Ein Leben für die afrikanische Geschichte
Der renommierte britische Historiker John Iliffe ist am 20. August 2026 im Alter von 87 Jahren nach einer langen Krankheit verstorben. Iliffe, der zeitlebens als einer der einflussreichsten und vielseitigsten Gelehrten auf dem Gebiet der afrikanischen Geschichtsforschung galt, hinterlässt ein umfangreiches wissenschaftliches Erbe. Sein Tod markiert das Ende einer Ära, die maßgeblich durch seinen unermüdlichen Einsatz geprägt war, die Geschichte des afrikanischen Kontinents aus einer eurozentrischen Sichtweise zu befreien. Iliffe verbrachte einen Großteil seiner akademischen Laufbahn damit, die komplexen sozialen, politischen und demografischen Entwicklungen Afrikas zu dokumentieren. Dabei zeichnete er sich durch eine außergewöhnliche Akribie aus, die ihn bis in die entlegensten Archive führte. Sein Wirken war nicht nur akademischer Natur, sondern verstand sich auch als ein Beitrag zur Identitätsbildung junger afrikanischer Staaten nach der Ära des Kolonialismus. Mit seinem Tod verliert die internationale Geschichtswissenschaft einen ihrer profiliertesten Vertreter, dessen Werke bis heute als unverzichtbare Standardwerke für Studierende und Experten weltweit gelten.
Akribische Recherche und das Erbe in Tansania
Besonders eng verbunden war Iliffes Name mit dem Nationalarchiv in Dar es Salaam, Tansania. In den 1990er Jahren war es unter Forschern fast schon zu einem sportlichen Wettbewerb geworden, ein Archivdossier zu finden, das noch nicht von Iliffe gesichtet worden war. Dies war ein direkter Beleg für seine monumentale Arbeit an der „Modern History of Tanganyika“, die 1979 veröffentlicht wurde. Für dieses Werk hatte er nahezu jedes verfügbare Dokument im Archiv gelesen. Die Studie, die mit der Unabhängigkeit des Landes endet, wird bis heute als die wohl beste Nationalgeschichte eines afrikanischen Staates angesehen. Iliffe hatte zuvor in Cambridge über die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika promoviert, was den Grundstein für seine tiefe Verbundenheit mit der Region legte. Ein weiteres bedeutendes Unterfangen unter seiner zentralen Beteiligung war das „Maji Maji Research Project“. In diesem Rahmen wurden lokale Berichte über den Maji-Maji-Krieg, der zwischen 1905 und 1907 in Deutsch-Ostafrika stattfand, systematisch gesammelt. Diese Initiative der Oral History war wegweisend, da sie die Perspektiven der betroffenen Bevölkerung in den Mittelpunkt rückte und somit die einseitige koloniale Geschichtsschreibung herausforderte.
Die Schule von Dar es Salaam und der Kampf gegen Mythen
Iliffe war ein zentraler Akteur der sogenannten „School of Dar es Salaam“. In den 1960er Jahren versammelte sich am Historischen Institut der Universität Dar es Salaam eine Gruppe aufstrebender, meist britischer Historiker, die ein gemeinsames Ziel verfolgten: Sie wollten gegen die weit verbreitete Mär von der Geschichtslosigkeit Afrikas anschreiben. Zu einer Zeit, in der viele afrikanische Staaten gerade erst ihre Unabhängigkeit erlangt hatten, war diese wissenschaftliche Arbeit von hoher politischer und gesellschaftlicher Relevanz. Es ging darum, die eigene Geschichte als eine aktive, dynamische Entwicklung zu begreifen, anstatt sie lediglich als ein Anhängsel europäischer Kolonialgeschichte zu betrachten. Iliffe und seine Kollegen leisteten hier Pionierarbeit, indem sie lokale Quellen, mündliche Überlieferungen und Archivmaterialien miteinander verknüpften. Ihr Ansatz war es, den afrikanischen Gesellschaften ihre Geschichte zurückzugeben und damit einen essenziellen Beitrag zur Nationsbildung zu leisten. Dieser intellektuelle Aufbruch war ein notwendiger Schritt, um die koloniale Fremdbestimmung auch auf der Ebene der historischen Identität zu überwinden.
Ein beharrlicher Gelehrter abseits der Moden
Nach seiner Zeit in Tansania kehrte Iliffe 1975 an seine Alma Mater nach Cambridge zurück, wo er drei Jahrzehnte lang bis zu seiner Emeritierung lehrte. Er betreute während dieser Zeit rund dreißig Doktoranden, die später bedeutende akademische Karrieren in Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten einschlugen. Auffällig war Iliffes Arbeitsweise: Er hielt sich von Gremien, Beiräten und den üblichen wissenschaftlichen Tagungen fern. Stattdessen konzentrierte er sich mit großer Beharrlichkeit auf seine Buchprojekte. Er ignorierte historiographische Moden und setzte auf eine umfassende Recherche sowie eine abwägende Argumentation. Seine Themen waren breit gefächert und zeugten von einer tiefen intellektuellen Neugier. Er verfasste eine Geschichte der Armen, eine kurze Geschichte des Kapitalismus, untersuchte die Rolle von Ehre in der afrikanischen Historie und legte eine substanzielle Studie zur Verbreitung von HIV/Aids vor. Sein letztes Buch, das 2011 erschien, widmete er Olusegun Obasanjo, dem langjährigen Staatspräsidenten Nigerias und Mitbegründer von Transparency International.
Einordnung: Respekt und Differenzierung
Einzuordnen ist das Werk von John Iliffe als ein bedeutender Brückenschlag zwischen der kolonialen Vergangenheit und der postkolonialen Gegenwart. Seine „Geschichte Afrikas“, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, nutzt demografische Entwicklungen als roten Faden, um die Transformationen des Kontinents nachzuzeichnen. Den Berichten zufolge zeichnete sich Iliffes Darstellung durch einen tiefen Respekt vor den Leistungen afrikanischer Gesellschaften und Individuen aus. Gleichzeitig vermied er eine romantisierende Sichtweise und verschloss nicht die Augen vor Fehlentwicklungen oder internen Konflikten. Er verstand es, die Geschichte nicht als eine Aneinanderreihung von Ereignissen zu sehen, sondern als einen komplexen Prozess, in dem demografische Veränderungen, wirtschaftliche Zwänge und kulturelle Identitäten ineinandergreifen. Seine Arbeit wird in der Fachwelt als ein Modell für eine ausgewogene, faktenbasierte Geschichtsschreibung geschätzt, die es vermag, den Kontinent in seiner ganzen Vielschichtigkeit darzustellen, ohne in die Fallen ideologischer Vereinfachung zu tappen.
Offene Fragen und der Rückzug ins Private
Obwohl Iliffes Werk umfassend dokumentiert ist, bleiben einige Aspekte seines Lebens und Wirkens im Dunkeln, da er sich in seinen späten Jahren weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückzog. Er lebte sehr zurückgezogen in seinen Räumen im St. John’s College in Cambridge und verließ diese zuletzt kaum noch. Der Quelltext beantwortet nicht, welche persönlichen Beweggründe zu dieser extremen Isolation führten oder ob er in seinen letzten Jahren noch an unveröffentlichten Manuskripten arbeitete. Ebenso bleibt offen, wie er die aktuelle Entwicklung der afrikanischen Geschichtsforschung in einer zunehmend digitalisierten Welt bewertete, in der Archive anders genutzt werden als zu seiner aktiven Zeit in Dar es Salaam. Dennoch blieb er bis vor wenigen Jahren ein treuer Korrespondent: Wer ihn per Brief um Rat bat, konnte mit einer ausführlichen, meist handschriftlichen Antwort rechnen. Diese Form der Kommunikation unterstreicht seine Rolle als ein Gelehrter alter Schule, der den direkten, persönlichen Austausch über die schnelle, digitale Interaktion stellte. Die Lücke, die er hinterlässt, ist nicht nur fachlicher Natur, sondern betrifft auch den Verlust eines Zeitzeugen, der die Entwicklung der afrikanischen Geschichtswissenschaft maßgeblich mitgestaltet hat.