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unbezahltes Riesengemälde: Wo bleiben die 62 Millionen?
Kultur · 18.08.2026 15:33

unbezahltes Riesengemälde: Wo bleiben die 62 Millionen?

Kurz: Das größte Gemälde der Welt sollte Millionen für den guten Zweck einbringen. Doch der Käufer zahlte nicht. Ein Blick auf einen gescheiterten Kunstmarkt-Coup.

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Im März 2021 sorgte eine Auktion für weltweites Aufsehen: Das größte Leinwandgemälde der Welt, „The Journey of Humanity“ des britischen Künstlers Sacha Jafri, wurde für die astronomische Summe von 62 Millionen Dollar versteigert. Das Werk, das während der Corona-Pandemie in Dubai entstand, sollte ein Zeichen der Hoffnung setzen und den Erlös für wohltätige Zwecke spenden. Doch die Geschichte hat eine bittere Wendung genommen. Mehrere Jahre nach dem vermeintlichen Rekordverkauf stellt sich heraus, dass der Großteil der versprochenen Summe niemals bei den vorgesehenen Hilfsorganisationen angekommen ist. Der Käufer, der Kryptounternehmer André Abdoune, hat die Zahlung offenbar nicht geleistet. Während das Gemälde weiterhin beim Künstler verbleibt, stecken die beteiligten Institutionen in einem zivilrechtlichen Streit fest. Was als glanzvolles Charity-Projekt begann, hat sich zu einem handfesten Skandal entwickelt, der die Schattenseiten des Kunstmarktes und die fragwürdigen Mechanismen von Spekulationsgeschäften im Umfeld digitaler Währungen schonungslos offenlegt.

Die Einzelheiten des Projekts

Das monumentale Werk entstand unter außergewöhnlichen Umständen. Während der Hochphase der Pandemie im Jahr 2020 nutzte der Maler Sacha Jafri einen leer stehenden Ballsaal in einem Luxushotel auf der künstlich aufgeschütteten Insel „The Palm“ in Dubai. Ausgestattet mit über 6000 Litern Farbe und mehr als tausend Pinseln, bedeckte er über einen Zeitraum von acht Monaten eine Fläche von 1800 Quadratmetern. Das Werk besteht aus aneinandergestückelten Leinwänden, in die Jafri zudem Kinderzeichnungen zum Thema Isolation integrierte. Der Käufer des Werkes, André Abdoune, ein französisch-algerischer Unternehmer aus dem Kryptosektor, hatte bei der Versteigerung nicht nur den Kaufpreis von 62 Millionen Dollar zugesagt, sondern auch den Bau eines eigenen Museums für das Gemälde versprochen. Bisher ist jedoch weder der Kaufpreis in der versprochenen Höhe geflossen, noch wurde das Museum realisiert. Laut Recherchen der Londoner „Times“ konnte lediglich die UNESCO einen Eingang von 1,9 Millionen Dollar verzeichnen, wobei es unklar bleibt, ob diese Summe tatsächlich aus der Auktion stammt. Andere Organisationen wie UNICEF, Dubai Cares und die Global Gift Foundation warten bis heute auf die versprochenen Zuwendungen.

Hintergrund und Entstehungsgeschichte

Die Entstehung des Gemäldes ist untrennbar mit der besonderen psychologischen und sozialen Situation des Jahres 2020 verbunden. Während weite Teile der Welt im Lockdown verharrten, wurde das Projekt als ein Symbol der globalen Verbundenheit inszeniert. Jafri, der sich in den Emiraten aufhielt, nutzte die mediale Aufmerksamkeit, um sein Werk als „Reise der Menschheit“ zu vermarkten. Die Kombination aus der vermeintlichen künstlerischen Geste und dem wohltätigen Zweck schuf eine Erzählung, die perfekt in die damalige Zeit passte. Der Kunstmarkt befand sich zu diesem Zeitpunkt in einer Phase, in der Spekulationsfieber und der aufkommende Kryptohandel eine gefährliche Symbiose eingingen. Ähnlich wie beim Verkauf von Beeples NFT-Werk „Everydays“ für 69,3 Millionen Dollar, wurde die Auktion von Jafris Werk als ein Beweis für die neue Macht der digitalen Vermögenswerte gefeiert. Die Ankündigung, dass der Erlös an Kinderhilfswerke fließen sollte, verlieh dem spekulativen Geschäft eine moralische Legitimation, die nun, da die Zahlungen ausbleiben, in sich zusammenfällt.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Im Zentrum dieses komplexen Geflechts stehen verschiedene Akteure. Der Künstler Sacha Jafri, der durch den Auktionsrekord schlagartig weltweite Bekanntheit erlangte, sah sich zeitweise sogar dem Vorwurf ausgesetzt, sein Werk unrechtmäßig an sich genommen zu haben – ein Punkt, der mittlerweile jedoch als geklärt gilt. Der Käufer André Abdoune ist die zentrale Figur, die durch das Ausbleiben der Zahlungen den gesamten Prozess blockiert. Auf institutioneller Seite ist die Organisation „Dubai Cares“ hervorzuheben, die in den Emiraten ansässig ist und die Aufgabe übernommen hatte, den Verkaufserlös entgegenzunehmen und an die begünstigten Organisationen weiterzuleiten. Da die Gelder ausblieben, hat Dubai Cares bereits im Jahr 2022 ein zivilrechtliches Verfahren gegen Abdoune eingeleitet. Zudem sind die großen internationalen Hilfsorganisationen wie UNICEF und die UNESCO als potenzielle Empfänger der Gelder betroffen, wobei ihre Rolle in der Abwicklung des Deals bisher nur in Bezug auf die ausbleibenden Zahlungen thematisiert wird.

Einordnung der Ereignisse

Einzuordnen ist das Scheitern dieses Projekts als ein Symptom für die Entkoppelung von realem Wert und medialer Inszenierung im modernen Kunstmarkt. Den Berichten zufolge handelte es sich bei der Auktion weniger um einen klassischen Kunstverkauf als vielmehr um einen PR-Coup, der darauf abzielte, den Marktwert des Künstlers massiv zu steigern. Dass der Wert des Werkes in einem derartigen Ausmaß überhöht wurde, lässt sich durch die damalige Euphorie im Kryptosektor erklären, in dem hohe Summen oft als Marketinginstrumente für die eigene Marke eingesetzt wurden. Die Verknüpfung mit Wohltätigkeit diente dabei als Schutzschild gegen kritische Rückfragen. Dass das Geschäft nun als gigantischer Bluff entlarvt wurde, wirft ein bezeichnendes Licht auf die mangelnde Transparenz bei hochpreisigen Auktionen, die unter dem Deckmantel des sozialen Engagements stattfinden. Es zeigt deutlich, dass die moralische Komponente in solchen Fällen oft nur eine untergeordnete Rolle spielt und als Vehikel für die Steigerung des eigenen Prestiges missbraucht wird.

Offene Fragen und Lücken im Sachverhalt

Der vorliegende Sachverhalt lässt eine Reihe von Fragen unbeantwortet, die für ein vollständiges Verständnis des Falls von Bedeutung wären. So bleibt unklar, welche vertraglichen Vereinbarungen zwischen dem Künstler, dem Auktionshaus und dem Käufer tatsächlich getroffen wurden und welche Sicherheiten für den Fall eines Zahlungsausfalls existierten. Auch die Herkunft der 1,9 Millionen Dollar, die bei der UNESCO eingingen, bleibt spekulativ, da nicht zweifelsfrei geklärt ist, ob diese Summe tatsächlich aus dem Auktionserlös stammte oder eine andere Quelle hatte. Ebenso wenig ist bekannt, welche genauen Argumente oder Verteidigungsstrategien der Käufer André Abdoune im laufenden zivilrechtlichen Verfahren vorbringt. Die finanziellen Details der gescheiterten Transaktion und die Frage, warum das Auktionshaus oder die beteiligten Institutionen nicht früher oder deutlicher auf das Ausbleiben der Zahlungen reagiert haben, bleiben ebenfalls im Dunkeln. Diese Lücken erschweren eine abschließende Bewertung der Verantwortlichkeiten der einzelnen Parteien.

Wie es weitergeht

Die juristische Aufarbeitung des Falls ist bereits in vollem Gange, wobei das zivilrechtliche Verfahren von Dubai Cares gegen André Abdoune weiterhin die zentrale Instanz darstellt. Da das Gemälde nach wie vor im Besitz des Künstlers ist, stellt sich die Frage, ob eine erneute Verwertung des Werkes angestrebt wird oder ob es als Beweismittel in den laufenden Verfahren verbleibt. Es gibt derzeit keine Informationen über einen neuen Versteigerungstermin oder eine alternative Nutzung des 1800 Quadratmeter großen Bildes. Die Öffentlichkeit und die beteiligten Hilfsorganisationen werden darauf angewiesen sein, dass die juristischen Instanzen in den Vereinigten Arabischen Emiraten Klarheit über den Verbleib der versprochenen Gelder schaffen. Ob der Künstler Sacha Jafri nach diesem Debakel seinen Status auf dem Kunstmarkt halten kann, bleibt abzuwarten, ebenso wie die Frage, ob die beteiligten Organisationen jemals die versprochenen Mittel erhalten werden. Der Fall bleibt somit ein offenes Kapitel der jüngeren Kunstgeschichte, das vor allem Fragen nach Integrität und Transparenz aufwirft.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/holz-licht-stadt-kunst-27263734/ · Foto: Adrien Olichon
Quelle: https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/kunstmarkt/die-charity-auktion-des-groessten-gemaeldes-der-welt-von-sacha-jafri-wird-zum-flop-201132746.html