News aus aller Welt
Start
China im Film: Es war einmal im Drachenrestaurant
Kultur · 23.08.2026 17:52

China im Film: Es war einmal im Drachenrestaurant

Kurz: Der chinesische Kinohit „Willkommen im Drachenrestaurant“ löst eine Debatte über die Rolle des Landes in der Welt und den Wandel nationaler Identität aus.

Ein unerwarteter Kassenschlager und seine gesellschaftliche Sprengkraft

In den chinesischen Kinos hat sich in den vergangenen Tagen eine bemerkenswerte Verschiebung der Zuschauergunst vollzogen. Während westliche Produktionen wie Christopher Nolans „Odyssee“ international für Schlagzeilen sorgen, dominiert in China derzeit ein gänzlich anderes Werk die Diskussionen und die Kinokassen: „Willkommen im Drachenrestaurant“, im Englischen unter dem Titel „Once Upon a Time in the Middle East“ bekannt, ist das Werk des Regisseurs Wen Muye. Der Film startete vor rund einer Woche und hat innerhalb kürzester Zeit eine intensive Debatte ausgelöst, die weit über das bloße Filmfeuilleton hinausgeht. Es ist eine Erzählung, die nicht nur unterhält, sondern die chinesische Gesellschaft dazu anregt, über ihre eigene Rolle in einer komplexen Weltordnung nachzudenken. Der Kern der Handlung ist dabei ebenso simpel wie wirkungsvoll: Ein Koch mittleren Alters namens Xu Fu, verkörpert durch den populären Schauspieler Shen Teng, verschlägt es im Jahr 2003 in eine fiktive Stadt im Nahen Osten. Dort eröffnet er ein Restaurant, um seine drückenden Schulden zu begleichen. Doch die politische Realität holt ihn ein, als eine Invasion durch die USA – die unverkennbar an den Irakkrieg angelehnt ist – das Land in Chaos stürzt. In dieser Ausnahmesituation wandelt sich sein Lokal zu einem Zufluchtsort für Waisenkinder. Die Figur des Xu Fu fungiert dabei als eine Art Identifikationsfigur, die durch ihre humorvolle Schlagfertigkeit eine Nähe erzeugt, wie man sie von einem langjährigen Nachbarn kennt.

Die Akteure und die Dynamik der Erzählung

Im Zentrum der Produktion steht Shen Teng, dessen Besetzung für den Erfolg des Films von entscheidender Bedeutung ist. Seine Darstellung des Xu Fu wird in China als nahbar und authentisch wahrgenommen, was dem Film eine emotionale Verankerung verleiht, die bei rein ideologischen Werken oft fehlt. Die Handlung ist in eine fiktive Stadt im Nahen Osten eingebettet, wobei das Jahr 2003 als historischer Ankerpunkt dient. Die Invasion, die als Katalysator für die dramatischen Ereignisse fungiert, spiegelt die amerikanische Militärintervention im Irak wider. Neben der Hauptfigur Xu Fu sind es vor allem die Waisenkinder, die als moralisches Zentrum des Films fungieren und den Koch aus seiner rein ökonomischen Motivation der Schuldentilgung in eine humanitäre Verantwortung drängen. Die Diskussion über den Film findet maßgeblich auf der chinesischen Plattform Douban statt, wo sich ein breites Spektrum an Meinungen formiert hat. Hier treffen sich Filmkritiker, einfache Kinobesucher und politische Beobachter, um die Implikationen des Werks zu sezieren. Namen wie Wu Jing, dessen Film „Wolfskrieger 2“ aus dem Jahr 2017 als aggressives Gegenmodell zum aktuellen Streifen angeführt wird, prägen dabei die Vergleichsbasis der Debatte. Die Auseinandersetzung zeigt, dass das Publikum in China keineswegs eine homogene Masse ist, sondern ein hochsensibles Gespür für die Nuancen zwischen Unterhaltung und politischer Botschaft besitzt.

Ein Spiegelbild der chinesischen Außenpolitik

Die inhaltliche Ausrichtung von „Willkommen im Drachenrestaurant“ lässt sich als eine filmische Entsprechung des offiziellen Bildes lesen, das die chinesische Außenpolitik derzeit nach außen kommuniziert. Der Film zeichnet das Bild einer neutralen Macht, die in globalen Konflikten als Vermittler auftritt und sich explizit von ideologischen Verstrickungen distanziert. Dies fungiert als ein bewusstes Gegenbild zur Darstellung der USA, die im Film als unberechenbare und ideologiegesteuerte Akteure erscheinen. Den Berichten zufolge ist diese Positionierung kein Zufall, sondern fügt sich nahtlos in die aktuelle diplomatische Doktrin Pekings ein. Dennoch bleibt die Einordnung dieses Bildes in der Diskussion nicht unumstritten. Kritische Stimmen weisen darauf hin, dass die filmische Darstellung selektiv ist. Aspekte wie die Duldung des russischen Angriffskrieges oder die angespannte Lage um Taiwan sowie die robuste Machtpolitik Chinas in Südostasien werden in diesem Narrativ konsequent ausgeblendet. Der Film versucht, eine moralische Überlegenheit durch Neutralität zu suggerieren, während er gleichzeitig die komplexen geopolitischen Realitäten, in denen China selbst ein zentraler Akteur ist, ausklammert. Die Diskussion auf Douban verdeutlicht, dass viele Zuschauer diese Diskrepanz zwischen dem filmischen Idealbild und der realpolitischen Praxis sehr wohl wahrnehmen und kritisch hinterfragen.

Mentalitätswandel oder bloße Fassade?

Ein zentraler Punkt der Debatte ist die Frage, ob der Film einen echten mentalitätsgeschichtlichen Wandel in der chinesischen Gesellschaft markiert. Ein Rezensent auf Douban zog den direkten Vergleich zu „Wolfskrieger 2“, dessen aggressiver Nationalismus – zusammengefasst im Slogan „Wer immer China beleidigt, wird gejagt werden“ – 2017 noch Rekorde brach. Im Gegensatz dazu scheint „Willkommen im Drachenrestaurant“ den Versuch zu unternehmen, sich von den Hassgefühlen des 19. Jahrhunderts zu lösen. Viele Kommentatoren zeigen sich bewegt von den echten, nicht manipulativ eingesetzten Gefühlen, die der Film transportiert. Sie sehen darin einen Bruch mit der bisherigen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid in fernen Ländern. Es stellt sich die Frage, ob das verstärkte Auslandsengagement Chinas, insbesondere in Afrika, den Blick der Bevölkerung tatsächlich globaler gemacht hat. Skeptiker halten diesen Wandel jedoch für oberflächlich. Sie argumentieren, dass der Film lediglich die Komfortzone des Publikums bediene, indem er die Botschaft vermittle, dass chinesisches Essen das Beste sei und man sich am besten aus allem heraushalte, um sein Leben in Ruhe zu führen. Diese Haltung wird als ein Rückzug ins Private interpretiert, der wichtiger sei als alles andere, was in der Welt geschieht.

Die Philosophie des Essens als Lebensweisheit

Ein wesentliches Element, das sowohl Bewunderung als auch Kritik hervorruft, ist die zentrale Rolle des Essens. Für manche Kommentatoren ist die Fokussierung auf die Kulinarik ein Zeichen für eine tiefere chinesische Weisheit. Ein Beitrag auf Douban bringt es auf den Punkt: „Die Weisheit der Chinesen lautet: ‚Iss ordentlich‘. Dynastien kommen und gehen, Ebbe und Flut wechseln sich ab. Solange man selbst noch ganz unten steht, kann man vor allem eines tun: jeden Bissen gut essen. Das Fortbestehen des Lebens ist der größte Sinn.“ Diese Sichtweise deutet auf eine fatalistische oder pragmatische Lebensphilosophie hin, die angesichts weltweiter Konflikte eine Art Schutzraum bietet. Doch gerade die Darstellung der Küche wird von anderen scharf kritisiert. Im Vergleich zu Ang Lees Meisterwerk „Eat Drink Man Woman“ wirke das Drachenrestaurant wie eine Ansammlung von aufgewärmten Fertiggerichten. Kritiker bemängeln, dass der Film kein Interesse an der Integration der chinesischen Küche in die lokale Kultur des Nahen Ostens zeige. Es fehle der Austausch, die wirkliche Begegnung. Ein Kommentator geht sogar so weit zu behaupten, dass es im gesamten Film keinen „echten Konflikt zwischen Erwachsenen“ gebe. Die Außenwelt werde außerhalb des eigenen Horizonts kaum ernst genommen, was den Film letztlich zu einem Zeugnis der früheren chinesischen Selbstüberhöhung mache.

Offene Fragen und der Blick in die Zukunft

Trotz der intensiven Auseinandersetzung bleiben zahlreiche Fragen unbeantwortet. Der Quelltext lässt offen, wie die offizielle staatliche Zensur oder die Kulturbehörden den Film bewerten, da die Diskussion primär auf privaten Plattformen stattfindet. Ebenso bleibt unklar, ob der Film eine offizielle Förderung erhalten hat, was die politische Interpretation weiter stützen oder schwächen könnte. Auch die Frage, wie das internationale Publikum auf den Film reagieren würde, falls er außerhalb Chinas gezeigt wird, bleibt spekulativ, da der Film derzeit in Europa nicht verfügbar ist. Die Debatte zeigt jedoch, dass der Film als Projektionsfläche für die Suche nach einer neuen nationalen Identität dient. Ob er als bloße Unterhaltung oder als politisches Manifest verstanden wird, bleibt eine Frage der Perspektive des jeweiligen Zuschauers. Die Diskussion auf Douban ist in vollem Gange und zeigt, dass das Kino in China weiterhin ein hochrelevanter Ort für den gesellschaftlichen Diskurs ist. Wie es mit der Rezeption des Films weitergeht, wird davon abhängen, ob die kritischen Stimmen, die eine „Selbstüberhöhung“ beklagen, an Gewicht gewinnen oder ob die Mehrheit der Zuschauer in der Botschaft des „guten Essens“ und des privaten Rückzugs die erhoffte Bestätigung ihres eigenen Lebensentwurfs findet. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob der Film ein kurzfristiges Phänomen bleibt oder einen nachhaltigen Einfluss auf das chinesische Selbstverständnis ausübt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/auffuhrung-des-feuerakts-der-traditionellen-chinesischen-sichuan-oper-32276866/ · Foto: 开 心
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/china-diskutiert-den-film-one-upon-a-time-in-the-middle-east-201147603.html