News aus aller Welt
Start
Ukrainischer Veteran: Vom Patienten zum Prothesenmacher
Politik · 16.08.2026 14:02

Ukrainischer Veteran: Vom Patienten zum Prothesenmacher

Kurz: Der ukrainische Veteran Valentin Melnyk verlor im Krieg sein Bein. In Berlin erlernt er nun den Beruf des Orthopädietechnikers, um anderen Betroffenen zu helfen

Was geschehen ist – die Kernmeldung

Der 24-jährige ukrainische Veteran Valentin Melnyk, der während des russischen Angriffskrieges gegen sein Heimatland ein Bein verlor, absolviert derzeit in Berlin eine Ausbildung zum Orthopädietechniker. Nach einer schweren Verletzung durch eine Mine und einem einjährigen Krankenhausaufenthalt nutzt der junge Mann nun die Chance, sich beruflich neu zu orientieren. In den Werkstätten Berliner Orthopädieunternehmen erlernt er das Handwerk der Prothesenherstellung, um nach seiner Rückkehr in die Ukraine anderen Kriegsversehrten bei der Rehabilitation zu unterstützen. Er ist Teil einer Gruppe von acht Veteranen, die seit Mai 2026 an diesem speziellen Qualifizierungsprogramm teilnehmen. Das Projekt wird durch eine enge Kooperation zwischen Berliner Fachbetrieben und der Hilfsorganisation „Life Bridge Ukraine“ ermöglicht. Ziel ist es, den Betroffenen nicht nur eine medizinische Versorgung, sondern auch eine berufliche Perspektive zu bieten, die ihnen die Rückkehr in ein aktives ziviles Leben ermöglicht. Die Ausbildung umfasst sowohl theoretische als auch praktische Komponenten, bei denen die Veteranen lernen, maßgeschneiderte Prothesen zu fertigen, die auf die individuellen Bedürfnisse von Amputierten zugeschnitten sind. Valentin Melnyk, der ursprünglich Mathematik und Physik studieren wollte, sieht in dieser Tätigkeit eine sinnstiftende Aufgabe für seine Zukunft.

Die Einzelheiten des Projekts

Valentin Melnyk arbeitet unter der Anleitung von Orthopädiemeister Daniel Koch, der den jungen Ukrainer nicht nur als Patienten, sondern als Auszubildenden betreut. Die tägliche Arbeit beinhaltet intensive Gehübungen mit einer passgenauen Unterschenkelprothese, die aus einem Metallrohr und einem Kunststofffuß besteht. Neben dem Training an Treppen und Rampen verbringt Melnyk viel Zeit in der Werkstatt, wo er beispielsweise flüssigen Kunststoff in Formen gießt, um Prothesenschäfte zu fertigen. Seit Mai 2026 lernt er gemeinsam mit sieben weiteren Veteranen in den Berliner Betrieben. Die Initiative stützt sich auf eine breite Basis: Zehn Orthopädieunternehmen aus Deutschland und Polen sind in das aktuelle Projekt involviert. Die Organisation „Life Bridge Ukraine“, gegründet 2022 von Janine von Wolfersdorff, fungiert dabei als entscheidendes Bindeglied. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit und der Überwindung komplexer bürokratischer Hürden konnte im August 2025 ein Prothesenzentrum in einem kommunalen Krankenhaus in Kiew eröffnet werden, das durch das Land Berlin, den Kiewer Oberbürgermeister Vitali Klitschko sowie private Spender unterstützt wurde. Ein weiteres Zentrum befindet sich derzeit in Ternopil in der Westukraine im Aufbau, um die wachsende Zahl an Kriegsversehrten zu versorgen.

Hintergrund und Vorgeschichte

Der Weg, der Valentin Melnyk nach Berlin führte, ist eng mit dem Verlauf des russischen Angriffskrieges verknüpft. Vor 15 Monaten wurde Melnyk als Soldat der ukrainischen Armee bei der Rückkehr von einem Einsatz schwer verletzt, als sein Fahrzeug auf eine Mine fuhr. Der Verlust seines Beines bedeutete für den jungen Mann, der eigentlich eine akademische Laufbahn als Lehrer anstrebte, einen abrupten Bruch in seiner Lebensplanung. Ein ganzes Jahr verbrachte er in medizinischer Behandlung, bevor er von der Möglichkeit erfuhr, sich in Deutschland zum Orthopädietechniker ausbilden zu lassen. Die Hilfsorganisation „Life Bridge Ukraine“ hat ihre Arbeit seit 2022 stetig ausgeweitet. Während zu Beginn der Fokus primär auf der Evakuierung und der medizinischen Erstversorgung verwundeter Soldaten in Berlin lag, hat sich der Schwerpunkt zunehmend auf den Aufbau nachhaltiger Strukturen innerhalb der Ukraine verlagert. Die Ausbildung der Veteranen zu Fachkräften ist dabei ein strategischer Ansatz, um den massiven Bedarf an orthopädischer Versorgung vor Ort langfristig zu decken. Die Zusammenarbeit mit den Berliner Betrieben, die bereits zuvor sechs Trainees ausgebildet haben, bildet das Fundament für diesen Wissenstransfer.

Die Beteiligten und ihre Rollen

Zentral für das Gelingen des Projekts sind die persönlichen und institutionellen Akteure. Valentin Melnyk steht stellvertretend für die vielen jungen Menschen, deren Leben durch den Krieg eine drastische Wendung erfahren hat. Orthopädiemeister Daniel Koch spielt eine Schlüsselrolle, da er nicht nur die medizinische Versorgung übernimmt, sondern sein Fachwissen aktiv an die Veteranen weitergibt. Janine von Wolfersdorff, die Geschäftsführerin von „Life Bridge Ukraine“, treibt das Projekt mit dem Ziel voran, den Betroffenen eine aktive Teilhabe an der Gesellschaft zu ermöglichen. Auf politischer und administrativer Ebene sind das Land Berlin sowie der Kiewer Oberbürgermeister Vitali Klitschko als Unterstützer der Prothesenzentren hervorzuheben. Die Kooperation umfasst zudem zehn verschiedene Orthopädieunternehmen aus Deutschland und Polen, die ihre Werkstätten und ihr Know-how zur Verfügung stellen. Diese Akteure bilden ein Netzwerk, das den gesamten Prozess von der akuten Versorgung bis zur beruflichen Reintegration abdeckt. Die Entscheidungsträger betonen dabei regelmäßig, dass die Unterstützung beim Wiederaufbau – insbesondere durch die Ausbildung von Fachkräften – eine essenzielle Säule der internationalen Hilfe für die Ukraine darstellt.

Einordnung der Situation

Einzuordnen ist das Projekt als ein Versuch, die gravierenden sozialen und medizinischen Folgen des Krieges durch gezielte Qualifizierung abzufedern. Den Berichten zufolge ist die Dimension der Verletzungen in der Ukraine enorm; der Kiewer Oberbürgermeister Vitali Klitschko sprach bei einem Besuch in Berlin von geschätzt rund 21.000 Amputationen pro Jahr. Diese Zahl unterstreicht die enorme Belastung für das ukrainische Gesundheitssystem. Die Ausbildung von Veteranen zu Orthopädietechnikern ist in diesem Kontext doppelt sinnvoll: Sie bietet den Betroffenen eine berufliche Perspektive und schafft gleichzeitig dringend benötigtes Fachpersonal vor Ort. Die Arbeit von „Life Bridge Ukraine“ und den beteiligten Betrieben zeigt, wie zivilgesellschaftliches Engagement bürokratische Hürden überwinden kann, um direkt in den betroffenen Regionen Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Es handelt sich hierbei um eine Form der Inklusion, die weit über die rein medizinische Versorgung hinausgeht und den Veteranen hilft, trotz ihrer schweren körperlichen Einschränkungen wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen und aktiv am Wiederaufbau ihres Landes teilzuhaben.

Offene Fragen und Herausforderungen

Obwohl das Projekt als Erfolg gewertet wird, bleiben einige Fragen unbeantwortet. Der Quelltext macht keine Angaben dazu, wie die langfristige Finanzierung der Prothesenzentren in Kiew und Ternopil gesichert werden soll, sobald die anfängliche Unterstützung durch das Land Berlin und private Spender ausläuft. Ebenso bleibt offen, wie viele der ausgebildeten Veteranen tatsächlich dauerhaft in den Zentren arbeiten können und ob die Kapazitäten der kommunalen Krankenhäuser ausreichen, um die enorme Zahl an Amputationen langfristig zu bewältigen. Auch die psychologische Langzeitbetreuung der Veteranen, die über die physische Rehabilitation hinausgeht, wird im Text nicht explizit thematisiert. Zudem ist unklar, inwieweit die Ausbildung in Deutschland vollständig auf die spezifischen Bedingungen und die Materialverfügbarkeit in der Ukraine übertragbar ist. Die genaue Anzahl der insgesamt benötigten Fachkräfte im Bereich der Orthopädietechnik im Vergleich zur aktuellen Ausbildungsquote bleibt ebenfalls eine Lücke, die verdeutlicht, wie groß die Herausforderung für das ukrainische Gesundheitssystem in den kommenden Jahren noch sein wird.

Wie es weitergeht

Die Planungen für die Zukunft sehen eine kontinuierliche Erweiterung der Kapazitäten vor. Das aktuelle Projekt, an dem zehn Unternehmen beteiligt sind, stellt einen weiteren Schritt zur Stärkung der Prothesenzentren dar. Während das Zentrum in Kiew bereits in Betrieb ist, hat der Aufbau der Einrichtung in Ternopil gerade erst begonnen. Valentin Melnyk plant nach Abschluss seiner Ausbildung in Berlin, in seine Heimat zurückzukehren und dort direkt in einem der Prothesenzentren tätig zu werden. Die Ausbildung der acht Veteranen, die im Mai 2026 begonnen hat, ist auf einen Zeitraum angelegt, der sie befähigen soll, als eigenständige Fachkräfte zu agieren. Die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und polnischen Orthopädiebetrieben sowie der Hilfsorganisation „Life Bridge Ukraine“ soll fortgesetzt werden, um den Wissenstransfer zu verstetigen. Die nächsten Monate werden zeigen, wie effektiv die Integration der ausgebildeten Veteranen in die ukrainischen Strukturen gelingt und ob das Modell der Ausbildung vor Ort in Berlin als Blaupause für weitere Zentren in anderen Teilen der Ukraine dienen kann.

Bild: Pexels: https://www.pexels.com/de-de/foto/klinik-arzt-doktor-krankenhaus-6627381/ · Foto: https://kaboompics.com/
Quelle: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/ukraine-kriegsversehrte-hilfe-100.html