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„Carmen“ in Salzburg: Des Dirigenten Eitelkeit ist Teil der Inszenierung
Kultur · 27.07.2026 18:48

„Carmen“ in Salzburg: Des Dirigenten Eitelkeit ist Teil der Inszenierung

Kurz: Die Salzburger Festspiele inszenieren Bizets „Carmen“ als opulentes, bildgewaltiges Spektakel. Asmik Grigorian überzeugt dabei in einer tiefgründigen Titelrolle

Zwischen Monumentalität und Intimität

Die Inszenierung von Georges Bizets „Carmen“ bei den Salzburger Festspielen stellt eine Herausforderung an die Dimensionen des Großen Festspielhauses dar. Die Regisseurin Gabriela Carrizo begegnet der räumlichen Weite mit einer ästhetischen Strategie, die auf opulente Bilder und eine hohe visuelle Dichte setzt. Anstatt den ursprünglichen Charakter einer Opéra-comique zu wahren, transformiert die Produktion das Stück in ein monumentales Werk, das in seiner Schwere an die großen Opern von Meyerbeer oder Strauss erinnert.

Die Entscheidung, sämtliche Dialoge zu streichen und durch pantomimische Sequenzen sowie archaische Klangcollagen zu ersetzen, unterstreicht den Willen zur großen Geste. Unterstützt wird dies durch das Bühnenbild von Christof Hetzer, das den Mönchsberg als massives, bedrohliches Felsgestein in den Raum ragen lässt. Diese monumentale Szenerie bildet den Rahmen für eine Inszenierung, die das Publikum mit surrealen Albtraumsequenzen konfrontiert.

Die Rolle der „Peeping Tom“-Compagnie

Ein wesentliches Merkmal der Salzburger Produktion ist die Einbindung der Tanztheater-Compagnie „Peeping Tom“. Ihre Mitglieder agieren oft parallel zur Kernhandlung und schaffen eine zweite, surreale Ebene, die an die Bildwelten von Goya und Dalí erinnert. Diese Ästhetisierung des Schreckens – etwa durch die Darstellung von Gewalt, Folter und wiederkehrende, geisterhafte Figuren – verleiht der Aufführung eine düstere, teils quälend schwerlastige Note.

Während die Ensembleszenen durch diese choreografische Dichte an Präsenz gewinnen, drohen die solistischen Momente in der visuellen Opulenz gelegentlich zu verblassen. Dies betrifft insbesondere die Darstellung des Escamillo durch Davide Luciano, dessen sängerische Präsenz zwar gegeben ist, der jedoch psychologisch hinter der bildgewaltigen Inszenierung zurückbleibt.

Asmik Grigorian als psychologische Studie

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Asmik Grigorian, die der Carmen ein individuelles Profil verleiht. Ihre Interpretation zeichnet sich durch eine Entwicklung aus: Während sie zu Beginn als rotzig und herausfordernd erscheint, legt sie im Verlauf der Handlung zunehmend kindliche und stoische Facetten der Figur frei. Auch wenn sie sich stimmlich an den Grenzen ihres Profils bewegt und die rauchig-sinnliche Tradition der Rolle nicht bedient, überzeugt sie durch die Darstellung einer widersprüchlichen, in sich geschlossenen Persönlichkeit.

Jonathan Tetelman als Don José findet erst im finalen Akt zu einer existenziellen stimmlichen Größe. Die Schlussszene, in der sich Carmen und José von der visuellen Überwältigung lösen und eine seltene Intimität finden, markiert den emotionalen Höhepunkt des Abends.

Musikalische Leitung und Orchester

Teodor Currentzis und das Utopia Orchestra prägen den musikalischen Charakter der Aufführung maßgeblich. Currentzis’ Herangehensweise, die als exhibitionistisch und zugleich tief in die Partitur eingegraben beschrieben wird, korrespondiert mit der emotionalen Wechselhaftigkeit der Regie. Die musikalische Gestaltung verzichtet auf süffigen Operettenschmalz und setzt stattdessen auf eine pathetische, fast weltuntergangsartige Ekstase.

Die Kritik an der Produktion entzündet sich vor allem an der Frage, ob die enorme visuelle und akustische Dichte der Musik Bizets gerecht wird. Die Abwesenheit von diesseitiger Leichtigkeit lässt die Frage offen, ob eine Reduktion der Mittel – sowohl szenisch als auch musikalisch – dem Werk mehr Raum zur Entfaltung geboten hätte. Dennoch bleibt die Salzburger „Carmen“ als ein Abend in Erinnerung, der durch seine bildnerische Konsequenz und die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/28891215/ · Foto: Helena Jankovičová Kováčová
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/oper/asmik-grigorian-als-carmen-bei-salzburger-festspielen-accg-201068427.html