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Ausstellung wechselwirkung: Treffen sich ein Blumenkohl und ein Atompilz
Kultur · 18.08.2026 14:21

Ausstellung wechselwirkung: Treffen sich ein Blumenkohl und ein Atompilz

Kurz: Die Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg präsentiert in der Ausstellung „Wechselwirkung“ eine faszinierende Begegnung von Fotografie und Malerei.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

In der Berliner Sammlung Scharf-Gerstenberg, einem renommierten Museum für surrealistische Kunst im Stadtteil Charlottenburg, wurde eine neue Ausstellung unter dem Titel „Wechselwirkung“ eröffnet. Die Schau stellt eine konzeptionelle Verbindung zwischen zwei zeitgenössischen Künstlern her: dem Fotografen Kai Bornhöft und dem Maler Frank Tornow. Die Kuratorin Kyllikki Zacharias hat die Werke so arrangiert, dass sie in einen direkten, wechselseitigen Dialog treten. Schon der Zugang zur Ausstellung bereitet den Besucher auf dieses Prinzip vor. Bevor man die eigentlichen Räumlichkeiten erreicht, passiert man das historische ägyptische Kalabscha-Tor. In der Sichtachse dieses antiken Bauwerks wird eine Projektion gezeigt, die an das klassische Videospiel „Pong“ aus den siebziger Jahren erinnert, wobei sich Protonen in einer Weise bewegen, die physikalische Wechselwirkungen assoziieren lässt. Dieser Kontrast zwischen dem unternubischen Tempeleingang und der modernen, fast spielerischen digitalen Animation dient als programmatische Einleitung für das, was den Betrachter im weiteren Verlauf der Ausstellung erwartet: eine bewusste Konfrontation von Gegensätzen, die durch ihre räumliche Nähe eine neue, gemeinsame Bedeutungsebene entwickeln.

Die Einzelheiten der Ausstellung

Die Präsentation umfasst eine Vielzahl von Arbeiten, die in einem sorgfältig abgestimmten Arrangement an vier Wänden präsentiert werden. Zu sehen sind unter anderem Frank Tornows kleinformatige Ölbilder auf Holz, die alltägliche Motive wie Zitronen, Tomaten, Babybananen oder Chicorée zeigen. Diese Werke aus dem Jahr 2025 treten in eine direkte Nachbarschaft zu den Schwarz-Weiß-Fotografien von Kai Bornhöft. Ein markantes Beispiel für diese Interaktion ist das Werk „Sombra, Hokkaido und Apfel“ von 2025. Hier korrespondiert eine abstrakte Aufnahme von Bornhöft mit der Darstellung eines Hokkaido-Kürbisses bei Tornow. Die Schattenwürfe in Bornhöfts Fotografie betonen die Plastizität des gemalten Kürbisses, während umgekehrt die Dreidimensionalität des Stilllebens die fotografische Arbeit tiefer wirken lässt. Ein weiteres Beispiel ist die Serie „ten“ von 2019, deren spezifische Lichtführung in den Abzügen eine gespenstische Atmosphäre erzeugt. Wenn der Betrachter den Blick vom gleißenden Licht der Fotografie zum Stillleben mit den zwei roten Chicorée-Stauden schweifen lässt, entsteht ein positives Nachbild auf der Netzhaut, das die Gemüsedarstellung fast geisterhaft erscheinen lässt. Die Ausstellung ist noch bis zum 15. November in Berlin zu besichtigen; ein begleitender Katalog wurde nicht erstellt.

Hintergrund und theoretische Verankerung

Die theoretische Basis der Ausstellung findet sich im Surrealismus des frühen 20. Jahrhunderts. Als intellektueller Pate fungiert André Breton, dessen Manifest aus dem Jahr 1924 die Kunstwelt nachhaltig prägte. Eine zentrale Leitidee ist dabei ein Zitat des Dichters Lautréamont, das die Schönheit im „zufälligen Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ verortet. Die Ausstellung „Wechselwirkung“ überträgt dieses Konzept in die Gegenwart. Die Kuratoren und Künstler sehen in den abwegigen Kombinationen – wie etwa einem Blumenkohl und einem Atompilz – keine bloßen Zufallsprodukte, sondern eine bewusste Freilegung des Unbewussten. Inspiriert durch die Traumdeutungen von Sigmund Freud, betrachten die Surrealisten das Unbewusste als die eigentliche Triebfeder künstlerischen Schaffens. Das Ziel ist es, unterschwellige Zusammengehörigkeiten sichtbar zu machen, die sich dem rationalen Verstand normalerweise entziehen. Die Ausstellung versteht sich somit als eine Fortführung dieser Tradition, in der das Regellose und das Verdrängte durch die gezielte Kombination von Objekten und Lichtstimmungen an die Oberfläche geholt werden sollen.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum der Ausstellung stehen der Maler Frank Tornow und der Fotograf Kai Bornhöft. Tornow ist für seine präzisen, in Öl auf Holz ausgeführten Stillleben bekannt, die oft banale Lebensmittel in den Fokus rücken. Bornhöft hingegen arbeitet mit einer fotografischen Ästhetik, die durch mehrfaches Umkopieren eine sinistre, schattenreiche Stimmung erzeugt. Die Kuratorin Kyllikki Zacharias ist für die konzeptionelle Zusammenführung dieser beiden Positionen verantwortlich. Sie wählte den Titel „Wechselwirkung“, um die Relationalität der Werke zu beschreiben. Die beteiligten Künstler und die Kuratorin stützen sich dabei auf ein Verständnis von Kunst, das die Betrachter einlädt, die psychologische Wirkung der Bilder zu reflektieren. Die Institution, die diesen Rahmen bietet, ist die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin, die für ihre spezialisierte Sammlung surrealistischer Kunst bekannt ist. Die Rechte an den gezeigten Werken liegen bei der VG Bild-Kunst in Bonn, was die professionelle Einbettung der Ausstellung in den kunsthistorischen Kontext unterstreicht.

Einordnung der künstlerischen Strategie

Den Berichten zufolge ist die Ausstellung als ein Experiment zu verstehen, bei dem die Wirkung der Kunstwerke durch den Kontext ihrer Nachbarschaft verstärkt wird. Einzuordnen ist das so: Die „Wechselwirkung“ ist hier nicht als physikalischer Prozess zu verstehen, sondern als eine Art chemische Reaktion zwischen zwei künstlerischen Stoffen. Die Kuratorin zieht den Vergleich zu Arzneimitteln, deren Wirkung sich durch die Kombination gegenseitig potenzieren kann. Dabei bleibt der Ausgang für den Betrachter ungewiss. Die Entscheidung, auf eine rein wissenschaftliche Analogie zu verzichten und stattdessen die emotionale und visuelle Resonanz in den Vordergrund zu stellen, macht den Kern der Ausstellung aus. Die Bewertung der Arbeiten durch den Betrachter findet nicht isoliert statt, sondern wird durch das jeweils benachbarte Werk manipuliert. Ein stilles Gemüsebild erhält durch die düstere Fotografie eine unheimliche Note, während die abstrakte Fotografie durch die gegenständliche Malerei eine neue räumliche Tiefe gewinnt. Es ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, das die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und dem Unbewussten verwischt.

Offene Fragen und Lücken im Quelltext

Obwohl die Ausstellung ausführlich beschrieben wird, bleiben einige Aspekte unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, wie die Auswahl der spezifischen Werke von Tornow und Bornhöft genau getroffen wurde. Es bleibt unklar, ob es sich um eine Auftragsarbeit für diese Ausstellung handelt oder um eine Zusammenstellung bereits existierender Werke aus verschiedenen Schaffensperioden. Ebenso wird nicht erläutert, warum auf einen Katalog verzichtet wurde, was bei einer solch konzeptionell dichten Ausstellung ungewöhnlich ist. Auch die genaue Dauer der Vorbereitungszeit oder die Frage, ob die Künstler bei der Hängung der Werke direkt zusammengearbeitet haben, wird nicht geklärt. Zudem fehlen Informationen zur Resonanz des Publikums oder zu einer geplanten Begleitveranstaltung, die über die reine Ausstellungsdauer hinausgeht. Die physikalische Analogie der „Quantenchromodynamik“ wird zwar erwähnt, jedoch nicht weiter vertieft, was die Frage offenlässt, ob dies lediglich als humorvoller Kontrast oder als ernsthafter theoretischer Überbau gedacht war.

Wie es weitergeht

Die Ausstellung „Wechselwirkung“ ist für einen begrenzten Zeitraum in der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin zugänglich. Als fester Endpunkt der Präsentation ist der 15. November genannt. Bis zu diesem Datum haben Besucher die Möglichkeit, die Interaktion zwischen den Fotografien von Kai Bornhöft und den Ölbildern von Frank Tornow vor Ort zu erleben. Da kein Katalog zur Ausstellung erscheint, ist der Besuch der Räumlichkeiten in Charlottenburg die einzige Möglichkeit, die kuratorische Anordnung und die damit verbundene Wirkung der Werke in ihrer Gesamtheit zu studieren. Über weiterführende Schritte, wie etwa eine Wanderschaft der Ausstellung an andere Orte oder den Erwerb einzelner Werke durch die Sammlung, liegen keine Informationen vor. Die Ausstellung bleibt somit ein zeitlich begrenztes, in sich geschlossenes Ereignis im Berliner Kulturkalender des Jahres 2026.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/sammlung-kunstlicher-aufkleber-in-valletta-38581654/ · Foto: Tobi &Chris
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunst-und-architektur/ausstellung/frank-tornow-und-kai-bornhoeft-surrealismus-in-berlin-accg-201125841.html