Was geschehen ist – die Kernmeldung
Die ARD bringt mit der sechsteiligen Miniserie „Selling Sex“ ein Format in die Mediathek und das späte Abendprogramm, das sich intensiv mit der Welt der Sexarbeit auseinandersetzt. Im Zentrum steht die junge Nelly, eine Masterstudentin der Fachrichtung Economics, die sich aufgrund hoher Studienkreditschulden und der Frustration über die männlich dominierte Finanzwelt dazu entschließt, als Escort zu arbeiten. Die Serie, die unter der Regie von Miriam Dehne und Marie C. König entstand, versteht sich dabei als eine Art feministischer Porno. Anstatt die Branche aus einer Perspektive des Elends oder der Opferrolle zu betrachten, inszeniert das Werk Sexarbeit als eine Form von High-End-Dienstleistung. Die Protagonistin Nelly, die sich im Milieu den Künstlernamen „Aurora“ gibt, nutzt ihre Tätigkeit nicht nur zur schnellen Geldbeschaffung, sondern sieht darin eine Möglichkeit, die ökonomische Benachteiligung von Frauen aktiv zu bekämpfen. Die Serie feiert dabei einen rücksichtslosen Kapitalismus, der sich laut Kritikern kaum hinter einer moralischen Maske verbirgt, sondern die ökonomische Selbstbestimmung der Frau in den Vordergrund stellt.
Die Einzelheiten der Produktion
Die Hauptrolle der Nelly wird von Ella Morgen verkörpert. An ihrer Seite agieren Samirah Breuer als ihre Freundin Giulia sowie Lera Abova als die erfahrene Liliana. Die Agentur „Flower Escorts“, in der die Frauen tätig sind, wird von der Figur Maxine, gespielt von Anna von Auersperg, geleitet. Weitere wichtige Akteure sind die Branchenkennerin Dolly (Sasha von Halbach), Nellys Mitbewohnerin Bonnie (Manal Raga a Sabit) sowie der Callboy Ben (Malik Blumenthal), mit dem Nelly eine romantische Verstrickung ablehnt. Ein besonderer Antagonist im geschäftlichen Sinne ist der wohlhabende Kunde Tsuneo, dargestellt von Madieu Ulbrich. Die Serie thematisiert dabei konkrete Aspekte der Branche, wie etwa Gesundheitsprüfungen, die Notwendigkeit eines Prostituiertenscheins und die strategische Planung von Finanzen. Die Drehbücher stammen von Miriam Dehne, Marie C. König und Hannah Schopf. Die Ausstrahlung beginnt für das lineare Fernsehen am Freitag ab 23:50 Uhr im Ersten, während die Serie bereits zuvor in der ARD-Mediathek zur Verfügung gestellt wird.
Hintergrund und Entstehung
Die Motivation der Hauptfigur Nelly entspringt einer tiefen Unzufriedenheit mit der akademischen und beruflichen Realität. Als angehende Vermögensberaterin sieht sie sich mit einer Branche konfrontiert, die sie als „Tradwife“-Enthusiasten bezeichnet und in der Frauen aufgrund von strukturellen Benachteiligungen – wie dem Gender Pay Gap, Teilzeitarbeit und der Last der Care-Arbeit – nur einen Bruchteil des Vermögens besitzen, das Männern zur Verfügung steht. Nellys Versuch, in einem unbezahlten Praktikum bei Dr. Storch (Inga Busch) Fuß zu fassen, scheitert an der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft. Die Entscheidung, in die Sexbranche zu wechseln, ist somit eine bewusste Abkehr von einem System, das sie als verlogen empfindet. Die Serie knüpft dabei an eine Entwicklung an, bei der Produzentinnen vermehrt versuchen, pornografische oder sexuell explizite Inhalte neu zu definieren und den Fokus von der Erniedrigung der Frau hin zur sexpositiven Selbstbestimmung zu verschieben, wobei Madonna als ästhetisches und inhaltliches Vorbild fungiert.
Die beteiligten Akteure
Die Serie konzentriert sich auf ein Netzwerk von Frauen, die sich in der Escort-Branche behaupten. Nelly agiert als treibende Kraft, die ihre ökonomischen Analysen auf ihre Arbeit im Escort-Gewerbe überträgt. Die Agenturchefin Maxine fungiert dabei als Mentorin, die klare Regeln für die Arbeit aufstellt. Die Figur der Dr. Storch repräsentiert hingegen die klassische Finanzwelt, die Nelly als ausbeuterisch und rückständig ablehnt. Ein weiterer wichtiger Charakter ist die Freundin Dolly, die durch ihre eigene Tätigkeit in der Sexbranche ein Etablissement aufbauen konnte, das als Gegenentwurf zu ausbeuterischen Strukturen fungieren soll. Die Männer in der Serie, wie etwa der Kunde Tsuneo oder der Callboy Ben, dienen primär als Projektionsflächen für die Wünsche der Protagonistinnen oder als Kontrastfolie für Nellys feministische Ambitionen. Die Serie zeigt eine Welt, in der Frauen die Machtverhältnisse durch Expertise und Marktanalyse zu ihren Gunsten zu verschieben versuchen.
Einordnung der Darstellung
Einzuordnen ist die Serie als ein bewusster Gegenentwurf zu traditionellen Darstellungen von Sexarbeit. Den Berichten zufolge blenden die Macherinnen vorsätzlich die Schattenseiten des Gewerbes aus, um den Fokus auf die ökonomische Emanzipation der Frauen zu legen. Diese Entscheidung führt dazu, dass die Serie zwar edukativ und explizit gestaltet ist, jedoch in ihrer Erzählweise oft auf der Stelle tritt, da sie sich mehr auf das „Asset-Management“ als auf eine tiefgreifende persönliche Entwicklung der Charaktere konzentriert. Die Serie wird als hochglanzgefilmtes Werk beschrieben, das den Kapitalismus feiert, statt ihn zu kritisieren. Kritisch anzumerken ist, dass die Serie zwar versucht, die Branche aus Elendszusammenhängen zu lösen, dabei jedoch eine sehr spezifische, fast schon idealisierte Sicht auf die Sexarbeit einnimmt, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor Herausforderungen hinsichtlich des Jugendschutzes stellt, weshalb die Sendezeit in den späten Abend verlegt wurde.
Offene Fragen zur Serie
Der Quelltext lässt einige Aspekte offen, die für das Verständnis der Serie von Bedeutung sein könnten. So bleibt unklar, wie die Serie langfristig mit den moralischen Implikationen ihres „rücksichtslosen Kapitalismus“ umgeht, da die Kritik an der Käuflichkeit nur oberflächlich bleibt. Es wird nicht explizit ausgeführt, ob die Serie im weiteren Verlauf noch stärker auf die psychologischen Auswirkungen der Sexarbeit eingeht oder ob sie konsequent bei der rein ökonomischen Betrachtungsweise bleibt. Auch bleibt offen, wie die breitere Gesellschaft innerhalb der Serie auf die Aktivitäten der Frauen reagiert, abgesehen von der Präsentation der Masterarbeit am Ende. Zudem wird nicht detailliert erläutert, wie der Übergang von der Theorie der Vermögensberatung zur Praxis der Sexarbeit in der Serie narrativ aufgelöst wird, wenn die Protagonistin mit den harten Realitäten des Marktes konfrontiert wird, die über das bloße „Asset-Management“ hinausgehen.
Wie es weitergeht
Die Serie ist als sechsteilige Miniserie konzipiert, deren Handlung auf den Abschluss von Nellys Masterarbeit zusteuert. Die Zuschauer können die gesamte Serie ab dem Veröffentlichungstermin in der ARD-Mediathek abrufen. Im linearen Fernsehen findet die Ausstrahlung am Freitag ab 23:50 Uhr im Ersten statt. Ob es über diese sechs Folgen hinaus eine weitere Staffel geben wird oder ob die Geschichte mit der Präsentation der Masterarbeit und der endgültigen Etablierung der Frauen in ihrem gewählten Berufsfeld abgeschlossen ist, geht aus den vorliegenden Informationen nicht hervor. Die Serie lädt das Publikum ein, den Weg der Protagonistinnen zu verfolgen, während diese versuchen, ihre eigenen Finanzpläne und ihre sexuelle Selbstbestimmung in einer von Männern dominierten Welt zu vereinen.