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Barclay James Harvest: Die Behaglichkeit der Apokalypse
Kultur · 10.08.2026 17:11

Barclay James Harvest: Die Behaglichkeit der Apokalypse

Kurz: Barclay James Harvest prägte den Weltschmerz der 70er. Ein Konzert in Bad Nauheim zeigt, wie die Musik heute wirkt – zwischen Nostalgie und musikalischer Histor

Ein Echo aus den Kinderzimmern der 70er

In den 1970er-Jahren war Barclay James Harvest ein fester Bestandteil der musikalischen Sozialisation vieler Jugendlicher in der Bundesrepublik. Mit Alben wie „Octoberon“ schuf die Band einen Klangteppich, der als aufwühlend und zugleich sanft empfunden wurde. Die Musik bot eine spezifische Ästhetik: Sie verband eine fast samtene, weiche Melodik mit einer inhaltlichen Schwere, die sich um Themen wie den Vietnamkrieg, den Nordirlandkonflikt und allgemeine Weltnöte drehte. Für das damalige Publikum war dies eine Möglichkeit, sich jugendlich-weltschmerzhaft zu fühlen, ohne dabei die eigene Existenz tiefgreifend hinterfragen zu müssen.

Die zwei Gesichter der Band

Die Identität von Barclay James Harvest war stets von zwei gegensätzlichen Frontmännern geprägt. Auf der einen Seite stand Les Holroyd, der mit seiner sanften, beinahe engelhaften Stimme und seinem Auftreten als Bassist eine fast meditative Ruhe ausstrahlte. Ihm gegenüber stand der Leadgitarrist John Lees. Sein Gitarrenspiel wurde oft als scharf und resolut beschrieben – ein Sound, der über der weichen Harmonik der Band wie eine Kampfdrohne schwebte und der ansonsten eher lieblichen Musik eine notwendige, fast aggressive Struktur verlieh.

Ein Abend in der Trinkkuranlage

Heute existiert die ursprüngliche Band nicht mehr als Einheit. Die beiden verbliebenen Gründungsmitglieder, Les Holroyd und John Lees, führen getrennte Formationen unter dem Namen Barclay James Harvest. Bei einem jüngsten Konzert in der Konzertmuschel der Trinkkuranlage in Bad Nauheim trat Les Holroyd mit seiner aktuellen Besetzung auf.

Das Konzert bot eine Zeitreise für ein Publikum, das sich als bemerkenswert altersgereift präsentierte. Die Darbietung war von einer gewissen Nostalgie getragen, auch wenn die technische Umsetzung – etwa bei der Abmischung der Stimme Holroyds – Raum für Interpretationen ließ. Klassiker wie „Mockingbird“, „Child of the Universe“ oder „Poor Man’s Moody Blues“ wurden vom Publikum enthusiastisch aufgenommen. Dabei zeigte sich, dass die Musik ihre Wirkung als „Kuschelrock mit Weltschmerz-Anmutung“ auch nach Jahrzehnten nicht verloren hat.

Die Kunst der Vereinfachung

Ein interessanter Aspekt des Abends war der Vergleich mit dem ursprünglichen Sound der Band. Der Gitarrist der aktuellen Holroyd-Formation spielte technisch versiert, verzichtete jedoch bewusst auf den charakteristischen, fast schneidenden Stratocaster-Sound von John Lees. Dies verdeutlichte im Nachhinein, wie essenziell Lees’ Spielweise für das Gesamtwerk war: Die vermeintliche „Stuka-Gitarre“ fungierte als notwendiges Korrektiv, um das ansonsten eher säuselnde Klanggemisch aufzubrechen und vor der Beliebigkeit zu bewahren.

Das Konzert endete mit dem Hit „Life is for Living“. Der Abend in Bad Nauheim unterstrich, dass Barclay James Harvest für viele Fans weit mehr als nur Musik ist – es ist ein Stück kulturelle Erinnerung an eine Zeit, in der man sich in einer Mischung aus pathetischer Harmonik und politischem Weltbild einrichtete. Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, dass die emotionale Bindung zwischen den Hörern und diesem speziellen Sound auch Jahrzehnte später noch Bestand hat.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/atemberaubender-blick-auf-die-handelskammer-hamburg-31593530/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/barclay-james-harvest-in-bad-nauheim-die-behaglichkeit-der-apokalypse-201110744.html