Ein Epos im Wandel der Wahrnehmung
In der heutigen Zeit scheint die „Odyssee“ die Gunst des Publikums klar für sich gewonnen zu haben. Während die Irrfahrten des listigen Odysseus ein breites, modernes Publikum fesseln, wirkt die „Ilias“ mit ihren ausufernden Schlachtszenen und dem zornigen Achill oft weniger zugänglich. Ein Gelehrter aus der antiken Kaiserzeit zog einst einen treffenden Vergleich: Homer als Autor der „Odyssee“ sei wie eine untergehende Sonne – ihre Größe sei zwar noch erkennbar, doch die einstige Intensität habe bereits nachgelassen. Das wahre Meisterwerk, so die antike Auffassung, sei die „Ilias“. Dieser Vorrang spiegelte sich einst in den Schulcurricula wider, und auch die archäologische Fundlage unterstreicht dies: Es sind dreimal mehr Papyrusfragmente der „Ilias“ erhalten als der „Odyssee“. Der britische Althistoriker Robin Lane Fox möchte mit seinem neuen Buch „Helden, Götter, Krieger. Homer und seine Ilias“ genau hier ansetzen. Er möchte dem Epos vom Trojanischen Krieg zu seinem alten Glanz verhelfen. Für ihn ist die „Ilias“ nicht nur das bedeutendste epische Gedicht der Welt, sondern das bedeutendste Gedicht überhaupt. Lane Fox, der vor allem als Alexander-Biograph und Garten-Kolumnist der „Financial Times“ bekannt ist, präsentiert hier das Ergebnis einer lebenslangen Beschäftigung mit dem Stoff.
Die Entstehung des Epos und die Diktat-These
Der erste Teil des Buches widmet sich der Frage nach dem Ursprung des Epos. Während viele anglophone Philologen Homer lediglich als eine spätere Fiktion betrachten und die Epen als Gemeinschaftswerk einer Bardenschule deuten, vertritt Lane Fox eine andere Position. Er hält an der Existenz eines historischen Dichters namens Homer fest, der zwischen 750 und 740 vor Christus im ionischen Raum, genauer zwischen Ephesos und Milet, gewirkt haben soll. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Art der Entstehung: Lane Fox ist überzeugt, dass Homer des Schreibens unkundig war. Er habe seine Werke im mündlichen Vortrag komponiert, sie jedoch schriftlich fixieren lassen, indem er sie diktierte. Hier fügt der Autor eine höchst eigenwillige Hypothese hinzu: Er vermutet, Homer habe die „Ilias“ seiner eigenen Tochter diktiert. Mit dieser Annahme versucht er, die erzählerische Raffinesse und die Stabilität der Überlieferung zu erklären. Dennoch bleibt auch bei dieser Theorie eine entscheidende Lücke: Es gibt keine überzeugende Antwort darauf, wie und warum ein Gedicht von über 15.000 Versen in einer rein mündlichen Gesellschaft überhaupt schriftlich festgehalten werden konnte.
Topographie und die Suche nach dem historischen Kern
Ein besonders umstrittener Punkt in Lane Fox’ Argumentation ist die Identifikation der homerischen Orte mit der heutigen Landschaft von Hisarlık, dem Ort des historischen Troja. Der Autor zeigt sich hierbei äußerst sicher und ist überzeugt, dass der Dichter das „windumtoste Troja“ an einem klaren Tag besucht haben muss, als sogar Samothrake in der Ferne sichtbar war. Diese Art der topographischen Kartierung stieß bereits in der Vergangenheit auf scharfe Kritik. Der bedeutende Altertumswissenschaftler Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff bezeichnete solche Versuche als wenig ernstzunehmend und kritisierte jene, die den Todeslauf Hektors auf einer Karte einzeichnen wollten, ohne das tatsächliche Höhenprofil des Geländes zu berücksichtigen. Im Gegensatz zu anderen Gräzisten wie Joachim Latacz verzichtet Lane Fox jedoch darauf, die Handlung der „Ilias“ direkt mit einem historischen Krieg zu verknüpfen. Er findet in den Quellen keine Belege für ein solches Ereignis. Stattdessen folgt er der These, dass die epische Dichtung primär von den Ruinen der Bronzezeit inspiriert wurde, was auch erklärt, warum einzelne Gegenstände im Text bronzezeitlich sind, während die Gesellschaftsstruktur eher das 8. Jahrhundert vor Christus widerspiegelt.
Die Welt der Helden und die aristokratische Identifikation
Im zweiten Teil seines Werkes widmet sich Lane Fox der inhaltlichen Interpretation der „Ilias“. Er betont die komplexe Struktur des Epos, das zwar nur 51 Tage im zehnten Kriegsjahr umfasst, aber durch geschickte Vor- und Rückverweise den gesamten Trojanischen Krieg in den Fokus rückt. Dabei setzt er sich kritisch mit der Deutung von Simone Weil auseinander, die das Werk primär als Gedicht über die Gewalt begriff. Lane Fox sieht es stattdessen als ein aristokratisches Epos, in dem Helden nach Ruhm streben und unter Schande leiden. Seine persönliche Identifikation mit diesen Helden ist dabei unübersehbar. Der Autor, der aus dem landbesitzenden Adel Englands stammt, betont regelmäßig seine Erziehung am Eton College. Er zitiert dort vermittelte Lebenslektionen, wie das Lieben des alten Homer, mit großem Wohlgefallen. Diese Nähe zu den Helden wird in einer persönlichen Anekdote deutlich: Um Alexander den Großen zu übertreffen – der nackt um das Grab des Achill gelaufen sein soll –, lief Lane Fox selbst nackt um die Zitadelle von Troja. Ob dies als Schrulligkeit oder Größenwahn zu werten ist, bleibt offen, doch es zeigt sein hermeneutisch naives Verständnis der antiken Welt.
Einordnung: Zwischen Fachwissen und Spleen
Einzuordnen ist das Werk als ein sehr persönliches Buch, das jedoch den Anspruch einer wissenschaftlichen Homerforschung nicht vollends einlösen kann. Es ist eine Mischung aus altbekannten Ansätzen und teils abstrusen Ideen, etwa der Vermutung, dass Homer seine Epen zuerst vor Soldaten im Krieg vorgetragen habe. Der Stil des Buches ist zwar leichtfüßig, doch die Ausführlichkeit der Darstellung setzt beim Leser einen enormen Enthusiasmus voraus. Den Berichten zufolge ist das Buch trotz der Auseinandersetzung mit der Fachliteratur nicht als ein klassischer Beitrag zur Homerforschung zu verstehen. Es wirkt stellenweise spleenig und wenig originell. Besonders die Versuche, homerische Werte direkt auf die heutige Zeit zu übertragen, wirken antiklimaktisch. So vergleicht er den Zorn der Göttinnen Hera und Athene mit der Eifersucht unter Schönheitsköniginnen und bezeichnet Andromache als eine „solide Dame der Oberschicht“. Solche Vergleiche ignorieren die kritische Distanz, die seit Nietzsche und den Historisten gegenüber dem Klassizismus aufgebaut wurde, und könnten die Debatte um eine Dekolonialisierung der „Classics“ eher befeuern als beruhigen.
Offene Fragen und Lücken in der Argumentation
Der Quelltext macht deutlich, dass das Buch an mehreren Stellen Fragen offen lässt, die der Autor nicht befriedigend beantworten kann. Eine der größten Lücken ist die praktische Umsetzung der schriftlichen Fixierung. Wie genau ein derart umfangreiches Werk von über 15.000 Versen in einer Gesellschaft ohne etablierte Schriftkultur aufgeschrieben werden konnte, bleibt spekulativ. Auch die Identifikation der Landschaften bleibt eine Behauptung, die durch das tatsächliche Gelände vor Ort nicht zweifelsfrei gestützt wird. Ebenso wenig erklärt der Autor, warum seine spezifische Sichtweise auf die „Ilias“ als aristokratisches Epos die moderne Forschung bereichern sollte, wenn er gleichzeitig grundlegende wissenschaftliche Standards der Distanzierung vermissen lässt. Es bleibt zudem unklar, welches Publikum er tatsächlich erreichen möchte: Für Fachleute ist das Werk zu wenig originell, für Laien möglicherweise zu detailliert und in der deutschen Übersetzung ungelenk. Die Frage, ob Homer seine Werke tatsächlich vor Soldaten vortrug, bleibt ebenso unbelegt wie die Identität der Tochter als Diktat-Empfängerin.
Die Rezeption und der klassizistische Blick
Die Rezeption von Lane Fox’ Buch muss im Kontext der aktuellen Debatten über den Umgang mit der Antike gesehen werden. Seine Art, die homerischen Helden als Vorbilder für den modernen Aristokraten zu stilisieren, wirkt wie ein Relikt vergangener Zeiten. Die anhaltende Präsenz eines solchen klassizistischen Zugriffs auf die Antike ist ein wesentlicher Grund für die Heftigkeit, mit der in der anglophonen Welt eine Dekolonialisierung der Altertumswissenschaften gefordert wird. Lane Fox ignoriert diese Entwicklungen weitgehend und beharrt auf der Gültigkeit homerischer Werte für die Gegenwart. Dies führt dazu, dass sein Werk zwar als leidenschaftliches Plädoyer für die „Ilias“ gelesen werden kann, jedoch als wissenschaftliche Auseinandersetzung an den drängenden Fragen der modernen Homerforschung vorbeigeht. Die Identifikation mit dem Helden Achill, die Alexander den Großen einst zu seinem Lauf um die Zitadelle antrieb, wird von Lane Fox in einer Weise übernommen, die eine kritische Distanz vermissen lässt. Damit stellt sich die Frage, ob das Buch eher als ein autobiographisches Dokument eines Homer-Liebhabers zu verstehen ist denn als ein Sachbuch, das neue Erkenntnisse über das Epos liefert.
Ausblick: Was bleibt von der Ilias?
Wie es mit der Forschung zur „Ilias“ weitergeht, bleibt abzuwarten. Sicher ist, dass die Debatte um die Entstehung der Epen und die Rolle Homers auch nach diesem Buch nicht verstummen wird. Robin Lane Fox liefert mit seinem Werk einen Beitrag, der vor allem durch seine Subjektivität besticht. Ob sich die These vom Diktat an die Tochter oder die Vermutung über den Vortrag vor Soldaten in der Fachwelt durchsetzen werden, ist angesichts der mangelnden Belege zweifelhaft. Das Buch wird vermutlich vor allem jene Leser ansprechen, die eine Begeisterung für den Autor und seine persönliche Sicht auf die Antike teilen. Für die akademische Welt bleibt jedoch die Herausforderung bestehen, die „Ilias“ in einem Kontext zu interpretieren, der sowohl ihre historische Bedeutung als auch ihre literarische Komplexität würdigt, ohne dabei in eine unkritische Identifikation mit den Helden zu verfallen. Die „Ilias“ wird zweifellos weiterhin als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur gelten, auch wenn die Suche nach dem historischen Kern und dem Ursprung des Dichters Homer weiterhin ein Feld für Spekulationen bleibt.