Was geschehen ist – die Kernmeldung der Studie
Der Kunstmarkt steht seit Langem in der Kritik, da er eine deutliche Schieflage bei der Repräsentation von Künstlerinnen aufweist. Eine aktuelle, groß angelegte Studie unter der Leitung von Magnus Resch und dem Netzwerkforscher Albert-László Barabási liefert nun neue Erkenntnisse zu den Ursachen dieser Diskrepanz. Die Untersuchung, deren Ergebnisse in „Nature Communications“ veröffentlicht wurden, analysiert die Mechanismen, die darüber entscheiden, welche Künstler den Sprung auf den Auktionsmarkt schaffen. Entgegen der weitläufigen Annahme, dass das Geschlecht der primäre Faktor für den Erfolg ist, identifiziert die Studie die institutionellen Netzwerke als entscheidende Stellschraube. Die Forscher werteten Millionen von Datenpunkten aus, um zu verstehen, warum Werke von Männern deutlich häufiger ausgestellt und zu weitaus höheren Preisen versteigert werden. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Kunstwelt in zwei weitgehend getrennte, geschlechtsspezifische Netzwerke zerfällt, die sich kaum miteinander verflechten. Damit liefert die Studie eine wissenschaftliche Grundlage für die Debatte über Gerechtigkeit und strukturelle Benachteiligung, die über bloße Vermutungen hinausgeht und die Mechanismen hinter den Kulissen des globalen Kunstbetriebs offenlegt.
Die Einzelheiten der Untersuchung
Die wissenschaftliche Arbeit stützt sich auf einen beispiellosen Datensatz: Über acht Jahre hinweg wurden die Karrieren von rund 65.000 zeitgenössischen Künstlern untersucht. Die Datenbasis umfasst Informationen aus mehr als 20.000 Museen und Galerien weltweit. Die Forscher berücksichtigten dabei Faktoren wie die Dauer der künstlerischen Laufbahn, die Frequenz der Ausstellungen sowie die Art der beteiligten Institutionen. Eine zentrale Neuerung der Studie war die systematische Untersuchung der Frage, ob sich eine Karriere in einem männlich oder weiblich dominierten Umfeld bewegt. Die Zahlen sind deutlich: Der Gesamtwert, den männliche Künstler bei Auktionen erzielen, übersteigt den von Künstlerinnen um das Siebenfache. Zudem werden Werke von Männern fast doppelt so häufig in Ausstellungen gezeigt. Selbst wenn man die höhere Anzahl männlicher Künstler in der Grundgesamtheit einrechnet, bleibt eine signifikante Lücke bestehen. Ein Beispiel aus der Studie illustriert dies: Zwei Künstler mit identischer Laufbahn – elf Jahre Karriere, fünf Ausstellungen pro Jahr – haben völlig unterschiedliche Erfolgsaussichten, je nachdem, in welchem Netzwerk sie sich bewegen. Ein Mann in einem männlich dominierten Netzwerk hat eine 73-prozentige Chance auf den Auktionsmarkt, während eine Frau unter gleichen Bedingungen bei 69 Prozent liegt. Wechselt derselbe Mann jedoch in ein weiblich dominiertes Netzwerk, sinkt seine Erfolgsaussicht auf 52 Prozent.
Hintergrund zur Entstehung der Diskrepanz
Die Ursprünge der aktuellen Situation liegen in der Art und Weise, wie Kunstkarrieren historisch und strukturell gewachsen sind. Künstler bewegen sich nicht isoliert, sondern werden Teil von Clustern aus Museen und Galerien, die bevorzugt miteinander kooperieren. Diese Cluster haben eine verstärkende Wirkung: Männlich dominierte Institutionen neigen dazu, vornehmlich mit anderen männlich geprägten Häusern zusammenzuarbeiten. Dasselbe Muster zeigt sich bei weiblich dominierten Institutionen. Diese zwei Welten existieren weitgehend nebeneinander, ohne dass ein nennenswerter Austausch stattfindet. Die Studie baut auf einer früheren Arbeit auf, die bereits 2018 in „Science“ publiziert wurde und die prägende Kraft von Netzwerken für Kunstkarrieren belegte. Die aktuelle Untersuchung zeigt nun, dass sich diese Strukturen über die Jahre verfestigt haben. Es ist ein selbstverstärkender Prozess, bei dem die Wahl der ersten Galerie oder die ersten Ausstellungsstationen oft den gesamten weiteren Weg determinieren. Wer einmal in einem bestimmten Netzwerk verankert ist, findet nur schwer den Anschluss an andere Kreise, was die bestehenden Ungleichheiten zementiert und den Aufstieg in den prestigeträchtigen Auktionsmarkt für viele Künstlerinnen erschwert.
Die Beteiligten im Kunstbetrieb
An der Untersuchung maßgeblich beteiligt waren Magnus Resch, der Kulturmanagement an der Yale University lehrt, und der Netzwerkforscher Albert-László Barabási mit seinem Team. Ihre Arbeit richtet sich an ein breites Spektrum der Kunstwelt, darunter Museen, Galerien, Sammler und Kunstakademien. Die Studie beleuchtet die Rolle der Institutionen, die durch ihre Kooperationsentscheidungen maßgeblich über die Sichtbarkeit von Künstlern entscheiden. Besonders im Fokus stehen dabei die renommiertesten Häuser der Welt: Die Daten zeigen, dass ausgerechnet bei den einflussreichsten Institutionen die Schieflage am größten ist. Hier liegt der Anteil der ausgestellten Männer bei etwa 80 Prozent. Nur 24 Prozent aller untersuchten Häuser erreichen eine annähernd paritätische Präsentation der Geschlechter. Die Studie macht deutlich, dass die Entscheidungsträger in diesen Institutionen – Kuratoren, Galeristen und Museumsleiter – durch ihre Vernetzungspraxis die Geschlechterstruktur des Marktes aktiv mitgestalten, oft ohne sich der langfristigen Folgen für die Karrieren der Künstlerinnen bewusst zu sein.
Einordnung der Ergebnisse
Einzuordnen ist das so: Die Studie räumt mit der Vorstellung auf, dass der Kunstmarkt ein reiner Leistungsmarkt ist, in dem allein die Qualität der Werke über den Erfolg entscheidet. Den Berichten zufolge belohnt der Markt primär die Zugehörigkeit zu bestimmten Netzwerken. Zwar spielt das Geschlecht eine Rolle, doch der Einfluss des Netzwerks ist weitaus dominanter. Die Entrüstung, die auf die Veröffentlichung der Studienergebnisse in sozialen Medien folgte, zeigt, wie emotional aufgeladen das Thema ist. Viele Künstlerinnen, die täglich Diskriminierung erfahren, sahen in der Feststellung eines „kleineren Einflusses“ des Geschlechts eine Verharmlosung. Die Autoren stellen jedoch klar, dass ein „kleinerer Einfluss“ keineswegs „kein Einfluss“ bedeutet. Der messbare Effekt des Geschlechts bleibt auch nach Bereinigung der Netzwerkfaktoren bestehen. Die Studie entlarvt somit die bequeme Annahme, dass sich Qualität am Ende immer durchsetzt. Stattdessen zeigt sie auf, dass der Markt die bestehenden Machtstrukturen reproduziert, indem er die Institutionen bevorzugt, die bereits etabliert und männlich geprägt sind.
Regionale Unterschiede und institutionelle Muster
Die Untersuchung wirft auch ein interessantes Licht auf die geografische Verteilung der Geschlechterrepräsentation. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Ländern. In Deutschland und Österreich finden sich vergleichsweise viele Institutionen, in denen Frauen überrepräsentiert sind. Ganz anders stellt sich die Situation in Frankreich, Spanien und Portugal dar, wo die Kunstwelt deutlich stärker männlich geprägt ist. Diese nationalen Unterschiede unterstreichen, dass die Geschlechterstruktur kein naturgegebenes Phänomen ist, sondern ein Ergebnis kultureller und institutioneller Entscheidungen. Da sich Institutionen bevorzugt mit anderen Häusern vernetzen, die eine ähnliche Geschlechterstruktur aufweisen, entstehen nationale Cluster, die die jeweilige Schieflage weiter konservieren. Die Studie verdeutlicht, dass die „Kunstwelt“ kein homogener globaler Raum ist, sondern ein Mosaik aus unterschiedlich geprägten Netzwerken, deren Zusammensetzung maßgeblich durch die Kooperationspolitik der Museen und Galerien bestimmt wird.
Offene Fragen und Lücken in der Analyse
Obwohl die Studie eine enorme Datenmenge verarbeitet, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Die Untersuchung konzentriert sich stark auf die statistische Vorhersagbarkeit von Karrieren und die Rolle der Netzwerke. Was die Studie ausdrücklich nicht leisten kann und will, ist die objektive Bewertung von Kunstqualität. Die Forscher betonen, dass das, was ein Werk „berührt“ oder „überrascht“, sich jeder statistischen Erfassung entzieht. Damit bleibt die Frage offen, wie viel Prozent des Erfolgs tatsächlich auf künstlerische Exzellenz zurückzuführen sind und wie viel auf die rein netzwerkbasierte Sichtbarkeit. Zudem beleuchtet die Studie zwar die institutionelle Ebene, lässt aber die Rolle privater Sammler und deren individueller Kaufentscheidungen nur am Rande einfließen. Auch die Frage, wie genau die Diskriminierung innerhalb der Netzwerke auf individueller Ebene abläuft – etwa durch unbewusste Vorurteile bei Kuratoren oder Entscheidungsträgern – wird durch die statistische Analyse nicht in ihrer psychologischen Tiefe geklärt.
Wie es weitergeht für den Kunstmarkt
Für die Zukunft leiten die Autoren klare Handlungsempfehlungen ab. Museen und Galerien müssen erkennen, dass bloße Quoten für Ausstellungen nicht ausreichen, solange die zugrunde liegenden Netzwerkstrukturen unverändert bleiben. Wirksamer wäre es, wenn Institutionen gezielt Kooperationen mit bislang unterrepräsentierten Partnern suchen würden, um die geschlossenen Cluster aufzubrechen. Auch für den Nachwuchs gibt es eine Lehre: Kunstakademien sollten ihre Absolventen stärker für die Bedeutung der ersten Karriereschritte sensibilisieren. Die Wahl der ersten Galerie ist keine bloße Formalität, sondern eine Weichenstellung für das gesamte Netzwerk, in dem sich ein Künstler bewegen wird. Sammler sind ebenfalls in der Pflicht: Wer immer wieder bei denselben Galerien kauft, zementiert die bestehenden Machtverhältnisse. Die Studie fordert ein Umdenken, das über die reine Diversitätsrhetorik hinausgeht und die strukturellen Verbindungen im Kunstbetrieb in den Mittelpunkt stellt. Ob und wie schnell die Akteure auf diese wissenschaftlichen Erkenntnisse reagieren werden, bleibt abzuwarten, doch das Argument der „reinen Qualität“ hat durch diese Daten an Glaubwürdigkeit verloren.