Was geschehen ist: Die Kritik am Serienfinale
Das Ende der populären Fernsehserie „Babylon Berlin“ hat eine Debatte über den Umgang mit deutscher Geschichte ausgelöst. Volker Kutscher, der Autor der zugrunde liegenden Romanreihe um den Ermittler Gereon Rath, hat sich in einem ausführlichen Gespräch kritisch zum Serienfinale geäußert. Die fünfte und letzte Staffel der Produktion, die unter anderem den Reichstagsbrand thematisiert, geht Kutscher zufolge in ihrer historischen Erzählweise zu weit. Während er sich an die kreativen Freiheiten der Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries über die Jahre gewöhnt hatte, empfindet er den Umgang mit historischen Fakten im Finale als unredlich. Besonders stört ihn, dass die Serie durch die Einbettung realer historischer Ereignisse den Anschein erweckt, ihre fiktive Handlung sei eine akkurate Wiedergabe der Vergangenheit. Kutscher warnt davor, dass die Serie durch die Vermischung von belegten Ereignissen mit spekulativen Verschwörungstheorien ein verzerrtes Bild der Machtübernahme der Nationalsozialisten zeichnet. Er betont, dass die Zerstörung der ersten deutschen Demokratie ein komplexer Prozess war, der nicht auf einfache Verschwörungsmuster reduziert werden sollte.
Die Einzelheiten: Fakten, Namen und Orte
Die finale Staffel von „Babylon Berlin“ greift zentrale historische Ereignisse auf, darunter den Reichstagsbrand vom 28. Februar 1933. Ein zentrales und von Kutscher besonders kritisiertes Element der Serie ist die sogenannte „Krankenakte Hitler“, deren Existenz historisch nicht gesichert ist. In der Serie versuchen Nationalsozialisten, diese Akte zu vernichten und Zeugen zu eliminieren. Kutscher verweist darauf, dass sein Roman „Märzgefallene“, der als Vorlage für die Staffel diente, eine andere Gewichtung vornimmt. Während im Roman der Reichstagsbrand am Anfang steht und der Handlungsbogen bis zur Bücherverbrennung reicht, verdichtet die Serie die Ereignisse stark. Auch die Rolle von Alfred Nyssen, gespielt von Lars Eidinger, wird thematisiert. Nyssen fungiert in der Serie als exzentrischer Großindustrieller, der versucht, Hitler zu lenken. Kutscher merkt an, dass die Rolle der Industrie als Geldgeber der Nazis zwar belegt ist, die Serie jedoch durch die Vorverlegung eines Attentats auf den Abend des Reichstagsbrands und die Verlegung des Schauplatzes in Nyssens Villa die historische Akkuratesse zugunsten dramatischer Effekte opfert. Die Serie endet mit einer Skizzierung der Schicksale wichtiger Figuren, was laut Kutscher den Zuschauer in dem Glauben lässt, dies entspreche der historischen Realität.
Hintergrund: Die Entwicklung der Serie
Die Serie „Babylon Berlin“ hat sich über fünf Staffeln hinweg zunehmend von den Romanvorlagen von Volker Kutscher entfernt. Die Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries hatten von Beginn an ein eigenes Konzept, das ursprünglich nur bis zum Jahr 1933 erzählen wollte, während Kutschers Romane einen längeren Zeitraum abdecken. Kutscher berichtet, dass die Regisseure seine Romane primär als „Vehikel“ für ihre eigene Vision der 1920er Jahre betrachteten. Während Kutscher in seinen Büchern die historischen Ereignisse eher als Hintergrund für die Schicksale seiner Figuren nutzt, ohne dass diese direkt in den Lauf der Geschichte eingreifen, wählte die Serie einen anderen Ansatz. Sie integrierte wichtige historische Wendepunkte direkt in die Handlung. Kutscher akzeptierte diese Abweichungen lange Zeit als notwendige dramaturgische Freiheit, sieht jedoch nun eine rote Linie überschritten, da die Serie die reale Historie zu stark mit ihrer eigenen fiktiven Logik verknüpft. Der Autor betont, dass er selbst stets versucht hat, die Perspektive seiner Zeitgenossen zu wahren, während die Serie einen Blick aus der heutigen Zeit auf die Vergangenheit wirft.
Die Beteiligten: Personen und Institutionen
Im Zentrum der Kontroverse stehen der Schriftsteller Volker Kutscher und das Regie-Trio der Serie, bestehend aus Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries. Die Produktion selbst ist ein Gemeinschaftsprojekt von X Filme Creative Pool, ARD Degeto Film, WDR, SWR, HR, Radio Bremen und Beta Film. Schauspieler wie Liv Lisa Fries, die die Charlotte Ritter verkörpert, und Lars Eidinger, der die Rolle des Alfred Nyssen spielt, sind zentrale Gesichter der Serie. Kutscher reflektiert zudem über die Rezeption seiner eigenen Arbeit und verweist auf seine Website „gereonrath.de“, auf der er historische Kontexte für Leser bereitstellt. Er grenzt sich damit von der Intention der Serie ab, die er als potenziell irreführend für Zuschauer ohne tiefere historische Vorkenntnisse einstuft. Die Debatte verdeutlicht den Konflikt zwischen künstlerischer Freiheit in der Adaption und der Verantwortung gegenüber der historischen Wahrheit, wobei Kutscher als Urheber der Vorlage eine klare Trennung zwischen Fiktion und historischem Faktum einfordert.
Einordnung: Was die Kritik bedeutet
Einzuordnen ist die Kritik Kutschers als ein grundsätzliches Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit der deutschen Geschichte in der Unterhaltungsindustrie. Den Berichten zufolge fürchtet der Autor, dass durch die erzählerische Wucht der Serie Verschwörungstheorien – etwa um die „Hitler-Akte“ – als historische Fakten wahrgenommen werden könnten. Kutscher bewertet die Darstellung der Machtübernahme als zu simplifizierend. Er argumentiert, dass die Serie die Deutschen tendenziell wieder in eine Opferrolle rückt, indem sie die Verantwortung für den Aufstieg der Nationalsozialisten auf eine kleine Gruppe von Verschwörern und Industriellen abwälzt. Diese Sichtweise verkennt laut Kutscher die Komplexität der gesellschaftlichen Zustimmung und Mitläuferschaft. Die Kritik ist somit nicht nur als ästhetische Auseinandersetzung zu verstehen, sondern als mahnende Stimme gegen eine „Geschichtsverdrehung“, die komplexe historische Prozesse für die Dramaturgie einer Serie opfert und damit das Verständnis für die Mechanismen einer Diktatur untergräbt.
Offene Fragen: Was der Quelltext nicht klärt
Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die über die unmittelbare Kritik hinausgehen. Es wird nicht explizit benannt, wie die Regisseure oder die Produktionsverantwortlichen auf die spezifischen Vorwürfe Kutschers reagieren, da ihre Sichtweise im Text nicht direkt zu Wort kommt. Zudem bleibt unklar, inwieweit die historischen Abweichungen in der Serie innerhalb der Produktion bewusst als „künstlerische Freiheit“ legitimiert wurden oder ob es einen internen Diskurs über die historische Genauigkeit gab. Auch die Frage, wie die Zuschauer die Serie tatsächlich rezipieren – ob sie diese als Geschichtsdokumentation oder als reine Fiktion wahrnehmen – wird im Text nicht durch empirische Daten oder Studien belegt, sondern bleibt eine Einschätzung des Autors. Ebenso wenig wird geklärt, ob es im Vorfeld der Produktion Absprachen zwischen dem Autor und den Regisseuren über den Grad der historischen Treue gab oder ob diese vertraglich geregelt waren.
Wie es weitergeht: Ausblick und Termine
Die Serie „Babylon Berlin“ findet mit der fünften Staffel ihren Abschluss. Alle acht Folgen der finalen Staffel sind seit dem 10. September 2026 in der ARD Mediathek abrufbar. Das Erste zeigt das Serienfinale in zwei Blöcken: Die ersten vier Folgen werden am 19. September 2026 ab 20:15 Uhr ausgestrahlt, die abschließenden vier Folgen folgen am 25. September 2026 ab 22:20 Uhr. Für Volker Kutscher bedeutet das Ende der Serie auch den Abschluss seiner Beschäftigung mit dem Rath-Kosmos, wenngleich er noch an einem letzten Projekt arbeitet. Für das kommende Jahr ist ein Band mit Erzählungen aus dem Umfeld von Gereon Rath angekündigt, der Geschichten aus dem Zeitraum von 1911 bis 1962 umfasst. Damit schließt der Autor die zeitlichen Lücken zwischen seinen Romanen und dem Epilog „Westend“. Nach diesem Erzählband plant Kutscher keine weiteren Geschichten mehr über den Ermittler Rath zu veröffentlichen, womit das literarische Universum endgültig abgeschlossen sein wird.