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Elektroauto: Niedervolt-Batterie mit Natrium statt Blei geht in Serie
Technik · 01.09.2026 10:30

Elektroauto: Niedervolt-Batterie mit Natrium statt Blei geht in Serie

Kurz: Der chinesische Hersteller Xupai liefert Natrium-Ionen-Batterien für das 12-Volt-Bordnetz von BAIC-Elektroautos. Die Technik könnte Bleiakkus langfristig ersetz

Was geschehen ist – die Kernmeldung

In der Automobilindustrie vollzieht sich ein technologischer Wandel bei den Niedervolt-Speichern. Der chinesische Batteriehersteller Xupai hat begonnen, Elektrofahrzeuge der Marke Arcfox, die zum BAIC-Konzern gehört, mit Natrium-Ionen-Batterien für das 12-Volt-Bordnetz auszustatten. Bisher wurden in diesem Bereich nahezu ausschließlich Blei-Säure-Batterien eingesetzt, die jedoch als fehleranfällig gelten. Mit diesem Schritt findet die Natrium-Ionen-Technik den Weg in die Serienproduktion von Pkw, und zwar nicht nur als Traktionsspeicher, sondern als essenzielle Komponente für die Stromversorgung von Steuergeräten, Infotainment-Systemen und Fahrerassistenzfunktionen. Diese Entwicklung markiert einen potenziellen Wendepunkt, da die Natrium-Ionen-Batterie das Potenzial besitzt, den seit den 1880er-Jahren etablierten Bleiakku langfristig abzulösen. Die Integration erfolgt dabei als Plug-and-play-Lösung, was bedeutet, dass keine grundlegenden Änderungen an der bestehenden Fahrzeugelektrik vorgenommen werden müssen. Damit reagiert die Industrie auf die bekannten Schwächen der Bleitechnik, insbesondere in Bezug auf Gewicht, Langlebigkeit und Zuverlässigkeit, und setzt auf eine chemische Zusammensetzung, die ohne kritische Rohstoffe auskommt.

Die Einzelheiten der neuen Batterietechnik

Die technischen Spezifikationen der neuen Xupai-Batterien für das Niedervolt-Segment sind bemerkenswert und verdeutlichen den Fortschritt gegenüber herkömmlicher Blei-Säure-Technik. Für die 12-Volt-Variante gibt der Hersteller eine Zykluslebensdauer von mehr als 3000 Zyklen bei einer Entladetiefe von 100 Prozent an. Spezielle Varianten für Start-Stopp-Systeme sollen sogar eine Lebensdauer von über 180.000 Zyklen erreichen. Im Vergleich dazu kommen herkömmliche Blei-Säure-AGM- oder EFB-Batterien, wie sie in europäischen Fahrzeugen weit verbreitet sind, meist nur auf 200 bis 400 Zyklen bei hoher Entladetiefe. Auch beim Gewicht bietet die Natrium-Technik Vorteile: Die Starterbatterien sind rund 55 Prozent leichter als ihre Pendants auf Blei-Basis. Während Blei-Säure-Systeme eine Energiedichte von etwa 30 bis 40 Wattstunden pro Kilogramm auf Systemebene erreichen, liegen Natrium-Ionen-Niedervoltbatterien laut Daten des Ingenieursdienstleisters IAV und des Zellherstellers HiNa bei etwa 80 bis 110 Wattstunden pro Kilogramm. Ein IAV-Prototyp mit 70 Amperestunden und 840 Wattstunden wiegt lediglich 10 Kilogramm und ist für einen Temperaturbereich von −40 bis +60 Grad Celsius ausgelegt. Alle Varianten sind mit einem Batteriemanagementsystem (BMS) ausgestattet, das CAN- oder CAN-FD-Kommunikation unterstützt und die Sicherheitsstufe ASIL B erfüllt.

Hintergrund zur Entwicklung der Bordnetz-Speicher

Seit Beginn des Automobilbaus gilt die Blei-Säure-Batterie als Standard für den Niederspannungsstromkreis. Trotz ihrer langen Historie ist sie jedoch häufig die Ursache für Pannen, selbst in hochmodernen Elektrofahrzeugen. Die Suche nach Alternativen wurde durch die Notwendigkeit vorangetrieben, Gewicht zu sparen und die Zuverlässigkeit zu erhöhen. Zwar haben Entwicklungen wie LFP-Akkus (Lithium-Eisenphosphat) bereits gezeigt, dass ein Ersatz für Blei möglich ist, doch diese sind oft mit hohen Kosten verbunden. Die Natrium-Ionen-Batterie wird nun als günstigere und sicherere Alternative gehandelt, da sie keine kritischen Rohstoffe wie Lithium benötigt. Die Branche hat in den letzten Jahren intensiv an der Zellchemie geforscht, um die Nachteile der Bleitechnik – etwa die Korrosionsanfälligkeit, die Gefahr durch Schwefelsäure und die Knallgasbildung bei Überladung – zu eliminieren. Die nun erreichte Serienreife bei BAIC ist das Ergebnis jahrelanger Bemühungen, diese Technologie vom Labormaßstab in die industrielle Anwendung zu überführen. Dabei wurden nicht nur die Zellen optimiert, sondern auch die Integration in das Fahrzeugbordnetz durch standardisierte Baugrößen und moderne BMS-Lösungen vereinfacht.

Die Beteiligten und ihre Rollen

An diesem technologischen Fortschritt sind verschiedene Akteure beteiligt. Der Batteriehersteller Xupai fungiert als Lieferant und Entwickler der Natrium-Ionen-Niedervoltbatterien. Die BAIC-Marke Arcfox ist der erste Anwender, der diese Technik in die Serienfertigung seiner Elektroautos integriert. Auf der Seite der Forschung und Entwicklung spielt der deutsche Ingenieursdienstleister IAV eine wichtige Rolle, der bereits Prototypen für 12-Volt-Natrium-Ionen-Systeme konzipiert hat. Auch der chinesische Zellhersteller HiNa ist maßgeblich an der Datenbasis für die Leistungsfähigkeit dieser Zellen beteiligt. Im Traktionsbereich ist zudem der Batteriegigant CATL aktiv, der mit seiner Naxtra-Technologie bereits Natrium-Ionen-Akkus für den Changan Nevo A06 liefert. International arbeiten Unternehmen wie die Camel Group und Clarios an der Verbreitung dieser Technik. Clarios, als weltweit größter Anbieter von 12-Volt-Batterien, befasst sich intensiv mit der Entwicklung für die Erstausrüstung und den Aftermarket. Die IEC (International Electrotechnical Commission) treibt parallel dazu die Standardisierung für 12-Volt-Natrium-Ionen-Start-Stopp-Batterien voran, um eine breitere Marktakzeptanz zu erreichen.

Einordnung der technologischen Bedeutung

Einzuordnen ist diese Entwicklung als ein bedeutender Schritt in Richtung einer nachhaltigeren und zuverlässigeren Bordnetz-Architektur. Den Berichten zufolge bietet die Natrium-Ionen-Chemie signifikante Sicherheitsvorteile, da die Neigung zum thermischen Durchgehen im Vergleich zu Lithium-NMC- oder NCA-Chemien deutlich geringer ist. Hersteller wie Altris sprechen in diesem Kontext sogar von einem „Zero Thermal Runaway“-Szenario. Die Zellen sind zudem auf Überladeresistenz geprüft, was die Sicherheit im täglichen Betrieb erhöht. Während die Natrium-Ionen-Technik im Traktionsbereich bereits durch erste Großserienmodelle wie den Changan Nevo A06 erprobt wird, ist der Einsatz im Niedervolt-Bordnetz ein logischer nächster Schritt, um die Abhängigkeit von Blei und Lithium zu verringern. Die Experten des Ingenieursdienstleisters IAV sehen in der Natrium-Ionen-Batterie eine vielversprechende Alternative zu LFP-Speichern, insbesondere aufgrund der Leistungsdichte und des Kälteverhaltens. Dennoch bleibt die Blei-Säure-Batterie aufgrund ihrer aktuell noch deutlich niedrigeren Kosten im Bestandsmarkt vorerst dominant. Ein Marktanteil von über 50 Prozent für Natrium-Ionen-Batterien in europäischen Neufahrzeugen zwischen 2030 und 2035 gilt jedoch als realistisch, sofern die Kosten weiter sinken.

Offene Fragen und Herausforderungen

Obwohl die Vorteile der Natrium-Ionen-Batterie offensichtlich sind, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext macht keine konkreten Angaben dazu, wie die Kostenstruktur im Vergleich zu Blei-Säure-Batterien langfristig aussehen wird, was für eine breite Marktdurchdringung entscheidend ist. Ebenso fehlt ein offizieller, detaillierter Entwicklungsplan für die breite Serienfertigung über die bereits genannten Modelle hinaus. Es bleibt unklar, wie schnell die notwendige Standardisierung der Ladeprofile und der BMS-Kommunikation in Europa voranschreiten wird. Auch die Auswirkungen auf den freien Werkstattmarkt sind bisher nur theoretisch absehbar; es ist nicht geklärt, wie schnell Werkstätten in der Lage sein werden, die für Natrium-Ionen-Batterien erforderlichen Diagnosegeräte und Ladeprofile flächendeckend einzuführen. Zudem wird nicht explizit benannt, welche regulatorischen Hürden in Europa noch genommen werden müssen, um eine Zertifizierung für den Massenmarkt zu erreichen. Die Lücke zwischen der optimistischen Prognose einer 90-prozentigen Marktabdeckung und der aktuellen Dominanz der Bleitechnik ist noch groß und hängt von vielen variablen Faktoren ab.

Wie es weitergeht – Ausblick und Perspektiven

Die Entwicklung schreitet auf mehreren Ebenen voran. BAIC plant, die Natrium-Ionen-Technik weiter auszubauen, unter anderem durch die Entwicklung prismatischer Natrium-Ionen-Zellen für Traktionsbatterien im Arcfox-Modell T1, die in etwa 11 Minuten bei einer Ladeleistung von 4C geladen werden sollen. Zudem ist ein Netz von bis zu 30.000 Battery-Swap-Stationen geplant, die ebenfalls mit Natrium-Ionen-Akkus betrieben werden sollen. In Europa treibt die Camel Group die Vorentwicklung in Zusammenarbeit mit einem großen Automobilhersteller voran, während die IEC an internationalen Standards arbeitet. Für den freien Werkstattmarkt in Deutschland, Österreich und der Schweiz bedeutet dies, dass sich langfristig die Tauschfrequenz für Batterien verringern wird, da die Natrium-Ionen-Akkus deutlich langlebiger sind. Dies wird zwangsläufig zu einer Anpassung des Ersatzteilgeschäfts führen. Schulungen für Werkstattpersonal zu den spezifischen Eigenschaften der Natrium-Ionen-Technik und den neuen Normen werden in den kommenden Jahren notwendig werden, um die Wartung der Fahrzeuge sicherzustellen. Die Branche wartet nun auf die weitere Kostenentwicklung und die Zertifizierung der Batterien für den europäischen Markt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/nahaufnahme-einer-ladestation-fur-elektroautos-in-urbanem-umfeld-38449010/ · Foto: Engin Akyurt
Quelle: https://www.heise.de/news/Elektroauto-Niedervolt-Batterie-mit-Natrium-statt-Blei-geht-in-Serie-11436145.html?wt_mc=rss.red.ho.ho.atom.beitrag.beitrag