. Stattdessen müssen sich die europäischen Experten mit der Vorgängerversion begnügen. Diese Entscheidung wirft ein Schlaglicht auf die komplexen Machtverhältnisse zwischen US-KI-Entwicklern und europäischen Regulierungsbehörden, insbesondere wenn es um hochsensible Technologien geht, die sowohl für die Verteidigung als auch für den potenziellen Missbrauch von IT-Systemen relevant sind.

Die Einzelheiten der Vereinbarung

Die Details der Vereinbarung zwischen Anthropic und der Enisa lassen auf eine vorsichtige Annäherung schließen. Thomas Regnier, der als Sprecher der Europäischen Kommission fungiert, bestätigte gegenüber Bloomberg die aktuelle Testphase. Die Enisa arbeitet demnach mit der Version Mythos 5, während die weiterentwickelte Version 5.1 exklusiv unter Verschluss bleibt. Diese Differenzierung ist entscheidend, da sie die Tiefe der Kooperation limitiert. Anthropic hatte das Modell Mythos erstmals im April 2026 der Öffentlichkeit präsentiert. Das Modell zeichnet sich durch eine besondere Fähigkeit aus: Es ist in der Lage, Sicherheitslücken in IT-Systemen präzise zu identifizieren. Aufgrund dieses hohen Gefahrenpotenzials hat das Unternehmen das Projekt Glasswing ins Leben gerufen. Im Rahmen dieses Projekts wird der Zugriff auf eine sehr kleine, streng geprüfte Gruppe von Institutionen beschränkt. Ziel dieser Strategie ist es, Schwachstellen in Software und Infrastrukturen zu schließen, bevor diese durch böswillige Akteure ausgenutzt werden können. Bislang wurden jedoch keine spezifischen Informationen darüber veröffentlicht, welche konkreten Erkenntnisse die Enisa aus ihren Tests gewinnen konnte oder in welchem Umfang die Modellprüfung tatsächlich stattfindet.

Hintergrund der Verhandlungen

Der Weg bis zu dieser Einigung war lang und von zahlreichen Hindernissen geprägt. Bereits Ende Mai 2026 hatte Anthropic auf massiven Druck der Europäischen Union hin den Vorschlag unterbreitet, der Enisa einen Zugang zu ermöglichen. Dass dieser Prozess bis in den September hinein andauerte, unterstreicht die Komplexität der Materie. Ein wesentlicher Belastungsfaktor waren die restriktiven Vorgaben der US-Regierung. Diese hatten den grenzüberschreitenden Zugang zu den Modellen Mythos und Fable – einem weiteren KI-System aus dem Hause Anthropic – drastisch eingeschränkt. Diese Maßnahmen der US-Behörden zielten darauf ab, den Export von Hochleistungstechnologie zu kontrollieren, die als sicherheitskritisch eingestuft wird. Die EU-Verhandlungsführer mussten sich daher durch ein Geflecht aus nationalen Sicherheitsinteressen der USA und den eigenen Anforderungen an eine unabhängige Cybersicherheitsprüfung navigieren. Die Verhandlungen drehten sich dabei nicht nur um die bloße Erlaubnis zur Nutzung, sondern vor allem um die Form und den Umfang der technischen Integration, wobei die US-Restriktionen als ständiger Begleiter die Spielräume auf europäischer Seite erheblich einengten.

Die beteiligten Akteure und Institutionen

An diesem Prozess sind mehrere einflussreiche Akteure beteiligt. Auf der Seite des Anbieters steht Anthropic, ein Unternehmen, das durch seine restriktive Veröffentlichungspolitik bei sicherheitsrelevanten KI-Modellen auffällt. Die EU wird primär durch die Enisa vertreten, die als zentrale europäische Agentur für Cybersicherheit die Aufgabe hat, das Schutzniveau in den Mitgliedsstaaten zu erhöhen. Unterstützt wird dieser Prozess durch die Europäische Kommission, deren Sprecher Thomas Regnier als Sprachrohr für die offizielle Kommunikation dient. Interessanterweise ist die EU nicht die einzige Institution, die mit den Einschränkungen von Anthropic zu kämpfen hat. Auch das britische AI Safety Institute, das als eine der ersten internationalen Einrichtungen außerhalb der USA das ursprüngliche Mythos-Modell einer Bewertung unterzog, bleibt von der neuesten Version 5.1 ausgeschlossen. Diese Gleichbehandlung verdeutlicht, dass Anthropic eine sehr strikte Linie verfolgt, bei der selbst enge Verbündete der USA keinen privilegierten Zugang zu den neuesten Entwicklungsstufen erhalten, sofern diese als besonders sensibel eingestuft werden.

Einordnung der Situation

Einzuordnen ist das Geschehen als Ausdruck einer neuen Ära der geopolitischen Technologie-Kontrolle. KI-Modelle, die in der Lage sind, Sicherheitslücken in kritischen Infrastrukturen aufzuspüren, werden zunehmend als digitale Waffen oder zumindest als hochsensible Verteidigungsgüter betrachtet. Die Tatsache, dass Anthropic den Zugang unter dem Projekt Glasswing so stark kanalisiert, deutet darauf hin, dass die Gefahr eines Missbrauchs durch staatliche oder nicht-staatliche Akteure als so hoch eingeschätzt wird, dass selbst eine vertrauenswürdige Institution wie die Enisa nur unter Vorbehalt agieren darf. Den Berichten zufolge ist die Verweigerung der Version 5.1 ein deutliches Signal dafür, dass die USA ihre technologische Vormachtstellung wahren wollen, indem sie die neuesten Sicherheits-KI-Tools unter ihrer direkten Kontrolle halten. Für die EU bedeutet dies, dass sie zwar an der Entwicklung partizipieren kann, jedoch bei der Analyse der neuesten Sicherheitsrisiken stets auf die Kooperationsbereitschaft der US-Unternehmen angewiesen bleibt. Es handelt sich hierbei um eine technologische Abhängigkeit, die durch die regulatorischen Hürden der US-Regierung noch verstärkt wird.

Offene Fragen und Lücken

Der vorliegende Sachverhalt lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für eine vollständige Einschätzung der Lage wichtig wären. Erstens bleibt vollkommen unklar, welche konkreten technischen Unterschiede zwischen der Version 5 und der Version 5.1 bestehen, die eine solche strikte Geheimhaltung rechtfertigen würden. Es ist nicht bekannt, ob die neuere Version über signifikant verbesserte Fähigkeiten bei der Identifizierung von Zero-Day-Exploits verfügt oder ob sie andere, bisher nicht genannte Funktionen enthält. Zweitens fehlen Informationen über die genaue Dauer der Testphase. Es ist nicht ersichtlich, ob die Enisa einen zeitlich begrenzten Zugang hat oder ob ein dauerhafter Zugriff vereinbart wurde. Drittens gibt es keine Details darüber, welche Sicherheitsvorkehrungen die Enisa treffen muss, um den Zugang zu Mythos 5 zu gewährleisten. Welche Auflagen Anthropic der Agentur hinsichtlich der Datenspeicherung und der Auswertung der Ergebnisse gemacht hat, bleibt ebenso im Dunkeln wie die Frage, ob die Enisa ihre Ergebnisse mit anderen europäischen Sicherheitsbehörden teilen darf oder ob diese exklusiv für die Agentur bestimmt sind.

Wie es weitergeht

Für die Zukunft bleibt abzuwarten, wie sich die Zusammenarbeit zwischen der Enisa und Anthropic entwickelt. Da die aktuelle Testphase auf die Version 5 beschränkt ist, stellt sich die Frage, ob in den kommenden Monaten weitere Verhandlungen über ein Upgrade auf die Version 5.1 stattfinden werden. Bisher gibt es keine Anzeichen für einen festen Zeitplan, der eine solche Erweiterung des Zugangs vorsieht. Die Enisa wird nun in der Praxis beweisen müssen, dass sie mit der älteren Version 5 wertvolle Erkenntnisse für die europäische Cybersicherheit generieren kann. Sollten die Testergebnisse der Enisa überzeugen, könnte dies den Druck auf Anthropic erhöhen, die restriktive Politik gegenüber der EU zu lockern. Gleichzeitig bleibt die Entwicklung der US-amerikanischen Exportkontrollen für KI-Modelle ein kritischer Faktor, der über künftige Kooperationen entscheiden wird. Die EU-Agentur steht nun vor der Aufgabe, ihre Arbeit mit den zur Verfügung stehenden Mitteln fortzusetzen, während die internationale Gemeinschaft die weitere Entwicklung von Mythos und die damit verbundenen Sicherheitsrisiken genau beobachten wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/smartphone-dokument-stillleben-daten-7887848/ · Foto: Leeloo The First
Quelle: https://www.golem.de/news/enisa-anthropic-oeffnet-mythos-modell-fuer-eu-cyberagentur-2609-212904.html