Ein unerwarteter Auftritt im Nobelhotel
Im Oktober 1973 erlebte der Autor Günter Wallraff während der Frankfurter Buchmesse einen Moment, der weit über die üblichen gesellschaftlichen Konventionen des Literaturbetriebs hinausging. Anlässlich des großen Erfolgs seines Buches „Ihr da oben – wir da unten“, das sich in kürzester Zeit zu einem Bestseller entwickelt hatte, richtete sein Verlag Kiepenheuer & Witsch einen Empfang im Frankfurter Luxushotel Hessischer Hof aus. Doch statt sich in der glanzvollen Atmosphäre des Hotels wohlzufühlen, empfand Wallraff eine tiefe innere Distanz zum Geschehen. Die Überfülle an Speisen, die übersättigte Stimmung der Gäste und der Zwang zur Selbstdarstellung als Autor in einer „Kauf-mich-Situation“ lösten bei ihm Unbehagen aus. Er beschloss, die Veranstaltung vorzeitig zu verlassen. Was als Flucht vor der Oberflächlichkeit begann, entwickelte sich jedoch zu einer bewussten Konfrontation mit der sozialen Realität der Stadt. Wallraff kehrte nicht allein zurück, sondern in Begleitung einer Gruppe von Menschen, die am Rande der Gesellschaft lebten und denen er kurz zuvor am Bahnhof begegnet war. Dieser Akt der sozialen Inklusion verwandelte den exklusiven Verlagsempfang in ein Ereignis, das die geladenen Gäste zwang, sich mit der Armut direkt vor ihrer Tür auseinanderzusetzen.
Die Begegnung am Bahnhof und der Entschluss
Nachdem Wallraff den Hessischen Hof verlassen hatte, streifte er ziellos durch Frankfurt. Sein Weg führte ihn, wie er es aus anderen Städten gewohnt war, zum Bahnhof. Dort sprach ihn ein hagerer, etwa 70-jähriger Mann an und bat um eine Mark für eine Mahlzeit. Da Wallraff auf dem Empfang selbst nichts gegessen hatte und hungrig war, entwickelte er die Idee, den Fremden zum Essen einzuladen. Der Mann nahm das Angebot dankbar an, wollte jedoch zuvor einen Bekannten im Rot-Kreuz-Wartesaal informieren, mit dem er seine Einnahmen teilte. Vor Ort traf Wallraff auf eine Gruppe von über einem Dutzend Menschen, die von Not gezeichnet waren. Unter ihnen befand sich eine etwa 30-jährige hochschwangere Frau sowie ein Mann, der auf Krücken angewiesen war. Die spontane Entscheidung, diese Menschen zum Verlagsempfang einzuladen, traf Wallraff aus einer tiefen Überzeugung heraus. Er erklärte ihnen seine Arbeit in Fabriken und Obdachlosenheimen und schaffte es, die Gruppe von der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens zu überzeugen. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zurück zum Hessischen Hof, um dort als unerwartete Gäste Einzug zu halten.
Der Einzug in den Hessischen Hof
Der Moment des Betretens des Hotels Hessischer Hof ist Wallraff auch nach über fünf Jahrzehnten noch wie ein Film präsent. Die Gruppe, von denen einige ihr gesamtes Hab und Gut in Plastiktüten und Kartons bei sich trugen, traf auf einen Portier, der den Eintritt zunächst verwehrte. Erst durch Wallraffs entschlossenes Auftreten, bei dem er die Obdachlosen als „geladene Gäste“ deklarierte, gab der Hotelangestellte den Weg frei. Das Bild, wie diese Gruppe auf den dicken Teppichen des Luxushotels schweigend und gemessenen Schrittes den Festsaal betrat, markierte einen scharfen Kontrast zur exklusiven Umgebung. Die Hotelgäste im Foyer reagierten mit sichtbarem Erschrecken und wichen der Gruppe aus. Während Wallraffs Begleiterin, die sich zuvor noch in Gesprächen mit einflussreichen Verlegern befunden hatte, fassungslos und verärgert reagierte, blieb die Gruppe selbst in ihrer Würde bestehen. Dieser Einzug war nicht nur eine physische Präsenz, sondern ein symbolischer Akt, der die soziale Schere innerhalb der Frankfurter Gesellschaft für einen Abend unmittelbar im Festsaal des Hotels sichtbar machte.
Die Reaktionen der Beteiligten
Die Reaktionen auf Wallraffs Aktion fielen höchst unterschiedlich aus. Seine Begleiterin, die den Empfang für berufliche Kontakte nutzen wollte, distanzierte sich scharf von ihm und warf ihm vor, die Situation „total unmöglich“ gemacht zu haben. Ein einflussreicher Zeitungsverleger, der sich mit ihr unterhalten hatte, verließ den Saal fluchtartig, nachdem er Wallraff und seine Begleiter bemerkt hatte. Andere Gäste reagierten mit einer Mischung aus Irritation, Provokation und dem Versuch, die Fassung zu wahren. Ganz anders verhielt sich jedoch der Gastgeber, Reinhold Neven Du Mont, der Verleger von Kiepenheuer & Witsch. Er erkannte die Symbolik und die Angemessenheit des Besuchs sofort. Anstatt sich von der Anwesenheit der Obdachlosen distanzieren zu wollen, begegnete er ihnen mit Herzlichkeit und hieß sie willkommen. Diese Geste des Verlegers nahm der Situation die Verkrampfung und ermöglichte es, das Fest in ein „Nachtmahl der Bettler“ umzuwandeln, bei dem die neu hinzugekommenen Gäste im Mittelpunkt standen.
Einordnung der Ereignisse
Einzuordnen ist dieser Vorfall als ein radikaler Bruch mit den Gepflogenheiten des Literaturbetriebs. Wallraffs Handeln entsprang einer tiefen Abneigung gegen die Künstlichkeit und den Dünkel, der ihm auf solchen Empfängen entgegenschlug. Die Einladung der Obdachlosen war kein bloßer Affront, sondern ein Versuch, die soziale Wirklichkeit, über die er in seinem Buch „Ihr da oben – wir da unten“ geschrieben hatte, direkt in den Raum derer zu tragen, die über gesellschaftliche Diskurse entscheiden. Den Berichten zufolge war es für Wallraff eine Frage der Authentizität. Er wollte nicht als bloßer „Starautor“ gefeiert werden, während Menschen in unmittelbarer Nähe hungerten. Die Tatsache, dass sein Verleger diese Aktion unterstützte, zeigt, dass es innerhalb des Verlags ein Verständnis für die radikale Arbeitsweise des Autors gab. Die Veranstaltung wandelte sich durch den Besuch von einer elitären Feier zu einer Begegnung, die die soziale Verantwortung der Anwesenden in den Fokus rückte und die Grenzen zwischen der Welt der Literatur und der Welt der Armut kurzzeitig auflöste.
Offene Fragen und Lücken im Bericht
Der vorliegende Bericht lässt einige Fragen offen, die den weiteren Verlauf des Abends oder die spezifischen Hintergründe der Gäste betreffen. So wird nicht detailliert beschrieben, wie die Hotelgäste im Festsaal in den Stunden nach dem Einzug konkret auf die Anwesenheit der Obdachlosen reagierten, außer dass sie versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Auch bleibt unklar, wie die rechtliche oder organisatorische Seite des Hotelbetriebs auf den plötzlichen Zustrom von Menschen ohne Reservierung reagierte, abgesehen von der anfänglichen Blockade durch den Portier. Ebenso wenig erfahren wir über die Identität oder die späteren Schicksale der Obdachlosen, die Wallraff an jenem Abend begleitete. Der Text konzentriert sich primär auf die psychologische und symbolische Ebene des Ereignisses sowie auf die unmittelbare Reaktion des Verlegers. Die Details der Gespräche, die zwischen den Obdachlosen und den geladenen Gästen des Empfangs geführt wurden, bleiben im Dunkeln, ebenso wie die genaue Zusammensetzung der Gruppe, abgesehen von den erwähnten Einzelpersonen wie der Schwangeren und dem Mann auf Krücken.
Der weitere Verlauf des Abends
Nachdem der offizielle Teil des Empfangs im Hessischen Hof durch die Anwesenheit der neuen Gäste eine unerwartete Wendung genommen hatte, verlagerte sich das Geschehen. Die Feierlichkeiten wurden in einem nahegelegenen italienischen Restaurant fortgesetzt, wo ein Saal gemietet wurde. Dort feierte die Gruppe bis tief in die Nacht gemeinsam mit den Obdachlosen, die nun im Mittelpunkt standen. Wallraff berichtet, dass er und sein Verleger gemeinsam die Kosten für diesen Abend trugen. Der Abend endete nicht mit der bloßen Bewirtung; es wurden Hotelzimmer für die Gäste organisiert und ihnen finanzielle Mittel für die kommenden Tage zur Verfügung gestellt. Damit endete die Aktion nicht als bloße Geste, sondern als konkrete materielle Unterstützung. Wallraffs Bericht endet mit dem Hinweis auf sein weiteres Wirken als Autor, insbesondere seine späteren, international beachteten Enthüllungsreportagen wie „Der Aufmacher“ und „Ganz unten“, die seinen Ruf als Investigativjournalist festigten, der stets den Blick auf die Unterdrückten und Benachteiligten der Gesellschaft richtete.