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Brief aus Istanbul: Frieden mit den Kurden, Krieg der Demokratie
Politik · 15.08.2026 16:04

Brief aus Istanbul: Frieden mit den Kurden, Krieg der Demokratie

Kurz: Das türkische Parlament hat ein Amnestie-Gesetz für PKK-Mitglieder verabschiedet. Doch hinter dem Friedensversprechen Erdoğans verbirgt sich ein Machtkalkül.

Ein historischer Wendepunkt im türkischen Parlament

Anfang dieser Woche markierte das türkische Parlament einen historischen Wendepunkt in der jüngeren Geschichte des Landes. Mit der Verabschiedung eines weitreichenden Amnestie-Gesetzes wurde ein formaler Schlussstrich unter eine Ära gezogen, die seit fast einem Jahrhundert durch die sogenannte kurdische Frage geprägt ist. Insbesondere die letzten 42 Jahre waren von einem blutigen Konflikt zwischen der Terrororganisation PKK und dem türkischen Staat gezeichnet, der tiefgreifende Spuren in der Gesellschaft hinterlassen hat. Das neue Gesetz sieht unter der strikten Bedingung der vollständigen Auflösung der PKK eine Amnestie für jene Mitglieder vor, die entweder bereits rechtskräftig verurteilt wurden oder gegen die derzeit noch laufende Gerichtsverfahren anhängig sind. Bemerkenswert ist dabei, dass auch große Teile der Opposition dem Gesetzesvorhaben zugestimmt haben. Während die Regierung das Gesetz als ein großzügiges Geschenk des Friedens präsentiert, deuten die politischen Hintergründe und die bisherige Strategie der AKP-Regierung auf eine wesentlich komplexere und strategisch motivierte Agenda hin, die weit über das Ziel einer bloßen Befriedung des Konflikts hinausgeht.

Die Akteure und der Weg zur Gesetzgebung

Die Genese dieses Gesetzes folgt einem Muster, das bereits vor Jahren von Mahir Kaynak, einem ehemaligen hochrangigen Beamten des türkischen Geheimdienstes MIT, antizipiert wurde. Kaynak vertrat die These, dass die türkische Staatsmacht zur Durchsetzung radikaler politischer Veränderungen oft jene Kräfte einspannt, die eigentlich als deren schärfste Gegner gelten. So wurde der Prozess, der nun in das Amnestie-Gesetz mündete, maßgeblich durch Devlet Bahçeli, den Vorsitzenden der ultranationalistischen MHP und engen Verbündeten Erdoğans, eingeleitet. Im Herbst 2024 überraschte Bahçeli die Öffentlichkeit mit einem Aufruf an den inhaftierten PKK-Chef Abdullah Öcalan. Er forderte, die Isolationshaft Öcalans aufzuheben, damit dieser persönlich vor der Fraktion der DEM-Partei im Parlament das Ende des Terrors und die Auflösung der Organisation verkünden könne. Bahçeli ging sogar so weit, eine mögliche Freilassung des zu lebenslanger Haft verurteilten Öcalans in Aussicht zu stellen, sofern die Bedingungen erfüllt würden. Dieser Vorstoß war deshalb so brisant, weil Bahçeli zuvor stets die härteste Linie gegen die Kurden-Partei DEM vertreten und sogar deren Verbot sowie die Hinrichtung Öcalans gefordert hatte.

Strategische Hintergründe und das Motiv des Machterhalts

Die Entscheidung, den Friedensprozess nach Jahren der Stagnation wiederzubeleben, ist eng mit der prekären innenpolitischen Lage der Regierungspartei AKP verknüpft. Im Vorfeld des überraschenden Vorstoßes von Bahçeli hatte die AKP bei den Kommunalwahlen eine ihrer schwersten Niederlagen hinnehmen müssen. Die Oppositionspartei CHP war unter ihrer neuen Führung zur stärksten Kraft aufgestiegen, maßgeblich unterstützt durch eine Kooperation mit der kurdischen DEM-Partei. Diese Allianz in den großen Metropolen stellte eine existenzielle Bedrohung für Erdoğans Machtanspruch dar. Insbesondere der Aufstieg von Ekrem Imamoğlu, dem CHP-Bürgermeister von Istanbul, der auch bei kurdischen Wählern hohe Sympathiewerte genießt, wurde im Präsidentenpalast als Albtraum wahrgenommen. Um eine drohende Niederlage bei den nächsten Präsidentschaftswahlen abzuwenden, verfolgte Erdoğan eine zweigleisige Strategie: Einerseits sollte die CHP durch juristische Schläge, die zur Inhaftierung zahlreicher Bürgermeister und zur Umstrukturierung der Parteiführung führten, handlungsunfähig gemacht werden. Andererseits sollte die DEM-Partei durch das Friedensangebot aus dem Oppositionsblock herausgelöst und auf die Seite der Regierung gezogen werden.

Die Rolle der parlamentarischen Kommission und die Roadmap

Nachdem der Anstoß für den Prozess gegeben war, wurde im Parlament eine spezielle Kommission gebildet, um die Details der Friedensinitiative auszuarbeiten. Um den Anschein einer breiten nationalen Einigkeit zu wahren, wurden nahezu alle im Parlament vertretenen Parteien zur Teilnahme eingeladen. Es wurde das Versprechen abgegeben, dass es nicht allein um die kurdische Frage gehen würde, sondern dass der Prozess auch umfassende demokratische Reformen beinhalten sollte. In monatelangen Verhandlungen wurde eine detaillierte Roadmap erstellt, die neben der Entwaffnung der PKK auch konkrete Schritte zur Stärkung der Demokratie vorsah. Zu den diskutierten Punkten zählten die Garantie der Meinungsfreiheit, die Korrektur restriktiver Pressegesetze, das Verbot der Einsetzung staatlicher Zwangsverwalter in Kommunen, die Zulassung von Protesten sowie die Umsetzung der Urteile des türkischen Verfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte. Diese Versprechungen dienten dazu, das Vertrauen der verschiedenen politischen Akteure zu gewinnen und eine breite Basis für die notwendigen gesetzlichen Änderungen zu schaffen, die über die reine Amnestie hinausgingen.

Die Diskrepanz zwischen Versprechen und Gesetzestext

Bei einer genaueren Betrachtung des nun verabschiedeten Gesetzes zeigt sich jedoch eine deutliche Diskrepanz zwischen den ursprünglichen Ankündigungen und der tatsächlichen Umsetzung. Die weitreichenden demokratischen Reformen, die in der Kommission diskutiert wurden, finden sich im finalen Gesetzestext nicht wieder. Die Regierung hat sich auf die rein sicherheitspolitische Komponente konzentriert: die Regelung zur Entwaffnung der PKK und die Freilassung ihrer Mitglieder. Die demokratischen Forderungen wurden zugunsten einer rein machtpolitischen Kalkulation fallengelassen. Die Regierung benötigt die Unterstützung der kurdischen Wähler und Abgeordneten, auf die Öcalan, der die Verhandlungen mit dem Staat maßgeblich mitgestaltet hat, einen entscheidenden Einfluss ausübt. Demokratische Reformen, so scheint es, stehen nicht auf der Agenda der Regierung. Stattdessen dient das Gesetz als Instrument, um die kurdische Politik in eine Abhängigkeit zu bringen, die Erdoğan für seine weiteren politischen Ziele benötigt. Die Regierung hat das Heft des Handelns vollständig in der Hand behalten, da das Gesetz Erdoğan die letzte Entscheidungsgewalt über alle Abläufe und die Prüfung der Kommissionen einräumt.

Einordnung der politischen Lage

Einzuordnen ist diese Entwicklung als ein klassisches Manöver zur Festigung der Macht, bei dem ein nationales Trauma für kurzfristige parteipolitische Interessen instrumentalisiert wird. Den Berichten zufolge ist das Ziel des Palastes nicht eine echte demokratische Öffnung, sondern die Sicherung einer verfassungsändernden Mehrheit oder die Herbeiführung vorgezogener Wahlen, um Erdoğans Präsidentschaft auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Da die Sitze der AKP und ihrer Verbündeten für diese Vorhaben nicht ausreichen, ist Erdoğan auf die Stimmen der kurdischen Abgeordneten angewiesen. Die Amnestie fungiert hierbei als politisches Tauschmittel. Während die Regierung einerseits die Freilassung von PKK-Mitgliedern ermöglicht, die für den Tod von Zehntausenden Menschen verantwortlich gemacht werden, setzt sie andererseits ihre repressive Politik gegen andere gesellschaftliche Gruppen fort. Es entsteht ein paradoxes Bild: Während ein bewaffneter Konflikt offiziell beendet werden soll, werden gleichzeitig Journalisten, Comedians und protestierende Arbeiter aufgrund ihrer Meinungsäußerungen oder zivilen Aktivitäten inhaftiert.

Offene Fragen und Lücken im Prozess

Der Quelltext lässt eine Reihe von Fragen offen, die für das Verständnis der langfristigen Auswirkungen des Gesetzes von zentraler Bedeutung sind. Unklar bleibt beispielsweise, wie die konkrete Umsetzung der Entwaffnung in den kurdischen Gebieten und im Irak, wo PKK-Kämpfer operieren, praktisch ablaufen soll. Ebenso wenig wird detailliert erläutert, welche spezifischen Gegenleistungen die DEM-Partei im Gegenzug für die Amnestie tatsächlich zugesagt hat, abgesehen von der vagen Erwartung einer politischen Kooperation. Auch die Frage, wie die nationalistischen Kreise innerhalb der AKP und ihrer Verbündeten langfristig auf die Freilassung von PKK-Mitgliedern reagieren werden, bleibt unbeantwortet. Der Text benennt zwar die Rolle von Öcalan, lässt jedoch offen, wie stark dessen Einfluss auf die Basis der PKK in der aktuellen Situation tatsächlich noch ist und ob alle Fraktionen der Organisation den Anweisungen zur Entwaffnung folgen werden. Zudem fehlen Informationen darüber, welche rechtlichen Mechanismen genau greifen sollen, wenn die vereinbarten Bedingungen der Auflösung nicht eingehalten werden sollten.

Ausblick auf die kommenden Schritte

Wie es weitergeht, hängt nun maßgeblich von der Umsetzung des Gesetzes ab. Die zuständigen Gremien und Kommissionen haben die Aufgabe, die Abläufe zu prüfen, wobei das letzte Wort bei Erdoğan liegt. Der Fokus der Regierung liegt nun darauf, die kurdischen Wählerstimmen zu mobilisieren, um die notwendigen Mehrheiten für eine Verfassungsänderung oder vorgezogene Wahlen zu sichern. Es ist davon auszugehen, dass die Regierung den Friedensprozess als zentrales Argument in einem kommenden Wahlkampf nutzen wird, um sich als Garant für Stabilität und Frieden zu inszenieren. Gleichzeitig bleibt abzuwarten, ob die Opposition, insbesondere die neu gegründete 'Yeni Parti' unter Özgür Özel, eine Strategie entwickeln kann, um diesem Manöver entgegenzuwirken. Die politische Zukunft des Landes ist eng mit dem Erfolg oder Misserfolg dieses Prozesses verknüpft, wobei die Demokratie, wie der Text nahelegt, vorerst auf einen anderen Frühling warten muss, da die aktuellen Maßnahmen primär der Sicherung der Macht im Präsidentenpalast dienen.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/fahrzeug-hubschrauber-militar-turkisch-19075226/ · Foto: Burak Başgöze
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kolumnen/brief-aus-istanbul/frieden-mit-den-kurden-der-brief-aus-istanbul-von-buelent-mumay-accg-201121689.html