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Antonello Manacorda: Die Bibliotheksmaus greift zum Taktstock
Kultur · 16.08.2026 20:30

Antonello Manacorda: Die Bibliotheksmaus greift zum Taktstock

Kurz: Der Dirigent Antonello Manacorda übernimmt 2027 das Ensemble Les Siècles. Ein Porträt über einen Forscher am Pult, der die Musikgeschichte neu befragt.

Ein Dirigent im Aufbruch: Die neue Ära bei Les Siècles

Der renommierte Dirigent Antonello Manacorda steht vor einer bedeutenden beruflichen Neuausrichtung. Wie bekannt wurde, wird der 56-jährige Italiener ab dem Jahr 2027 die Leitung des französischen Originalklang-Ensembles „Les Siècles“ übernehmen. Diese Entscheidung markiert einen wichtigen Wendepunkt in seiner Karriere, nachdem er sich zuvor über eineinhalb Jahrzehnte hinweg intensiv der Kammerakademie Potsdam gewidmet hatte. Die Zusammenarbeit mit dem Potsdamer Ensemble endete im Jahr 2025 und gilt als ein Musterbeispiel für eine langfristige, künstlerisch fruchtbare Bindung. Mit der Übernahme von „Les Siècles“, einem Orchester, das für seine historisch informierte Aufführungspraxis und seine konsequente Suche nach den ursprünglichen Klangbildern der Musikgeschichte bekannt ist, setzt Manacorda seine Reise als forschender Musiker fort. Er tritt damit in die Fußstapfen des Gründers François-Xavier Roth, dessen Vision er ausdrücklich teilt und weiterentwickeln möchte. Für Manacorda ist diese neue Aufgabe nicht nur eine berufliche Station, sondern die logische Fortführung eines Weges, der stets von Neugier und einer tiefen Auseinandersetzung mit den Quellen geprägt war.

Die Wurzeln einer Dirigentenkarriere: Von der Geige zum Taktstock

Der Weg von Antonello Manacorda zum Dirigentenpult war keineswegs vorgezeichnet. Ursprünglich als Konzertmeister des Mahler Chamber Orchestra (MCO) tätig, vollzog er nach der Jahrtausendwende eine bemerkenswerte Metamorphose. Unterstützung erhielt er dabei von zwei prägenden Mentoren: Jorma Panula und Claudio Abbado. Panula, der als berühmter Dirigenten-Erzieher gilt, erkannte das Potenzial des damals dreißigjährigen Geigers und begleitete seinen Übergang zum Ensembleleiter. Noch stärker wirkte jedoch Claudio Abbado auf Manacorda ein. Sowohl im Gustav Mahler Jugendorchester als auch im MCO vermittelte Abbado ihm die fundamentale Maxime: „Stör nicht, sondern hilf!“. Dieses Prinzip, das die dienende Rolle des Dirigenten gegenüber der Musik und den Musikern in den Vordergrund stellt, ist bis heute ein zentraler Pfeiler von Manacordas künstlerischem Ethos. Die Verbindung zu diesen Persönlichkeiten hat nicht nur seine Technik geformt, sondern auch sein Verständnis davon geprägt, wie eine enge künstlerische Gemeinschaft durch wechselseitige Inspiration und Respekt gedeihen kann.

Die Potsdamer Jahre: Eine Ära der Detailarbeit und Vertiefung

Die fünfzehnjährige Zusammenarbeit mit der Kammerakademie Potsdam, die 2025 ihren Abschluss fand, gilt als ein herausragendes Kapitel in Manacordas Laufbahn. In dieser Zeit entwickelte das Ensemble unter seiner Leitung eine außergewöhnliche künstlerische Tiefe. Die gemeinsamen Aufnahmezyklen, die sich von Schubert über Mendelssohn Bartholdy bis hin zu Beethoven erstreckten, zeugen von einem Prozess, der weit über das übliche Maß an Probenarbeit hinausging. Manacorda nutzte die Zeit, um vermeintlich „ausgeschöpfte“ Literatur in einem neuen Licht zu präsentieren. Durch die langjährige Vertrautheit zwischen Dirigent und Musikern entstanden Interpretationen, die eine besondere Transparenz und Elastizität aufwiesen. Dabei verzichtete er bewusst auf ein starr zementiertes Originalklang-Ideal. Stattdessen stand das Verständnis im Zentrum, welche Klänge die Komponisten mit den ihnen damals verfügbaren Instrumenten im Geiste gehört hatten. Diese „kammerorchestrale“ Herangehensweise ermöglichte es, dramatische Spannungen zu erzeugen, die in einem kurzfristigen Gastdirigat kaum in dieser Präzision erreichbar wären.

Die Philosophie der „Bibliotheksmaus“: Forschen als Kernaufgabe

Manacorda bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als „Topo di biblioteca“, als „Bibliotheksmaus“. Dieser Begriff unterstreicht seine Leidenschaft für die Recherchearbeit in Archiven und Quellen. Für ihn ist das Dirigieren untrennbar mit der intellektuellen Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte eines Werkes verbunden. Er betont, dass die Reise der Erkenntnis genauso wichtig sei wie das musikalische Ziel. Diese forschende Haltung spiegelt sich in seiner Arbeit wider: Ob er sich mit der Handschrift von Beethovens neunter Symphonie in der Staatsbibliothek zu Berlin befasst oder neue Partituren erschließt, stets geht es ihm darum, das Bekannte frisch zu entdecken. Diese Neugier ist für ihn kein bloßer Zeitvertreib, sondern eine notwendige Voraussetzung für eine lebendige Interpretation. Er sieht sich als Vermittler zwischen den historischen Vorgaben und der modernen Aufführungspraxis, wobei er stets den schöpferischen Kern der Komposition sucht, anstatt sich in rein technischer Perfektion zu verlieren.

Einblicke in die Zusammenarbeit: Kollegialität und Respekt

Ein bemerkenswertes Merkmal von Manacordas Arbeitsweise ist sein ausgeprägter Sinn für Kollegialität. In Gesprächen hebt er häufig die Leistungen anderer Kollegen hervor und betont die Bedeutung einer wertschätzenden Zusammenarbeit. Ein Beispiel hierfür ist seine Arbeit mit dem Regisseur Martin G. Berger bei der Inszenierung von Albert Lortzings „Zar und Zimmermann“ an der Deutschen Oper Berlin. Trotz der kritischen Stimmen, die das Haus dazu veranlassten, die Inszenierung vorerst auf Eis zu legen, verteidigt Manacorda die schauspielerfahrene Personenführung Bergers. Er respektiert die unterschiedlichen Meinungen und betont stattdessen die konstruktive Atmosphäre des gemeinsamen Prozesses. Diese Haltung zeugt von einer Geradlinigkeit, die ihn auch in seiner neuen Rolle bei „Les Siècles“ auszeichnen dürfte. Für ihn ist das Dirigieren kein einsamer Akt, sondern ein kommunikativer Prozess, der sowohl die Musiker als auch das Publikum einbezieht und auf gegenseitigem Vertrauen basiert.

Die Zukunft bei Les Siècles: Kontinuität und neue Horizonte

Mit der Übernahme von „Les Siècles“ ab 2027 schlägt Manacorda ein neues Kapitel auf. Das Ensemble, das von François-Xavier Roth gegründet wurde, hat sich einen exzellenten Ruf erarbeitet, indem es schöpferisch intendierte Klangbilder quer durch die Musikgeschichte sucht. Manacorda sieht darin eine Fortsetzung seines eigenen Weges. Bereits vor der offiziellen Amtsübernahme wird er das Terrain des Ensembles erkunden. Auf dem Programm stehen Werke von Debussy und Saint-Saëns sowie eine besondere Fassung der Oper „Thaïs“ von Jules Massenet. Ein langfristiges Ziel, das bereits in den Überlegungen des Dirigenten eine Rolle spielt, ist die Auseinandersetzung mit dem Werk von Gustav Mahler. Angesichts seiner eigenen Geschichte als Musiker unter der Leitung Abbados in Mahler-Ensembles erscheint dies als ein logischer und spannender Schritt. Die Verbindung aus historischer Informiertheit und der intensiven, fast forschenden Auseinandersetzung mit der Partitur verspricht für die kommenden Jahre eine spannende Entwicklung für das französische Ensemble.

Einordnung: Was bedeutet dieser Wechsel für die Musikwelt?

Einzuordnen ist der Wechsel von Antonello Manacorda zu „Les Siècles“ als ein Bekenntnis zur forschenden Aufführungspraxis. Während viele Dirigenten in seiner Position eher auf große, etablierte Orchester setzen, sucht Manacorda gezielt die Herausforderung in einem Ensemble, das für seine interpretatorische Radikalität bekannt ist. Den Berichten zufolge ist dies die konsequente Fortsetzung einer Karriere, die sich stets gegen das bloße Reproduzieren von Traditionen gewehrt hat. Die Tatsache, dass er mit 56 Jahren wählerisch sein kann und sich auf Projekte konzentriert, die er liebt, deutet auf eine Phase der künstlerischen Reife hin. Es geht ihm weniger um Prestige als um die inhaltliche Tiefe. Die Musikwelt darf gespannt sein, ob es ihm gelingt, die spezifische „kammerorchestrale“ Transparenz, die er in Potsdam perfektioniert hat, auf den größeren, historisch informierten Apparat von „Les Siècles“ zu übertragen und dort neue Maßstäbe für das Verständnis des Repertoires zu setzen.

Offene Fragen: Was bleibt noch zu klären?

Obwohl die zukünftige Ausrichtung von Manacorda bei „Les Siècles“ in Grundzügen skizziert ist, bleiben einige Aspekte offen. Der Quelltext macht keine expliziten Angaben darüber, wie die langfristige Programmgestaltung im Detail aussehen wird, insbesondere im Hinblick auf die Balance zwischen dem Kernrepertoire des Ensembles und Manacordas eigenen Schwerpunkten. Auch bleibt abzuwarten, wie das Publikum auf die neuen Interpretationen reagieren wird, da die Erwartungshaltung an ein Ensemble wie „Les Siècles“ durch die Ära Roth sehr spezifisch geprägt ist. Zudem wird nicht detailliert ausgeführt, welche organisatorischen Veränderungen mit dem Wechsel einhergehen oder ob Manacorda neben seiner Tätigkeit in Frankreich noch weitere feste Verpflichtungen annehmen wird. Die genaue Ausgestaltung der „Forschungsexpeditionen“, von denen er spricht, bleibt ebenfalls ein spannendes Feld, das sich erst in der praktischen Arbeit ab 2027 voll entfalten wird. Die Lücke zwischen der gedanklichen Vorwegnahme, etwa bei Mahler, und der tatsächlichen Umsetzung im Konzertsaal ist ein Prozess, der erst noch stattfinden muss.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/elegantes-historisches-bibliotheksinterieur-mit-bogenfenstern-35349385/ · Foto: Berke Can
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/musik-und-buehne/konzert/antonello-manacorda-dirigent-uebernimmt-les-siecles-201049524.html