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Anja Kampmann und Hamburg: Am Ort des historischen Versagens
Kultur · 23.08.2026 17:21

Anja Kampmann und Hamburg: Am Ort des historischen Versagens

Kurz: Die Schriftstellerin Anja Kampmann erkundet in ihrem Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ die dunkle Vergangenheit Hamburgs während der NS-Zeit.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Die renommierte Schriftstellerin Anja Kampmann, die in Leipzig lebt und aus Hamburg stammt, hat mit ihrem neuesten Werk „Die Wut ist ein heller Stern“ einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Gegenwartsliteratur geleistet. Der Roman befasst sich intensiv mit der historischen Entwicklung Hamburgs zu Beginn der 1930er Jahre, einer Zeit, in der die Stadt einen tiefgreifenden politischen Wandel erlebte. Anlässlich einer gemeinsamen Reise zu den Schauplätzen ihres Buches – darunter die Reeperbahn, der Hamburger Polo Club in Klein Flottbek und die Fährverbindungen auf der Elbe – reflektierte Kampmann über die Entstehung des Romans, die akribische Recherchearbeit und die beunruhigenden Parallelen zwischen der historischen „Gleichschaltung“ und aktuellen gesellschaftlichen Strömungen. Die Autorin, die für ihr Werk bereits den Hans-Fallada-Preis erhielt und auf der SWR-Bestenliste stand, zeichnet ein Bild einer Gesellschaft, in der die dünne Schicht der Zivilisation unter dem Druck politischer Radikalisierung schnell zerbröckeln kann. Die Begegnung fand bei wechselhaftem Wetter statt, das die düstere Atmosphäre ihrer Erzählung in der Hansestadt symbolisch unterstrich.

Die Einzelheiten – Fakten und Hintergründe

Der Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ beginnt im Jahr 1933. Die Protagonistin Hedda, deren Familie durch den Ersten Weltkrieg verarmt ist, arbeitet als Akrobatin im „Alkazar“ auf der Reeperbahn, einem Ort, der heute durch einen Supermarkt ersetzt wurde. Die Handlung führt den Leser zudem zum Hamburger Polo Club in Klein Flottbek, einer Stätte, die seit 1889 existiert und in den 1930er Jahren als Symbol für anglophile Bestrebungen und deutsche Großmachtphantasien diente. Historisch gesehen wurde das Gelände 1935 dem jüdischen „Kaufhauskönig“ Max Emden durch die Stadt Altona entzogen. Ein zentraler Aspekt des Romans ist der „braune Wind“, der durch Hamburg wehte, angeführt durch den Gauleiter Karl Kaufmann, der mit Hilfe von Polizeichef Alfred Richter, dem Gestapo-Mann Peter Kraus und der sogenannten Hilfspolizei (HiPo) gegen politische Gegner vorging. Kampmann verknüpft diese historischen Fakten mit einer erzählerischen Tiefe, die unter anderem durch die „Werkstatt der Erinnerung“ am Schlump gestützt wurde, einem Oral-History-Archiv mit etwa 2500 Zeitzeugenberichten.

Hintergrund – Die Entstehung des Romans

Die Idee zu dem Buch entsprang Kampmanns Interesse an der Frage, wie eine Stadt wie Hamburg, die historisch fest in sozialdemokratischer und kommunistischer Hand war, derart schnell politisch kippen konnte. Sie beschreibt den Hafen als ein „rotes“ Zentrum, in dem Zehntausende Menschen politisch aktiv waren, die jedoch scheinbar plötzlich aus dem öffentlichen Raum verschwanden. Die Arbeit an dem Roman nahm insgesamt sechs Jahre in Anspruch. Einen wesentlichen Teil ihrer Recherche verbrachte die Autorin in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg. Dort hörte sie sich tagelang Tonaufnahmen von Zeitzeugen an, um den spezifischen Klang der Sprache jener Ära zu erfassen. Diese akustische Recherche half ihr dabei, den „Recherche-Ballast“ abzuwerfen und eine eigene, authentische Stimme für ihre Protagonistin Hedda zu finden. Die historische Figur des Arthur Wittkowski dient im Roman als eine Art Lichtgestalt des Widerstands, die jedoch gegen die wachsende Gewalt der Nationalsozialisten letztlich keine Chance hat.

Die Beteiligten – Personen und Institutionen

Im Zentrum steht die Autorin Anja Kampmann selbst, die als aufmerksame Beobachterin und Karate-Kämpferin beschrieben wird. Ihr Roman beleuchtet das Schicksal der fiktiven Hedda, deren Familie – der kriegsversehrte Vater, die resignierte Mutter und der kranke Bruder Pauli – die soziale Not der Zeit verkörpert. Historische Akteure wie der Gauleiter Karl Kaufmann, der Polizeichef Alfred Richter und der Gestapo-Scherge Peter Kraus werden als treibende Kräfte des Terrors genannt. Auch der jüdische Unternehmer Max Emden wird als historisches Opfer der Enteignung erwähnt. Kampmann verweist zudem auf den Soziologen Zygmunt Baumann, dessen Theorien über „Retrotopien“ – die Flucht in eine verklärte Vergangenheit – sie als wesentlichen Schlüssel zum Verständnis heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen betrachtet. Die Rezeption ihres Buches wurde durch internationale Verlage wie Gallimard und Querido sowie durch die Resonanz in Gedenkstätten wie Neuengamme geprägt, was den Erfolg und die Ernsthaftigkeit des Stoffes unterstreicht.

Einordnung – Die Bedeutung des Werks

Einzuordnen ist das Werk als eine tiefgreifende literarische Auseinandersetzung mit der Zerbrechlichkeit demokratischer Strukturen. Den Berichten zufolge dient der Roman nicht als klassische Heldengeschichte des Widerstands, sondern als Milieustudie über Menschen, deren Handlungsspielraum durch Armut und Unterdrückung extrem begrenzt war. Besonders bemerkenswert ist die Parallele, die Studenten in den USA zu den heutigen Hilfssheriffs der Einwanderungsbehörde ICE zogen, basierend auf der Darstellung der Hamburger Hilfspolizei. Kampmanns Beobachtung, dass sich heute wieder ein Trend zur „Retrotopie“ abzeichnet, bei dem Sicherheit und bürgerliche Bequemlichkeit über gesellschaftliche Verantwortung gestellt werden, verleiht dem historischen Stoff eine hohe Aktualität. Die Metapher der „Cremeschicht der Zivilisation“, die sehr dünn ist, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Erzählweise. Die Autorin warnt davor, Bildung als bloße Maske zu nutzen, um sich von den harten Realitäten des Lebens abzuschotten, wie es ihre Figur „Rita“ im Roman tut.

Offene Fragen – Was der Quelltext nicht klärt

Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die über die literarische Analyse hinausgehen. So wird nicht detailliert ausgeführt, welche spezifischen persönlichen Erfahrungen der Autorin in ihre Karate-Leidenschaft oder ihr Interesse an Sportlern wie Oleksandr Ussyk einfließen, außer dass dies ihre Entschlossenheit widerspiegelt. Auch bleibt unklar, welche weiteren Projekte Anja Kampmann nach dem Abschluss dieses sechsjährigen Arbeitsprozesses plant. Der Text erwähnt zwar den Erfolg des Buches und die Übersetzungen, bietet jedoch keine Einblicke in die konkreten Verkaufszahlen oder die exakten Zeitpläne für zukünftige Lesereisen. Zudem werden die Details der „Hilfspolizei“ nur in Bezug auf ihre Ausbildung und ihre Funktion als Werkzeug der Nazis angerissen; eine tiefergehende historische Analyse der Rekrutierung dieser Einheiten bleibt der Quelltext schuldig. Auch die genauen Umstände des Todes ihrer Mutter, die die Rezeption des Buches im Herbst überschattete, werden nur am Rande erwähnt, ohne die privaten Hintergründe weiter zu beleuchten.

Wie es weitergeht – Ausblick und Termine

Konkrete Termine für zukünftige Lesungen oder öffentliche Auftritte werden im Quelltext nicht genannt. Dennoch ist ersichtlich, dass das Werk „Die Wut ist ein heller Stern“ weiterhin eine hohe Aufmerksamkeit genießt, da es nun in renommierte Sprachen übersetzt wird und in Gedenkstätten wie Neuengamme als Diskussionsgrundlage dient. Die Autorin setzt ihre Arbeit fort, wobei ihre jüngste literarische Rückkehr nach Hamburg ein starkes Signal für die anhaltende Relevanz der lokalen Zeitgeschichte darstellt. Es ist davon auszugehen, dass die Auseinandersetzung mit den von ihr aufgeworfenen Themen – insbesondere der Gefahr einer schleichenden gesellschaftlichen Anpassung – in weiteren literarischen oder diskursiven Formaten fortgeführt wird. Kampmann selbst zeigt sich unbeeindruckt von äußeren Erwartungen und verfolgt ihre Themen mit einer Entschlossenheit, die darauf hindeutet, dass sie auch zukünftig komplexe historische Stoffe mit gegenwärtigen Fragestellungen verknüpfen wird.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/stadt-wahrzeichen-gebaude-reise-25922348/ · Foto: Wolfgang Weiser
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/treffen-mit-der-schriftstellerin-anja-kampmann-in-hamburg-201071484.html