Was geschehen ist – die Kernmeldung
In der historischen äthiopischen Stadt Harar existiert eine außergewöhnliche und weltweit einzigartige Tradition: Die sogenannten „Hyänenmänner“ pflegen eine direkte, fast freundschaftliche Beziehung zu den wilden Tüpfelhyänen, die in der Umgebung der Stadt leben. Während diese Raubtiere in weiten Teilen Äthiopiens als gefährliche und bösartige Aasfresser gefürchtet werden, haben die Bewohner von Harar einen anderen Weg gefunden. Der 20-jährige Bonsa Hafiz Ahmed ist einer dieser Männer, die bei Einbruch der Dunkelheit die Tiere mit Eingeweiden von Kamelen und Ochsen füttern. Die Szenerie ist dabei fast surreal: Die Hyänen nähern sich den Menschen, fressen aus deren Hand oder sogar von Spießen, die den Tieren direkt vor das Maul gehalten werden. Diese Praxis findet mittlerweile in einem eigens dafür errichteten Amphitheater statt, das Teil eines neuen Ökoparks ist. Die Interaktion zwischen Mensch und Tier, die oft als gefährlich eingestuft wird, verläuft in Harar erstaunlich diszipliniert. Die Hyänenmänner betrachten ihre Arbeit nicht nur als touristische Attraktion, sondern als eine notwendige Fortführung eines jahrhundertealten Paktes, der den Frieden zwischen der Stadtbevölkerung und den Raubtieren sichern soll.
Die Einzelheiten – Zahlen, Namen und Orte
Im Zentrum der Berichterstattung steht die Familie von Yusuf Mumea Saleh, einem 76-jährigen Mann, der die Tradition seit seiner Kindheit ausübt. Er begann den Kontakt zu den Tieren bereits im Alter von zwei Jahren. Sein Neffe, der 20-jährige Bonsa Hafiz Ahmed, führt das Handwerk heute aktiv fort. Die Fütterungen finden in Harar statt, einer Stadt im Osten Äthiopiens, die für ihre muslimische Prägung und ihre alte Stadtmauer bekannt ist. Die Tiere werden mit den Überresten von Kamelen und Ochsen versorgt, die aus einer lokalen Halal-Metzgerei stammen. Ein wichtiger Schauplatz ist das neue Amphitheater im Ökopark, dessen Bau die Kommunalregierung rund zwei Millionen Euro gekostet hat. Touristen, wie der 24-jährige Zeydi Asad aus Kenia, zahlen für das Erlebnis, den Tieren so nahe zu kommen, eine Gebühr von 500 Birr, was umgerechnet etwa drei Euro entspricht. Die Hyänen, von denen Saleh etwa ein Drittel beim Namen kennt, leben in einer Population von über hundert Tieren in und um die Stadt. Die Tradition ist tief in der lokalen Kultur verwurzelt, wobei die Hyänen in der Landessprache als „Waraba“ bezeichnet werden.
Hintergrund – Die Geschichte der Koexistenz
Die Verbindung zwischen den Menschen von Harar und den Hyänen reicht viele Jahrhunderte zurück. Einer Legende zufolge herrschte in der Region einst eine schwere Hungersnot, in deren Folge die Hyänen begannen, die schwächsten Mitglieder der menschlichen Gesellschaft anzugreifen. Die Heiligen der Stadt sollen daraufhin einen Pakt mit den Tieren geschlossen haben: Die Menschen verpflichteten sich, die Hyänen mit Getreidebrei zu versorgen, während die Tiere im Gegenzug die Bevölkerung verschonten. Eine alternative Erzählung verweist auf die Stadtmauer von Harar. Als der Emir die Tore bei Sonnenuntergang schließen ließ, reagierten die Hyänen aggressiv. Die Lösung bestand darin, kleine Öffnungen in die Mauer einzubauen, durch die die Tiere nachts in die Stadt gelangen konnten, um Aas zu fressen. Auch die Familie von Saleh hat eine eigene Geschichte: Sein Vater begann einst damit, seinen Hund mit Fleischresten zu füttern, was die Hyänen anlockte. Als die Fütterungen aus Kostengründen eingestellt wurden, begannen die Tiere, die Fundamente des Hauses zu untergraben, was den Fortbestand der Fütterung als Überlebensstrategie für beide Seiten zementierte.
Die Beteiligten – Menschen und Institutionen
Die Hauptakteure sind die Mitglieder der Familie von Yusuf Mumea Saleh, darunter sein Sohn, sein Neffe Bonsa Hafiz Ahmed und sein Enkel, die das Handwerk über Generationen hinweg weitergeben. Sie agieren als Vermittler zwischen der menschlichen Zivilisation und der Welt der Raubtiere. Auf der anderen Seite steht die Kommunalregierung von Harar, die durch den Bau des Amphitheaters und des Ökoparks versucht, die Tradition in einen modernen touristischen Kontext zu überführen. Die Touristen, die aus verschiedenen Teilen der Welt anreisen, um dieses Spektakel zu beobachten, bilden eine weitere Gruppe. Zudem werden die Heiligen von Harar als historische Figuren angeführt, die den ursprünglichen Pakt begründet haben sollen. Auch die Tiere selbst werden als aktive Teilnehmer wahrgenommen, denen die Bewohner von Harar eine fast menschliche Intelligenz und übernatürliche Fähigkeiten zuschreiben. Die Tiere werden nicht nur als Raubtiere gesehen, sondern als Nachrichtenüberbringer, die mit den Toten kommunizieren können.
Einordnung – Die Bedeutung der Tradition
Den Berichten zufolge ist die Beziehung zu den Hyänen in Harar weit mehr als eine bloße Fütterung. Einzuordnen ist das so: Die Hyänen werden in der lokalen Vorstellungswelt als Schutzwesen betrachtet, die die Stadt vor Dürre, Krieg und bösen Geistern, den sogenannten Dschinn, bewahren sollen. Die Vorstellung, dass die Hyänen die Dschinn fressen und diese wieder auswürgen, unterstreicht den mystischen Charakter, den die Bewohner den Tieren beimessen. Während der Zoologe Alfred Brehm die Hyäne einst als die „missgestaltetste, garstigste Erscheinung“ unter den Raubtieren beschrieb, ist das Bild in Harar ein völlig anderes. Hier werden sie als „Waraba“ respektiert. Die touristische Erschließung durch das Amphitheater zeigt jedoch auch einen Widerspruch auf: Einerseits soll die Tradition bewahrt werden, andererseits wächst die Stadt Harar stetig und dringt in den Lebensraum der Tiere ein. Die Fütterung dient somit auch als ein Instrument der Konfliktvermeidung, um die Raubtiere von den bewohnten Gebieten fernzuhalten und ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten.
Offene Fragen – Was der Quelltext nicht klärt
Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für ein vollständiges Verständnis der Situation relevant wären. So wird nicht detailliert erläutert, wie die rechtliche Situation für die Hyänenmänner aussieht – etwa ob es spezifische Sicherheitsauflagen für die Fütterungen im Amphitheater gibt oder ob die Tiere als geschützte Art gelten. Auch bleibt unklar, wie die ökologischen Auswirkungen der Fütterung auf die Population der Hyänen wissenschaftlich bewertet werden. Der Text erwähnt, dass die Hyänen nicht weniger werden, aber es fehlen Daten dazu, ob die Fütterung die natürliche Jagdweise der Tiere negativ beeinflusst oder zu einer unnatürlichen Abhängigkeit führt. Zudem wird nicht explizit ausgeführt, wie die lokale Bevölkerung außerhalb der Familie Saleh mit den Tieren umgeht, die nicht an den Fütterungen teilnehmen. Auch die Frage, ob es in der Vergangenheit trotz des Paktes zu gefährlichen Zwischenfällen oder Angriffen auf Menschen kam, wird nur am Rande durch die allgemeine Angst der Menschen im Hochland angedeutet, aber nicht konkret für die Stadt Harar belegt.
Wie es weitergeht – Ausblick und Zukunft
Die Zukunft der Hyänenmänner scheint eng mit der Fortführung der Tradition verbunden zu sein. Yusuf Mumea Saleh hat angekündigt, die Tiere bis zu seinem Lebensende zu füttern, da er fest davon überzeugt ist, dass ein Abbruch der Tradition großes Unglück über die Stadt bringen würde. Die Familie betrachtet das Füttern als eine lebenslange Verpflichtung, die nicht aus rein finanziellen Motiven erfolgt, auch wenn die Einnahmen durch den Tourismus helfen, die Kosten für das Futter zu decken. Die Kommunalregierung scheint ebenfalls auf eine langfristige touristische Nutzung zu setzen, da das Amphitheater als feste Institution etabliert wurde. Es ist davon auszugehen, dass die Familie Saleh das Handwerk weiter an die nächste Generation, etwa den Enkel, weitergeben wird. Die Dynamik zwischen dem städtischen Wachstum und dem Lebensraum der Hyänen wird jedoch ein zentraler Punkt bleiben, der die Interaktion in Zukunft weiter prägen wird. Die Tradition der „Waraba“ bleibt somit ein fester, wenn auch sich wandelnder Bestandteil der Identität von Harar.