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Schlagzeilen · 26.09.2026 18:39

Hamburg übt den Ernstfall mit der Bundeswehr

Kurz: In Hamburg proben Bundeswehr, Polizei und Hilfsorganisationen unter dem Namen 'Red Storm Charlie' den Krisenfall – von Drohnenabwehr bis zur Notfallmedizin.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

In Hamburg fand eine umfassende Krisenübung unter dem Namen „Red Storm Charlie“ statt, bei der die Bundeswehr, die Polizei sowie zahlreiche zivile Organisationen und Firmen gemeinsam den Ernstfall probten. Ziel der dreitägigen Übung war es, die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure in einer komplexen Sicherheitslage zu trainieren. Dabei wurden diverse Szenarien durchgespielt, die von der Abwehr feindlicher Drohnen über die Einrichtung provisorischer Notaufnahmen in Tiefgaragen bis hin zur Bewältigung von Unfällen mit zahlreichen Verletzten reichten. Die Übung verdeutlichte die Notwendigkeit einer engen Abstimmung zwischen militärischen Kräften und zivilen Rettungsdiensten in einem Szenario, in dem Hamburg als logistische Drehscheibe für Nato-Truppen auf dem Weg zur Ostflanke fungiert. Die Übung fand in einer Zeit statt, in der die Sicherheitslage in Europa durch geopolitische Spannungen als verändert wahrgenommen wird. Dabei wurden sowohl technische Fähigkeiten, wie das Abfangen von Drohnen, als auch logistische Herausforderungen, etwa die Versorgung einer großen Anzahl an Verletzten bei überlasteten Krankenhäusern, unter realitätsnahen Bedingungen getestet. Die Veranstaltung stieß dabei nicht nur auf Interesse, sondern löste auch Proteste aus, da Teile der Zivilgesellschaft die zunehmende militärische Präsenz im städtischen Raum kritisch hinterfragten.

Die Einzelheiten der Übung

An „Red Storm Charlie“ nahmen insgesamt über 1.700 Personen teil, wobei Soldaten mit rund 500 Kräften nur einen Teil der Gesamtgruppe ausmachten. Insgesamt waren mehr als 60 verschiedene Organisationen in die Abläufe eingebunden, was eine deutliche Steigerung gegenüber den etwa zwölf Organisationen im Vorjahr darstellt. Ein zentrales Element war die Drohnenabwehr am O'Swaldkai, bei der eine Abfangdrohne ein Netz auf eine simulierte feindliche Drohne schoss, die einem Modell nachempfunden war, das zuvor am Flughafen Leipzig/Halle entdeckt worden war. Innensenator Andy Grote (SPD) betonte, dass die Hamburger Polizei ein solches System künftig selbst einsetzen wolle. Ein weiteres Szenario umfasste eine nächtliche Straßenblockade eines Konvois mit bis zu 70 Fahrzeugen, bei der die Feldjäger der Bundeswehr aufgrund der Annahme eines juristisch friedlichen Zustands der Landespolizei den Vortritt ließen. Im Bereich der medizinischen Versorgung wurde in einer Tiefgarage eine Notaufnahme errichtet, die für 100 Patienten täglich ausgelegt ist und in zwölf Stunden einsatzbereit war. Zudem wurde ein Notfalllazarett auf dem Gelände der Lufthansa Technik Werft am Flughafen Hamburg betrieben, um Verletzte nach einem Unfall auf einem Truppenübungsplatz zu versorgen.

Hintergrund und Entstehung

Die Übung „Red Storm Charlie“ ist bereits die dritte ihrer Art in Hamburg. Sie basiert auf der strategischen Annahme, dass Hamburg im Falle einer Truppenverlegung der Nato an die Ostflanke eine entscheidende Rolle als logistische Drehscheibe einnehmen würde. Laut Kapitän zur See Kurt Leonards, dem Kommandeur des Landeskommandos Hamburg, müsse die sogenannte Gesamtverteidigung bereits in Friedenszeiten gründlich vorbereitet werden. Diese Notwendigkeit ergibt sich aus der veränderten Sicherheitslage in Europa, die unter anderem durch Berichte über hybride Bedrohungen und die Warnungen europäischer Geheimdienste vor einer möglichen russischen Aggression gegen Nato-Gebiet geprägt ist. Um auf diese Herausforderungen zu reagieren, hat die Bundesregierung ein umfassendes Schutzkonzept verabschiedet, das Investitionen in Höhe von zehn Milliarden Euro vorsieht. Die Übung dient somit als praktisches Testfeld für Konzepte, die im Ernstfall die Resilienz der Stadt und ihrer Infrastruktur sicherstellen sollen. Dabei geht es nicht nur um militärische Aspekte, sondern explizit um den Schutz der Bevölkerung und die Aufrechterhaltung kritischer Infrastrukturen, falls beispielsweise Kliniken durch Cyberangriffe oder Stromausfälle ausfallen sollten.

Die Beteiligten der Übung

An der Großübung waren eine Vielzahl von Akteuren beteiligt. Neben der Bundeswehr, vertreten durch das Landeskommando Hamburg unter der Leitung von Kapitän zur See Kurt Leonards und Oberstleutnant Jürgen Bredtmann, spielten die Hamburger Polizei sowie zivile Organisationen wie das Technische Hilfswerk (THW) und das Rote Kreuz eine zentrale Rolle. Auch die Feuerwehr Hamburg, vertreten durch Matthias Freudenberg, war maßgeblich in die Rettungsszenarien eingebunden. Auf politischer Ebene begleiteten Innensenator Andy Grote und Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer die Übung. Schlotzhauer bezeichnete das Modell der Notaufnahme in der Tiefgarage als potenzielle Blaupause für andere Bundesländer. Auf der anderen Seite standen verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen, die ihren Protest äußerten. Dazu zählten das Bündnis „Ende Gelände“, vertreten durch Sprecherin Lakshmi Thevasagayam, sowie das Bündnis „Kein Nato-Hafen“. Auch Jugendliche, die im Rahmen eines bundesweiten Schulstreiks gegen die Wehrpflicht demonstrierten, äußerten sich kritisch zur Übung. Die Beteiligten der Übung betonten dabei die Notwendigkeit der Vorbereitung, während die Kritiker die gesellschaftliche Ausrichtung auf „Kriegstüchtigkeit“ ablehnten.

Einordnung der Ereignisse

Einzuordnen ist die Übung „Red Storm Charlie“ als Teil einer umfassenderen Strategie zur Stärkung der nationalen Verteidigungsfähigkeit und des Bevölkerungsschutzes. Den Berichten zufolge dient die Veranstaltung dazu, Schwachstellen in der zivil-militärischen Zusammenarbeit zu identifizieren und zu beheben. Dass rund 85 Prozent der getesteten Konzepte erfolgreich funktionierten, wird von den Verantwortlichen als positives Signal gewertet, während der verbleibende Teil als Optimierungspotenzial für künftige Planungen betrachtet wird. Die Einbindung ziviler Infrastruktur, wie Tiefgaragen als Notfalllazarette, zeigt den Versuch, die Verteidigungsplanung in den Alltag der Stadt zu integrieren. Kritiker sehen darin jedoch eine problematische Normalisierung militärischer Präsenz im öffentlichen Raum. Die Proteste, die von Gleisblockaden bis zu Demonstrationen gegen die Wehrpflicht reichten, verdeutlichen die gesellschaftliche Debatte über das Ausmaß der notwendigen Vorbereitungen auf Krisenszenarien. Dabei wird deutlich, dass die Frage nach der „Kriegstüchtigkeit“ der Gesellschaft ein zentraler Streitpunkt bleibt, der über rein militärische oder logistische Fragen hinausgeht und grundlegende politische Überzeugungen berührt.

Offene Fragen und Lücken

Obwohl die Übung viele Szenarien abdeckte, bleiben einige Fragen im Quelltext unbeantwortet. So wird nicht explizit dargelegt, wie die langfristige Finanzierung der bei der Übung getesteten Konzepte, wie etwa der Drohnenabwehrsysteme für die Polizei, in den regulären Haushalt integriert werden soll. Auch bleibt unklar, wie die Bevölkerung in einem realen Ernstfall über die Nutzung öffentlicher Räume wie Tiefgaragen als Lazarette informiert werden würde und welche rechtlichen Hürden bei einer solchen Umnutzung im Detail zu überwinden wären. Zudem gibt der Text keine Auskunft darüber, wie die Zusammenarbeit mit privaten Firmen, die bei der Übung involviert waren, vertraglich geregelt ist, falls diese im Krisenfall ihre Kapazitäten zur Verfügung stellen müssten. Auch die konkreten Auswirkungen der Proteste auf die Planung künftiger Übungen werden nicht thematisiert. Es bleibt offen, inwiefern die geäußerten Bedenken der Aktivisten bei der weiteren Ausarbeitung der Schutzkonzepte berücksichtigt werden oder ob die Strategie der „Gesamtverteidigung“ unabhängig von der öffentlichen Kritik weiter vorangetrieben wird.

Wie es weitergeht

Die Verantwortlichen der Übung haben angekündigt, die gewonnenen Erkenntnisse auszuwerten, um die verbleibenden 15 Prozent der Konzepte zu verbessern. Oberstleutnant Jürgen Bredtmann betonte, dass die Übung eine Lernkurve darstelle und die Optimierung der Abläufe ein fortlaufender Prozess sei. Zudem wird die Debatte über die Wehrpflicht und die allgemeine Vorbereitung der Gesellschaft auf Krisenlagen weiter anhalten. Die Bundesregierung hält an ihrem Zehn-Milliarden-Euro-Schutzkonzept fest, was darauf hindeutet, dass weitere Maßnahmen zur Stärkung des Bevölkerungsschutzes folgen werden. Auch die Hamburger Polizei plant, die bei „Red Storm Charlie“ erprobten Drohnenabwehrsysteme künftig eigenständig zu nutzen, was auf eine technische Aufrüstung hindeutet. Die Proteste gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausrichtung der Gesellschaft dürften ebenfalls ein Thema bleiben, da sie eng mit der politischen Entscheidung verbunden sind, ob bei einem Mangel an Freiwilligen eine Dienstpflicht durch den Bundestag eingeführt werden soll. Die Übung markiert somit nicht das Ende, sondern einen weiteren Schritt in der Anpassung der Sicherheitsarchitektur an die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen.

Quelle: https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/bundeswehr-uebung-hamburg-drohnenabwehr-red-storm-charlie-100.html