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Edmund Kesting in Halle: Wiederentdeckung eines Alleskünstlers
Kultur · 03.08.2026 20:05

Edmund Kesting in Halle: Wiederentdeckung eines Alleskünstlers

Kurz: Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle würdigt Edmund Kesting mit einer umfassenden Retrospektive. Der Alleskünstler blieb lange verkannt – zu Unrecht.

Ein Pionier zwischen den Epochen

Edmund Kesting (1892–1970) war ein Künstler, der sich zeitlebens gegen Konventionen auflehnte. Der gebürtige Dresdner, der den Ersten Weltkrieg an der Westfront überlebte, entwickelte eine ästhetische Vielseitigkeit, die ihn bereits in den 1920er Jahren zu einem Vorreiter der Moderne machte. Während er sich in seinen frühen Arbeiten in expressionistischen, orphistischen und kubistischen Stilen bewegte, suchte er stets nach Wegen, die Grenzen der klassischen Malerei zu sprengen.

Die Erfindung der "Bildbauwerke"

Bereits Mitte der 1920er Jahre verfolgte Kesting das Ziel, die Zweidimensionalität der Leinwand zu überwinden. Er schuf sogenannte "Bildbauwerke", bei denen er Leinwände faltete, einschnitt oder mit Fremdkörpern wie Glas, Holz und Metall kombinierte. Auch den Rahmen bezog er in seine Kompositionen ein. Diese Arbeiten entstanden parallel zum Konstruktivismus, zeichneten sich jedoch durch eine eigenständige räumliche Dynamik aus, die ihrer Zeit weit voraus war. Trotz der Anerkennung durch avantgardistische Galeristen wie Herwarth Walden blieb Kesting ein Einzelgänger, da kaum ein Zeitgenosse seinem radikalen Ansatz folgte.

Fotografie als zweites Standbein

Neben der Malerei etablierte sich Kesting als experimenteller Fotograf. Er nutzte Techniken wie Mehrfachbelichtungen und Negativmontagen, um Bewegung und Räumlichkeit abzubilden. Diese fotografische Arbeit sicherte ihm nicht nur das wirtschaftliche Überleben, nachdem die Nationalsozialisten seine Kunstschulen schlossen und ihn als "entartet" diskreditierten, sondern ermöglichte ihm auch eine gewisse künstlerische Freiheit während der NS-Zeit und später in der DDR. Kesting blieb in Dresden, dokumentierte die Zerstörung der Stadt und porträtierte später sogar hochrangige SED-Funktionäre, was ihm finanzielle Freiräume verschaffte.

Widerstand gegen ideologische Grenzen

Nach 1945 geriet Kesting erneut unter Druck. Während er 1946 an der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Dresden beteiligt war, führten die kulturpolitischen Vorgaben der DDR – insbesondere der verordnete Sozialistische Realismus – dazu, dass seine avantgardistischen Arbeiten als "Formalismus" diffamiert wurden. Dennoch blieb er produktiv:

* **Chemigramme:** Nach dem Krieg experimentierte er mit Fotochemikalien auf lichtempfindlichem Papier.

* **Informel:** Seine in der DDR unerwünschten, von der Ostsee inspirierten Landschaftsbilder zeugen von einer eigenständigen künstlerischen Entwicklung, die in ihrer Radikalität bereits spätere Strömungen wie die von Sigmar Polke vorwegnahm.

Eine notwendige Wiederentdeckung

Die aktuelle Ausstellung "Edmund Kesting – Avantgardist" im Kunstmuseum Moritzburg in Halle ist die erste große Retrospektive des Künstlers überhaupt. Da Kesting aufgrund seiner Verfemung in der DDR und seiner geografischen Isolation hinter dem Eisernen Vorhang im Westen kaum bekannt wurde, mussten die Kuratoren Thomas Bauer-Friedrich und Paul Kaiser die 227 ausgestellten Werke mühsam aus Privatsammlungen zusammentragen.

Die Schau verdeutlicht, dass Kesting nicht nur ein begabter Maler und Fotograf war, sondern ein Grenzgänger, der sich konsequent den ästhetischen Diktaten seiner Zeit entzog. Die Retrospektive ist noch bis zum 25. Oktober in Halle zu sehen und wandert anschließend nach Grenoble, Ahrenshoop und Hagen. Sie markiert einen wichtigen Schritt in der Aufarbeitung eines Lebenswerks, das nun endlich die ihm gebührende historische Einordnung erfährt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-strasse-deutschland-12577862/ · Foto: Armin Forster
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/edmund-kesting-als-alleskoenner-der-modernen-kunst-accg-201083508.html