Die Kernmeldung des Lyrikdebüts
Die 1997 in Berlin geborene Lyrikerin Liv Thastum hat mit ihrem Debütband „åben die erda“ ein bemerkenswertes Werk vorgelegt, das sich intensiv mit der deutsch-dänischen Grenzregion auseinandersetzt. Das im Kookbooks Verlag erschienene Buch erkundet die Jammerbucht an der Küste Jütlands nicht nur als geografischen Ort, sondern als einen Raum, in dem sich Geschichte, Sprache und Identität überlagern. Thastum, die selbst zweisprachig mit Deutsch und Dänisch aufgewachsen ist, verweigert sich jeglicher Vorstellung von sprachlicher Reinheit. Stattdessen entwirft sie eine Poetik der Verschiebung, in der sich semantische und grammatikalische Strukturen beider Sprachen ineinander verweben. Die Autorin fungiert dabei als eine Art „zweispråchige zeichnerin“, die das Stottern, Stolpern und Murmeln als notwendige Bestandteile ihrer künstlerischen Praxis begreift. Ihr Werk ist eine Antwort auf den wiedererstarkten Nationalismus, der sich in der heutigen Zeit auch durch sprachliche Ausgrenzung manifestiert. Mit einer Mischung aus Lautspielen, Neologismen und historischer Spurensuche schafft Thastum einen Textkörper, der die Landschaft der Grenzregion in Sprache übersetzt und dabei die Brüche der Vergangenheit offenlegt.
Die Einzelheiten und die Geografie der Verse
Der Band umfasst 87 Seiten und ist im Berliner Kookbooks Verlag erschienen. Der Titel „åben die erda“ verweist bereits auf die poetische Strategie der Autorin, die sich zwischen den Sprachen bewegt. Ein zentraler Schauplatz ist die Jammerbucht, ein Küstenstreifen im Nordwesten Jütlands, dessen Name auf die zahlreichen Schiffshavarien in der bewegten See zurückgeht. Thastum nutzt diesen Ort als Ausgangspunkt für ihre Erkundungen, bei denen sie auf materielle Zeugnisse der Geschichte stößt, etwa auf Bunkerreste oder eine deutsche Radarstation aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Autorin arbeitet mit einer spezifischen Form von Sprachwitz und lautlichen Nuancen, die sie als „Wortwandlerin“ ausweist. Sie erfindet Begriffe wie „schorfende / schroffwände“ oder „skrumpern“, um die Beschaffenheit der Landschaft und der Sprache zu erfassen. In einer Anmerkung am Ende des Bandes weist Thastum explizit auf die jahrhundertelangen sprachlichen Überlagerungen in der Grenzregion hin. Die sprachliche Gestaltung ist dabei hochkomplex: So wird etwa das dänische Wort „mose“ (Moor) mit dem deutschen Wort „Mimose“ verknüpft, um den Prozess des Schrumpfens eines großen Moorgebiets poetisch zu beschreiben. Der Band ist in vier Zyklen unterteilt, die jeweils unterschiedliche Grade der sprachlichen Verdichtung aufweisen.
Der historische und biographische Hintergrund
Die Entstehung des Werks ist eng mit Thastums eigener Biografie verknüpft. Da sie in Berlin geboren wurde und mit Deutsch und Dänisch aufwuchs, ist die Vielsprachigkeit für sie kein theoretisches Konstrukt, sondern eine gelebte Realität. Die historische Dimension des Textes reicht von den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts bis zur deutschen Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg. Thastum setzt sich kritisch mit diesen Epochen auseinander und zieht eine direkte Linie zum heutigen Nationalismus, der sich in Abgrenzungsmechanismen äußert. Bereits 2024 wurde die Autorin für ihre Auseinandersetzung mit der Überwindung der Einsprachigkeit mit dem Wortmeldungen-Förderpreis ausgezeichnet. In ihrem Essay, der dort prämiert wurde, betonte sie, dass sie den Zwischenräumen den Vorzug vor der Einsprachigkeit gebe. Diese Haltung bildet das Fundament für ihr aktuelles Lyrikdebüt, in dem sie versucht, die „sprachkörper aus der landschaft“ zu heben. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist dabei niemals rein dokumentarisch, sondern immer in die sinnliche Wahrnehmung der Umgebung und die körperliche Erfahrung der Sprache eingebettet.
Die beteiligten Akteure und Einflüsse
Liv Thastum steht im Zentrum ihres eigenen Werks, wobei sie ihre Sprecherin bewusst nicht als allwissende Instanz, sondern als zweifelnde, „murmelnde“ Figur inszeniert. In ihren Danksagungen weist sie auf literarische Verwandtschaften hin, die für das Verständnis ihrer Arbeit hilfreich sind. Sie nennt explizit Dagmara Kraus und Uljana Wolf, deren Poetiken ebenfalls durch das Spiel mit verschiedenen Sprachen und die Überschreitung von Sprachgrenzen geprägt sind. Auch die Gedichte von Esther Kinsky werden als Referenzpunkt angeführt, insbesondere im Hinblick auf die Doppelbewegung, bei der das lyrische Ich die Zeichen der Landschaft liest, während sich diese Landschaft gleichzeitig in den eigenen Körper einschreibt. Diese Einflüsse werden jedoch nicht einfach imitiert, sondern dienen als Ausgangspunkt für eine eigenständige ästhetische Form. Thastum emanzipiert sich von diesen Vorbildern, indem sie eine ganz eigene, stoffliche und lautmalerische Sprache entwickelt, die den Leser dazu einlädt, die Grenzen zwischen den Sprachen als produktive Räume der Imagination zu begreifen.
Einordnung der poetischen Strategie
Einzuordnen ist das Werk als ein bewusster Gegenentwurf zu sprachlicher Eindeutigkeit. Den Berichten zufolge nutzt Thastum ihre Gedichte, um Vorstellungen von nationaler Reinheit durch eine „Sagweise“ zu kontern, die von Verschiebungen, Lücken und Lautspielen lebt. Die Einordnung der „Unterirdischen“ im Kapitel „unterjord“ verdeutlicht dies besonders gut: Hier greift Thastum auf Sagen zurück, in denen Wesen nachts aus der Erde kommen. Sie deutet diese Wesen als Wiedergänger des Verdrängten, die an die einstige Ganzheit einer vielsprachigen Region erinnern. Das ironische Wort „grenzelt“ fungiert hier als Schlüsselbegriff für ihre poetologische Arbeit. Die Einordnung der Sprachen erfolgt nicht hierarchisch, sondern als innige Verschlingung, in der „lachen“ und „lallen“ in unmittelbare Nähe rücken. Diese Strategie der Entgrenzung ist ein zentrales Merkmal ihrer Arbeit. Die Gedichte fungieren als ein Laboratorium, in dem die Sprache ihre starren nationalen Zuschreibungen verliert und in einen Zustand der ständigen Bewegung übergeht, der das Stottern und Stolpern als authentische Ausdrucksformen der Mehrsprachigkeit anerkennt.
Offene Fragen und Leerstellen
Der Quelltext lässt einige Aspekte der Entstehung und der inhaltlichen Ausgestaltung des Bandes offen. So wird nicht detailliert erläutert, wie genau der Prozess der „Übersetzung“ zwischen den Sprachen im konkreten Schreiballtag der Autorin abläuft. Auch bleibt unklar, in welchem Maße die im Band erwähnten „biographischen Splitter“ im letzten Zyklus über das bereits bekannte Material aus ihrem preisgekrönten Essay hinausgehen. Der Text benennt zwar die historische Bedeutung der Radarstation und der Bunkerreste, lässt jedoch offen, ob es sich bei diesen Objekten um konkrete, noch heute sichtbare Ruinen handelt, die die Autorin vor Ort aufgesucht hat, oder ob sie diese als Metaphern für die historische Schichtung der Landschaft verwendet. Ebenso wird nicht präzisiert, wie die Rezeption des Bandes durch die dänische Literaturkritik ausfällt, da sich der Bericht primär auf die deutschsprachige Perspektive konzentriert. Die genaue Gewichtung der vier Zyklen zueinander und deren formale Unterschiede werden zwar erwähnt, aber nicht im Detail analysiert, sodass der Leser über die strukturelle Komplexität der einzelnen Abschnitte nur eine allgemeine Vorstellung erhält.
Wie es mit der Rezeption weitergeht
Das Erscheinen von „åben die erda“ markiert einen wichtigen Punkt in der aktuellen Lyriklandschaft. Da Thastum bereits durch den Wortmeldungen-Förderpreis 2024 Aufmerksamkeit erregt hat, ist mit einer intensiven Auseinandersetzung durch Fachpublikum und Literaturkritik zu rechnen. Die im Text erwähnte Tendenz Thastums, im letzten Zyklus des Bandes stärker in eine explizite Botschaft zu verfallen, könnte ein zentraler Diskussionspunkt für Rezensenten werden. Es bleibt abzuwarten, ob die Leserschaft die „lyrisierte Version“ ihres Essays als Gewinn oder als eine Verengung des poetischen Spielraums wahrnimmt. Die Veröffentlichung im Kookbooks Verlag, der für seine experimentelle Lyrik bekannt ist, legt nahe, dass das Buch in einem intellektuellen Umfeld diskutiert wird, das die Verschränkung von Sprache und Politik begrüßt. Termine für Lesungen oder weiterführende Veranstaltungen wurden im Quelltext nicht genannt, doch die thematische Relevanz des Werks – insbesondere im Kontext des wiederaufkommenden Nationalismus – dürfte dafür sorgen, dass das Buch bei Lyriktagen und literarischen Debatten über die deutsch-dänische Grenze hinweg präsent bleiben wird.