Ein Leben zwischen Widerstand und Wortgewalt
Isabel Allende, eine der weltweit bedeutendsten Stimmen der spanischsprachigen Literatur, blickt in ihrem neuesten Werk „Unsere Geschichten“ auf eine Karriere zurück, die von beispiellosem Erfolg, aber auch von anhaltender männlicher Herablassung geprägt war. Die heute vierundachtzigjährige Autorin nutzt diesen Essayband, um eine Bilanz ihres literarischen Schaffens zu ziehen. Dabei geht es ihr nicht nur um eine reine Rückschau, sondern um eine fundamentale Auseinandersetzung mit den Mechanismen einer Literaturwelt, die sie über Jahrzehnte hinweg als „Schreiberin“ statt als Schriftstellerin abtat. Die Kernmeldung ihres Buches ist ein Plädoyer für weibliche Kühnheit und Unbeirrbarkeit. Allende schildert eindringlich, wie sie sich gegen die Vorurteile einer von Männern dominierten Zunft behaupten musste. Wer, wie sie, über Liebe und Solidarität schreibt, wurde im Kontext des lateinamerikanischen Literaturbooms oft als sentimental abgestempelt. Doch Allende stellt klar: Diese Abwertung war kein ästhetisches Urteil, sondern eine Form der Zensur, die Frauen systematisch aus dem Kanon der bedeutenden Literatur ausschließen wollte. Mit „Unsere Geschichten“ setzt sie dieser jahrzehntelangen Geringschätzung ein selbstbewusstes, literarisches Denkmal entgegen.
Die Stimmen der Kritiker und die Antwort der Autorin
Die Liste derer, die Allende öffentlich oder hinter verschlossenen Türen die literarische Qualität absprachen, liest sich wie ein Who-is-Who der männlichen Literaturwelt. Der chilenische Autor Roberto Bolaño etwa bezeichnete sie spöttisch als „Schreiberin“ und warf ihr vor, Literatur mit Hitparaden-Erfolgen zu verwechseln. Der einflussreiche amerikanische Kritiker Harold Bloom wollte in ihren Werken gar keine „ästhetische Leistung“ erkennen. Besonders bezeichnend ist die Anekdote über den Diplomaten und Schriftsteller Jorge Edwards, der gegenüber der legendären Literaturagentin Carmen Balcells behauptete, Allendes Bücher seien keine Literatur – und dies, ohne auch nur ein einziges davon gelesen zu haben. Balcells, die unter anderem Gabriel García Márquez und Mario Vargas Llosa vertrat, war es auch, die Allende international zum Durchbruch verhalf. Die Autorin selbst berichtet in ihrem Buch, wie sie diese Voreingenommenheit von Anfang an wahrnahm. Sie wurde als „späte Autorin des Booms“ bezeichnet, nur um diesen Status kurz darauf wieder aberkannt zu bekommen, da ihr als Frau kein Platz unter den „heiligen Kühen“ – oder wie sie treffend bemerkt, den „Ochsen“ – eingeräumt wurde.
Ein Weg durch Exil und Familiengeschichten
Der Lebensweg von Isabel Allende ist untrennbar mit den politischen Erschütterungen Lateinamerikas verbunden. Geboren 1942 in Lima als Tochter eines chilenischen Diplomaten, war ihr Leben von ständigen Ortswechseln geprägt, unter anderem im Libanon und in Bolivien. Nach dem Militärputsch gegen ihren Cousin, den chilenischen Präsidenten Salvador Allende, im Jahr 1973 musste sie ins Exil nach Venezuela fliehen. In Caracas verbrachte sie 13 Jahre, eine Zeit, die sie als journalistisch geprägt, aber persönlich krisenhaft beschreibt. Hier, kurz vor ihrem vierzigsten Geburtstag und mit dem Gefühl, beruflich gescheitert zu sein, begann sie, Briefe an ihren sterbenden Großvater in Chile zu verfassen. Diese Briefe, in denen sie Familiengeschichten bewahren wollte, entwickelten sich zu ihrem Debütroman „Das Geisterhaus“. Das Buch, das nach zahlreichen Absagen 1982 in Barcelona erschien, wurde zu einem globalen Phänomen. Es wurde in über 40 Sprachen übersetzt und zweimal verfilmt. Doch der Erfolg rief sofort Kritiker auf den Plan, die ihr eine bloße Imitation von García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ vorwarfen, ein Vorwurf, der sie bis heute begleitet.
Die Akteure im literarischen Machtgefüge
Betrachtet man die Akteure in Allendes Biografie, so wird die Diskrepanz zwischen ihrem Erfolg und ihrer Anerkennung deutlich. Auf der einen Seite stehen die männlichen Kollegen wie Bolaño oder Edwards, die den „Boom latinoamericano“ als ein exklusives, maskulines Phänomen begriffen. Sie zementierten einen Kanon, in dem Frauen zwar schrieben, aber kaum besprochen oder an Schulen gelehrt wurden. Auf der anderen Seite steht die Figur der Carmen Balcells, die als Agentin eine Brücke in den internationalen Markt schlug. Allende selbst fungiert heute als eine Art Mentorin und Mahnerin. Nach dem tragischen Tod ihrer Tochter Paula im Jahr 1992 gründete sie eine Stiftung, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt. Diese institutionelle Arbeit ergänzt ihre literarische Tätigkeit und unterstreicht ihr Engagement für weibliche Solidarität. Während sie früher gegen die „Ochsen“ des Booms ankämpfen musste, ist sie heute selbst eine Institution, die ihre eigene Geschichte nutzt, um jüngere Generationen von Frauen zu ermutigen, sich nicht von Zweifeln oder patriarchalen Strukturen aufhalten zu lassen.
Einordnung: Literatur als politischer Akt
Einzuordnen ist die Kritik an Allende als ein Symptom für den Sexismus, der den literarischen Kanon des 20. Jahrhunderts durchzog. Den Berichten zufolge war der „Boom latinoamericano“ nicht nur ein ästhetisches, sondern ein zutiefst männlich geprägtes Machtphänomen. Wenn Allende heute den Begriff „Frauenliteratur“ ablehnt, dann deshalb, weil er impliziert, dass die Norm der Literatur „weiß und männlich“ sei. Ihre Verteidigung gegen den Vorwurf der Sentimentalität ist dabei besonders aufschlussreich: Sie erkennt, dass „Liebe“ und „Solidarität“ als Themen in der männlich dominierten Literatur oft abgewertet werden. Hätte ein Mann wie García Márquez die Themen gewählt, die Allende behandelt, wäre dies vermutlich als tiefgründig gefeiert worden. Allende stellt klar, dass die Abwertung ihres Werks eine politische Dimension hat. Dass sie sich heute als „Schreiberin“ bezeichnen lässt, wenn es dem Gegenüber gefällt, ist eine souveräne, fast schon gelassene Antwort auf die Grobheit ihrer Kritiker. Sie muss sich nicht mehr beweisen; ihr Werk ist längst über die Grenzen der akademischen oder männlich-kritischen Anerkennung hinausgewachsen.
Offene Fragen im Diskurs
Der Quelltext lässt einige Fragen offen, die für eine tiefergehende Analyse des literarischen Betriebes interessant wären. So wird zwar ausführlich über die Kritik an Allende berichtet, es bleibt jedoch unklar, wie sich die Rezeption ihres Werks in den letzten zehn Jahren konkret verändert hat. Gibt es eine neue Generation von Literaturkritikern, die ihre Werke nun anders bewertet als die „Boom“-Generation? Der Text nennt zwar die Vorwürfe der Plagiats-Nähe zu García Márquez, vertieft aber nicht, wie sich die literaturwissenschaftliche Forschung heute zu diesem Vergleich positioniert. Auch bleibt offen, ob Allende selbst den Kontakt zu den Kritikern von damals heute noch pflegt oder ob es jemals zu einem persönlichen Austausch über die damaligen Vorwürfe kam. Ebenso werden die spezifischen Mechanismen, wie „Frauenliteratur“ in den heutigen Verlagen vermarktet wird, nur angerissen. Es bleibt die Frage, ob sich die von ihr kritisierte „Zensur“ durch Ignoranz heute in eine andere Form der Marginalisierung verwandelt hat, etwa durch eine rein kommerzielle Vereinnahmung ihres Namens.
Der Weg in die Zukunft
Für Isabel Allende markiert „Unsere Geschichten“ eine Zäsur. Mit 84 Jahren sieht sie das Ende ihres Lebens nahen, was sie dazu bewegt, ihre Erfahrungen als „literarischen Ratgeber“ zu hinterlassen. Ihre Maxime „Lass dich nicht aufhalten!“ ist dabei als Vermächtnis an kommende Schriftstellerinnen zu verstehen. Während sie ihre eigene Karriere als abgeschlossen und erfolgreich betrachtet, bleibt ihre Arbeit als Stiftungsvorsitzende und Aktivistin für Frauenrechte ein fortlaufender Prozess. Es sind keine weiteren Romane angekündigt, die ihren Status als meistgelesene lebende spanischsprachige Autorin grundlegend verändern würden; vielmehr scheint sie sich nun darauf zu konzentrieren, den Raum für andere Frauen zu öffnen. Die Entscheidung, über das Schreiben zu schreiben, ist ihr letzter großer Schritt, um die Deutungshoheit über ihr eigenes Werk zurückzugewinnen. Sie tritt nicht mehr als Bittstellerin um Anerkennung auf, sondern als eine Autorin, die ihre eigene Geschichte definiert hat, ungeachtet dessen, was die „heiligen Kühe“ der Literaturgeschichte einst über sie zu sagen hatten.