Ein Porträt der Gier: Was in „Digger“ geschieht
In der nicht allzu fernen Zukunft, die Regisseur Alejandro Iñárritu in seinem neuen Film „Digger“ entwirft, ist Erdöl weiterhin der entscheidende Motor der globalen Wirtschaft. Im Zentrum der Handlung steht der Ölmilliardär Digger Rockwell, ein Mann, dessen Reichtum auf massiven Förderanlagen in Alaska basiert. Während Rockwell seine Angestellten per Headset zu immer höheren Gewinnmargen antreibt – eine Million Barrel pro Tag sind ihm nicht genug –, ignoriert er systematisch die Warnungen der Wissenschaft. Als ein Riss in einem Gletscher in Grönland, auf dem eine seiner Anlagen steht, lebensbedrohliche Ausmaße annimmt, zeigt sich Rockwell von seiner skrupellosesten Seite. Er setzt einen Wissenschaftler unter Druck, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Doch die Natur lässt sich nicht durch wirtschaftliche Verträge bändigen. Ein Gletscher von der fünffachen Größe Washingtons bricht ab und treibt als gigantischer Eisberg direkt auf Nordeuropa zu. Rockwell, der sich als unantastbarer Tycoon wähnt, findet sich plötzlich im Zentrum einer globalen Katastrophe wieder, die ihn schließlich vor den Europarat führt, wo er den Politikern ihre eigene Abhängigkeit von seinem Öl vorhält.
Die Akteure und das Szenario: Einzelheiten der Produktion
Der Film besticht durch eine hochkarätige Besetzung. Tom Cruise verkörpert Digger Rockwell mit einem texanischen Akzent und einer Attitüde, die an Elon Musk oder die Koch-Brüder erinnert. An seiner Seite agiert John Goodman als ein in die Jahre gekommener Hardliner-Präsident, der militärische Gewalt als Allheilmittel betrachtet. Riz Ahmed übernimmt die Rolle des Wissenschaftlers, der verzweifelt versucht, Fakten und Wahrheit gegen die Macht des Geldes zu verteidigen. Jesse Plemons tritt als moralischer Gegenpol auf, während Sandra Hüller auch in kleineren Szenen durch ihre präzise Mimik überzeugt. Die Inszenierung ist bewusst artifiziell gestaltet: Die Kulissen erinnern an Brecht’sche Bühnenbilder, etwa durch einen an die Wand gemalten Montblanc oder rhythmisch von der Decke tropfendes Wasser, das den Schmelzprozess der Gletscher symbolisiert. Kostüme, wie Goodmans überdimensionierter Anzug mit roter Krawatte oder Cruises Bolo-Tie, unterstreichen die satirische Ebene des Werks.
Historische Wurzeln und der Kontext der Erzählung
Die thematische Grundlage des Films findet sich in den dystopischen Prognosen des Science-Fiction-Autors Isaac Asimov aus dem Jahr 1971. In seinem Essay „Die gute Erde stirbt“ warnte Asimov bereits vor dem exzessiven Energieverbrauch der USA, die mit einem kleinen Teil der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte der produzierten Energie verbrauchten. Iñárritu greift diese Vision auf und projiziert sie in eine Zukunft, in der das „Horrorszenario der Überbevölkerung“ und die Umweltkatastrophe Realität geworden sind. Rockwell ist das personifizierte Ergebnis dieses ungebremsten Wachstumsstrebens. Der Film nutzt zudem Anleihen an die Rhetorik realer Politiker, etwa wenn Rockwells Aussagen über Eigentum und den Erwerb von Vorteilen an die Grönland-Kaufambitionen von Donald Trump erinnern. Die Geschichte ist somit nicht nur eine fiktive Erzählung, sondern eine direkte Auseinandersetzung mit Jahrzehnten westlicher Energiepolitik und der damit verbundenen geopolitischen Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.
Die Machtstrukturen: Wer entscheidet und wer leidet
Das Machtgefüge in „Digger“ ist klar definiert, aber moralisch hochgradig ambivalent. Auf der einen Seite steht Digger Rockwell, der durch seine Ölförderung eine Schlüsselposition in der Weltwirtschaft einnimmt. Er instrumentalisiert Politiker, indem er ihnen die Unabhängigkeit von Russland und China verspricht, solange sie seine Verträge unterzeichnen. Auf der anderen Seite steht der Europarat, ein Gremium, das Rockwell zwar anklagt, sich jedoch durch die eigene Abhängigkeit von seinem Öl angreifbar macht. Die Wissenschaftler, repräsentiert durch Riz Ahmed, bilden die dritte Instanz, die zwar über die Fakten verfügt, aber gegen die rhetorische und finanzielle Übermacht des Tycoons kaum ankommt. Der Präsident, gespielt von John Goodman, fungiert als militärischer Arm, dessen Lösung für das Eisberg-Problem in Bomben besteht, was die Hilflosigkeit der politischen Elite gegenüber den Folgen des Klimawandels unterstreicht.
Einordnung: Satire und bittere Realität
Einzuordnen ist der Film als eine komplexe Mischung aus beißender Satire und düsterer Warnung. Iñárritu spielt mit verschiedenen Ebenen: Slapstick-Elemente – etwa wenn Besucher in einem Salon über ein Eisbärfell stolpern – treffen auf tiefschwarzen Humor und bittere politische Wahrheiten. Den Berichten zufolge ist der Film ein „Ölteppich in der Sonne“, der zwischen emotionalen Zuständen changiert. Besonders der Auftritt vor dem Europarat markiert einen Wendepunkt, an dem der Film seine Maske fallen lässt. Rockwells Vorwurf an die Politiker, dass niemand von ihnen mit dem Fahrrad zur Sitzung gekommen sei, entlarvt die Heuchelei derer, die ihn verurteilen. Die Inszenierung als „Meta-Idee“ verdeutlicht, dass es Iñárritu nicht um einen klassischen Katastrophenfilm geht, sondern um eine Mahnung an das Publikum, den eigenen Lebensstil und die damit verbundenen globalen Konsequenzen zu hinterfragen.
Die schauspielerische Leistung als Anker
Für Tom Cruise markiert „Digger“ eine Rückkehr zu anspruchsvollen Charakterrollen, die an seine Leistungen in „Eine Frage der Ehre“ oder „Magnolia“ erinnern. Iñárritu, der bereits Michael Keaton in „Birdman“ zu einer Höchstleistung führte, vertraut Cruise hier eine Rolle an, die weit über das bloße Action-Genre hinausgeht. Cruise ist in der Rolle des Digger Rockwell äußerlich kaum wiederzuerkennen und zeigt eine schauspielerische Bandbreite, die das Publikum über 130 Minuten hinweg fesselt. Die Zusammenarbeit zwischen Regisseur und Hauptdarsteller wird als Vertrauensübung beschrieben, bei der sich der Sinn der Details erst im Verlauf des Films erschließt. Dass Cruise hier nicht als strahlender Held auftritt, der die Welt rettet, sondern als skrupelloser Geschäftsmann, unterstreicht den radikalen Bruch mit seinem bisherigen Image als „Mission: Impossible“-Retter.
Offene Fragen: Was der Film unbeantwortet lässt
Obwohl der Film eine klare moralische Haltung einnimmt, bleiben einige Fragen offen. Der Quelltext macht keine Angaben darüber, wie die breite Bevölkerung auf die drohende Eisberg-Katastrophe reagiert, abgesehen von der Wut des Mobs vor dem Europarat. Auch die konkreten technischen Details, wie der Gletscher von der Größe Washingtons physisch auf Europa zusteuert und welche Gegenmaßnahmen jenseits von Goodmans Bomben-Idee diskutiert werden, bleiben im Dunkeln. Ebenso wird nicht explizit geklärt, welche Rolle die betroffenen europäischen Nationen in der Krise spielen, außer dass sie als Konsumenten von Rockwells Öl fungieren. Die Lücke zwischen der individuellen Gier eines Einzelnen und der kollektiven Verantwortung der Gesellschaft wird zwar thematisiert, aber eine Lösung für das Dilemma bietet der Film nicht an, was die Strenge der Mahnung unterstreicht.
Ausblick: Die Botschaft an das Publikum
„Digger“ läuft ab Donnerstag in den Kinos und versteht sich als eine Mahnung, die so streng ist wie Asimovs Zukunftsblick. Der Film verlangt vom Publikum eine Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle im globalen Energieverbrauch. Es ist kein Film, der einfache Antworten liefert oder ein Happy End verspricht. Die Ankündigung des Kinostarts markiert den Beginn einer Debatte über die Verantwortung von Konzernen und die Machtlosigkeit der Politik. Ob das Publikum die Botschaft annimmt oder den Film lediglich als ästhetisches Spektakel betrachtet, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass Iñárritu und Cruise ein Werk geschaffen haben, das durch seine visuelle Kraft und seine inhaltliche Schärfe lange nachwirken wird. Die Frage, ob wir bereit sind, unseren Lebensstil zu ändern, bevor der Eisberg uns erreicht, bleibt die zentrale Herausforderung, die der Film dem Zuschauer mit auf den Weg gibt.