Was geschehen ist: Hiddensee als Spiegelbild der Nation
Die Dokumentarfilmerin Annekatrin Hendel hat mit ihrem neuesten Werk „Hiddensee“ eine filmische Reise durch die Zeit vorgelegt, die nun in die Kinos kommt. Über einen Zeitraum von acht Jahren hinweg hat die Regisseurin die gleichnamige Ostseeinsel mit der Kamera erkundet, um das Wesen dieses besonderen Ortes zu ergründen. Hiddensee, ein schmaler, etwa 17 Kilometer langer Landstrich, der zwischen dem Bodden und der offenen Ostsee liegt, dient in Hendels Film als eine Art „Deutschland en miniature“. Mit rund 1000 festen Bewohnern und einer jährlichen Besucherzahl von etwa 50.000 Menschen ist die Insel weit mehr als nur ein touristisches Ziel. Der Film zeigt Hiddensee als einen Ort, an dem sich die großen gesellschaftlichen und kulturellen Spannungen der vergangenen hundert Jahre verdichtet haben. Dabei geht es nicht um eine bloße Chronik, sondern um die Frage, wie sich die Insel von einem Rückzugsort für Künstler und Aussteiger zu einem Schauplatz moderner Identitätskonflikte entwickelt hat. Hendel gelingt es, die Insel als einen Raum darzustellen, der seine Besucher nicht vor der Welt schützt, sondern ihnen die Widersprüche der Gesellschaft in einem konzentrierten Maß vor Augen führt.
Die Einzelheiten: Von Hauptmann bis zum Ballermann-Konflikt
Der Film entfaltet ein breites Panorama an Persönlichkeiten, die Hiddensee geprägt haben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Insel ein Anziehungspunkt für die kulturelle Elite: Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Stummfilmstar Asta Nielsen und die Tänzerin Gret Palucca besaßen dort Sommerhäuser. Auch Größen wie Erich Kästner, Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Albert Einstein suchten die Insel auf. Joachim Ringelnatz, der Maler Erich Heckel und der Schriftsteller Hans Fallada, der dort sein Werk „Kleiner Mann – was nun?“ schuf, sind weitere prominente Namen. Die NS-Zeit brachte ein abruptes Ende für diese Bohème; jüdische Künstlerinnen wie Henni Lehmann, Clara Arnheim, Käthe Loewenthal und Julie Wolfthorn wurden in den Suizid getrieben oder deportiert, während der Ort Vitte mit dem Slogan „kein Luxusbad, judenfrei“ warb. In der DDR-Zeit wandelte sich die Insel zum Refugium für Subkulturen und Aussteiger, wie etwa den Sänger Aljoscha Rompe. Heute prallen unterschiedliche Vorstellungen aufeinander: Während einige Bewohner die „uferlose Ereignislosigkeit“ als Zauber schätzen, sorgt der Auftritt von Schlagersängern wie Jürgen Drews für Unmut. Ein Protestschild mit der Aufschrift „Hauptmann oder Ballermann – quo vadis Hiddensee?“ bringt die aktuelle Zerrissenheit der Insel auf den Punkt.
Hintergrund: Ein Jahrhundert voller Umbrüche
Die Geschichte Hiddensees ist untrennbar mit den politischen Verwerfungen Deutschlands verbunden. Seit über hundert Jahren zieht der Sandstreifen Menschen an, die nach Freiheit, Inspiration oder einem Rückzugsort suchen. Doch die Insel war nie ein isoliertes Paradies, sondern immer ein Teil der gesellschaftlichen Realität. Während die Ära der großen Literaten und Künstler in den Zwanzigerjahren von einer gewissen Leichtigkeit und intellektuellem Austausch geprägt war, markierte die Machtübernahme der Nationalsozialisten einen tiefen Einschnitt, der die Insel in den Abgrund der Ausgrenzung und Verfolgung riss. Nach dem Zweiten Weltkrieg und während der DDR-Zeit entwickelte sich Hiddensee zu einem Sehnsuchtsort für jene, die sich den Konventionen des sozialistischen Alltags entziehen wollten. Lutz Seiler hat diese Ära in seinem Roman „Kruso“ literarisch verarbeitet. Die heutige Situation ist geprägt von der Spannung zwischen dem Erbe als kultureller Rückzugsort und dem Druck des Massentourismus. Die Insel fungiert dabei als ein Brennglas, in dem sich die historischen Schichten – von der Bohème über die dunklen Jahre des Nationalsozialismus bis hin zum DDR-Sozialismus und der heutigen Konsumgesellschaft – übereinanderlagern und in der Gegenwart sichtbar bleiben.
Die Beteiligten: Akteure und Stimmen der Insel
Annekatrin Hendel lässt in ihrem Dokumentarfilm eine Vielzahl von Menschen zu Wort kommen, die die Insel aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten. Zu den Protagonisten gehören der örtliche Pfarrer, der Bürgermeister der Insel sowie die Leiterin des Heimatmuseums. Sie repräsentieren die verschiedenen, teils konkurrierenden Vorstellungen davon, wie sich Hiddensee in Zukunft entwickeln soll. Ein weiterer wichtiger Akteur im Hintergrund ist der Musiker Flake, bekannt als Keyboarder der Band Rammstein, der die Musik zum Film beigesteuert hat. Er ist mit dem Erbe von Aljoscha Rompe verbunden, der einst in der Band Feeling B spielte und dessen Fotografien im Film eine zentrale Rolle einnehmen. Auch die Touristen und die Einheimischen werden als widerstreitende Gruppen dargestellt. Während die einen die Ruhe suchen, fordern andere eine touristische Vermarktung, was zu den im Film dokumentierten Konflikten führt, etwa bei den Protesten gegen Auftritte von Unterhaltungskünstlern, die nicht in das traditionelle Bild der Insel passen wollen.
Einordnung: Geschichte als Kontinuum
Einzuordnen ist die filmische Arbeit von Annekatrin Hendel vor allem durch ihre konsequente ästhetische Entscheidung: Die durchgängige Schwarz-Weiß-Optik. Diese Wahl ist nicht nur ein visuelles Stilmittel, das an internationale Produktionen wie „Roma“ oder „Mank“ erinnert, sondern erfüllt eine tiefere erzählerische Funktion. Indem Hendel Archivmaterial, historische Fotografien und aktuelle Aufnahmen in einer einheitlichen Schwarz-Weiß-Ästhetik präsentiert, hebt sie die zeitlichen Grenzen auf. Den Berichten zufolge entsteht so der Eindruck, dass die Geschichte Hiddensees kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein fließendes Kontinuum. Die verschiedenen Epochen – die Zwanzigerjahre, die NS-Zeit, die DDR und die heutige Zeit – verschmelzen zu einer Einheit, die es dem Zuschauer ermöglicht, die historischen Linien bis in die Gegenwart zu verfolgen. Die Insel wird so zu einer Projektionsfläche, auf der sich die „binären“ Konflikte – Freiheit versus Kontrolle, Kunst versus Vereinnahmung oder Individualismus versus Gemeinschaft – immer wieder neu abspielen. Es ist diese Verdichtung, die Hiddensee zu einem so faszinierenden Studienobjekt für die deutsche Geschichte macht.
Offene Fragen: Die Lücken in der Erzählung
Obwohl der Film eine beeindruckende historische Tiefe erreicht, lässt er bestimmte Fragen bewusst oder unbewusst offen. Der Quelltext deutet an, dass der Film keine einfachen Antworten auf die drängenden Probleme der Insel liefert. Es bleibt beispielsweise unklar, welche konkreten politischen Maßnahmen die Inselverwaltung oder die Landespolitik ergreifen werden, um den Spagat zwischen dem Erhalt des kulturellen Erbes und den wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Tourismus zu bewältigen. Auch die Frage nach der langfristigen Identität der Insel – ob sie eher ein „romanisches Café“ oder ein moderner Ferienort sein soll – wird nicht abschließend geklärt. Der Zuschauer erfährt zwar viel über die Konfliktlinien, doch die konkreten Lösungswege oder die Zukunftsperspektiven der Bewohner, die über die bloße Bestandsaufnahme hinausgehen, bleiben im Dunkeln. Die Frage „Quo vadis Hiddensee?“ bleibt somit eine offene, die der Film zwar eindringlich stellt, aber nicht mit einer klaren Handlungsempfehlung oder Prognose beantwortet.
Wie es weitergeht: Die Zukunft der Insel
Der Film „Hiddensee“ markiert einen wichtigen Beitrag zur Debatte über die Zukunft des Ortes, doch die tatsächliche Entwicklung liegt in den Händen der Beteiligten vor Ort. Wie der Quelltext nahelegt, ist der Kampf um die Deutungshoheit über die Insel noch lange nicht beendet. Die unterschiedlichen Interessengruppen – von den Einheimischen über die Kulturschaffenden bis hin zu den Touristen – werden weiterhin um die Ausrichtung des Insellebens ringen. Der Film selbst fungiert dabei als ein Medium, das diese Diskussionen in die Öffentlichkeit trägt und den Diskurs über den Erhalt des kulturellen Erbes anregt. Es gibt keine angekündigten Termine für politische Entscheidungen oder konkrete städtebauliche Veränderungen, die aus dem Film hervorgehen. Vielmehr ist die Veröffentlichung des Werkes selbst ein Anlass, um über die Identität dieses besonderen Ortes nachzudenken. Die Zukunft Hiddensees bleibt somit ein fortlaufender Prozess, der sich in den kommenden Jahren in den täglichen Entscheidungen der Inselbewohner und Besucher manifestieren wird, während der Film als ein zeitloses Dokument dieser Suche dient.