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Unzuverlässige Bewertungen: Warum wir nichts auf Rankings geben sollten
Technik · 06.08.2026 11:41

Unzuverlässige Bewertungen: Warum wir nichts auf Rankings geben sollten

Kurz: Ob Wein, Bildung oder Gesundheit: Punktesysteme dominieren unseren Alltag. Der Philosoph C. Thi Nguyen warnt vor den Gefahren dieser algorithmischen Bewertung.

Die Macht der Zahlen im Alltag

Von der Auswahl eines Spitzenweins bis hin zur Beurteilung von Krankenhäusern und Universitäten: Numerische Bewertungssysteme sind aus unserem Leben kaum noch wegzudenken. Was auf den ersten Blick wie eine objektive Entscheidungshilfe wirkt, betrachtet der Philosoph und ehemalige Food-Journalist C. Thi Nguyen in seinem Buch „The Score“ kritisch. Er zeigt auf, dass diese Vereinfachungen oft nicht nur unsere Wünsche verfehlen, sondern zu gefährlichen Verzerrungen führen können.

Das Beispiel Wein: Wenn Kontext verloren geht

Nguyen verdeutlicht das Problem am Beispiel der professionellen Weinbewertung. Um eine vermeintlich objektive Punktzahl zu erreichen, isolieren Tester den Wein von seinem natürlichen Umfeld – dem Essen. Ein Wein, der in Kombination mit einer bestimmten Speise exzellent schmeckt, könnte für sich allein betrachtet als weniger beeindruckend wahrgenommen werden.

Indem wir uns auf solche Rankings verlassen, akzeptieren wir implizit eine Wertentscheidung: Die isolierte Punktzahl wird wichtiger als das harmonische Zusammenspiel von Wein und Gericht. Die Folge ist eine Marktveränderung, bei der Winzer zunehmend sogenannte „Fruchtbomben“ produzieren – Weine mit intensiven, bombastischen Aromen, die in Rankings gut abschneiden, aber bei Tisch oft nicht überzeugen.

Objektivitätswäsche und ihre Folgen

Nguyen prägt den Begriff der „Objektivitätswäsche“. Damit beschreibt er den Prozess, bei dem komplexe Entscheidungen hinter vermeintlich neutralen Zahlen versteckt werden. Dies betrifft nicht nur den Konsum, sondern auch gesellschaftlich relevante Bereiche:

* **Bildung und Gesundheit:** Institutionen wie Schulen oder Krankenhäuser werden anhand von Kennzahlen bewertet, die ihre eigentliche Qualität oft nur unzureichend abbilden.

* **Digitale Medien:** Soziale Netzwerke und Apps nutzen Likes, Follower oder Retweets als Erfolgsparameter, die jedoch kaum eine tatsächliche Wissenserweiterung garantieren.

* **Berufsleben:** Journalisten könnten dazu verleitet werden, reißerische Inhalte zu produzieren, um ihre Reichweite zu maximieren, anstatt fundierte Arbeit zu leisten.

Die Lücke zwischen Messung und Wert

Das Kernproblem liegt laut Nguyen in der Diskrepanz zwischen dem, was messbar ist, und dem, was tatsächlich zählt. Er selbst erlebte dies an der University of Utah, wo der Druck durch universitäre Rankings dazu führte, dass er seine Forschungsthemen anpassen musste. Um in den Ranglisten aufzutauchen, war es notwendig, kurze Texte über technische Nischen zu verfassen, anstatt sich den Fragen zu widmen, die ihn persönlich antrieben. Auch juristische Fakultäten verloren durch die Fixierung auf standardisierte Rankings an inhaltlicher Vielfalt, da ihre schwer quantifizierbaren Schwerpunkte von den Systemen ignoriert wurden.

Der Preis der Optimierung

Die Jagd nach Wertmaximierung führt zu einer verengten Sichtweise. Wer sich starr auf die Erreichung vorgegebener Kennzahlen fokussiert, verliert den Blick für das Wesentliche. Nguyen sieht in der ästhetischen Haltung – dem unvoreingenommenen Herangehen an die Welt ohne scharf umrissene Ziele – einen möglichen Gegenentwurf. Er schlägt vor, das Leben stärker als Spiel zu begreifen, das gerade durch seine Ungeordnetheit und Komplexität besticht.

Die kritische Auseinandersetzung mit diesen Systemen ist notwendig, da die Nutzer von Scores ihre eigenen Prioritäten oft unbewusst an die Kennzahlen anpassen. Während Rankings kurzfristig Orientierung bieten können, bleibt die Frage, welche langfristigen Werte wir opfern, wenn wir uns in einer Leistungsökonomie ausschließlich an algorithmischen Vorgaben orientieren.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/personencodierung-im-laptop-574071/ · Foto: Lukas Blazek
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/sachbuch/c-thi-nguyen-zeigt-warum-wir-nichts-auf-rankings-geben-sollten-200842767.html