Ein gigantischer Damm für eine neue Welt
Im Jahr 1931 veröffentlichte der Architekt und Pazifist Hermann Sörgel in den „Sozialistischen Monatsheften“ ein Konzept, das die Geografie des Mittelmeerraums für immer verändern sollte. Unter dem Titel „Europa-Afrika: Ein Weltteil“ skizzierte er die Vision eines neuen Kontinents namens „Atlantropa“. Das Herzstück dieses Vorhabens war ein 14,2 Kilometer langer Staudamm, der in der Meerenge von Gibraltar errichtet werden sollte. Mit einer geplanten Höhe von 100 Metern und einer Breite von 1.600 Metern sollte dieses Bauwerk nicht nur als Brücke zwischen den Kontinenten dienen, sondern das Mittelmeer kontrolliert absenken.
Ziele und Dimensionen des Projekts
Sörgels Pläne gingen weit über eine einfache bauliche Maßnahme hinaus. Durch die Absenkung des Meeresspiegels sollten rund 660.000 Quadratkilometer Neuland gewonnen werden, die primär der landwirtschaftlichen Nutzung dienen sollten. Gleichzeitig sah der Entwurf den Bau von 1.000 Turbinen vor, die durch die Wasserkraft ganz Europa mit Strom versorgen sollten. Ein integrierter Eisenbahntunnel sollte zudem eine direkte, umsteigefreie Verbindung zwischen Berlin und Kapstadt ermöglichen.
Um dieses Ziel zu erreichen, sah Sörgel ein komplexes System vor:
- Ein Hauptdamm bei Gibraltar.
- Ein zweiter Staudamm zwischen Sizilien und Tunesien zur Trennung des westlichen und östlichen Mittelmeerbeckens.
- Ein dritter Damm am Bosporus.
- Ein zentrales Verwaltungszentrum in der neutralen Schweiz, das dem Völkerbund unterstellt sein sollte.
Zwischen Pazifismus und kolonialem Denken
Der Hintergrund von Sörgels Vision war eine Mischung aus technischem Fortschrittsglauben und politischer Ideologie. Als Sohn des Konstrukteurs des Walchensee-Großkraftwerks war er von der Kraft der Elektrizität überzeugt. Er sah darin ein Mittel zur europäischen Völkerverständigung und zur Lösung der drohenden Energiekrise durch schwindende Kohle- und Ölreserven.
Gleichzeitig war Sörgels Denken von einer kolonialistischen Perspektive geprägt. Er betrachtete Europa als „überinstrumentiert“ und Afrika als „unausgebeutet“. Das Projekt sollte als wirtschaftliche Brücke dienen, um die Herrschaft über den afrikanischen Kontinent zu sichern und Europa eine neue Perspektive zu bieten.
Widerstände und das Ende der Utopie
Obwohl Sörgel namhafte Architekten wie Peter Behrends für seine Multimedia-Präsentationen gewinnen konnte und sogar Albert Einstein sich nach den wissenschaftlichen Grundlagen der Absenkung erkundigte, blieb der Erfolg aus. Politische Akteure reagierten skeptisch: Mussolini lehnte das Projekt ab, da italienische Hafenstädte durch die Absenkung verlandet wären. Auch der Versuch, die Nationalsozialisten für die Idee einer Weltaufteilung in „Amerika, Atlantropa und Asien“ zu gewinnen, scheiterte; 1943 erhielt Sörgel ein Schreibverbot.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Projekt endgültig an Bedeutung. Die aufkommende Atomkraft bot eine neue technologische Perspektive, die Sörgels Wasserkraft-Visionen in den Hintergrund drängte. Nach seinem Tod bei einem Fahrradunfall im Jahr 1952 wurde das Atlantropa-Institut aufgelöst.
Historisches Echo und fiktive Weiterführung
Die Inspiration für Sörgels Pläne wird heute in Werken wie H.G. Wells „Die Geschichte unserer Welt“ oder Otto Jessens „Die Straße von Gibraltar“ vermutet. Die Faszination für das gigantische Bauvorhaben blieb jedoch in der Literatur und der Popkultur erhalten. In der sogenannten „alternativen Geschichte“ existieren Szenarien, in denen der Damm 1948 fertiggestellt wurde, jedoch aufgrund massiver Dürreperioden im Jahr 2028 wieder gesprengt werden musste. Auch wenn das Projekt nie über das Stadium einer wahnwitzigen Utopie hinauskam, bleibt es ein bemerkenswertes Beispiel für den ungebremsten Fortschrittsglauben des frühen 20. Jahrhunderts.