Ein rechtliches Mosaik in Europa
Die Debatte um die Leihmutterschaft wird innerhalb der Europäischen Union höchst unterschiedlich geführt. Während in Deutschland ein striktes Verbot gilt, haben andere Mitgliedstaaten längst eigene Wege gefunden, um den Kinderwunsch von Paaren oder Einzelpersonen zu adressieren. Ein einheitlicher europäischer Trend lässt sich dabei laut Experten nicht feststellen; vielmehr zeigt sich ein deutliches Gefälle zwischen den Ländern.
Altruismus als gesetzlicher Standard
In vielen europäischen Ländern, die Leihmutterschaft unter Auflagen erlauben, steht das Konzept der "altruistischen Leihmutterschaft" im Vordergrund. Dabei soll die austragende Frau keine finanzielle Entlohnung für ihre Leistung erhalten. Die Idee dahinter ist, die Kommerzialisierung von Schwangerschaften zu verhindern.
Die Umsetzung in der Praxis gestaltet sich jedoch komplex. So sind in den Niederlanden solche Vereinbarungen zwar möglich, doch die professionelle oder kommerzielle Vermittlung zwischen Leihmutter und Wunscheltern bleibt strafbar. In Irland wurden 2024 erstmals klare gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, die altruistische Leihmutterschaften auch für Alleinstehende ermöglichen. Dänemark verfolgt seit 2025 einen ähnlichen Kurs und plant zudem weitere Erleichterungen bei der medizinischen Unterstützung.
Grauzonen und fehlende Regulierung
Andere Staaten wählen einen Weg, der weder ein explizites Verbot noch eine detaillierte gesetzliche Grundlage vorsieht. Ein Beispiel hierfür ist Belgien. Dort gilt die Frau, die ein Kind zur Welt bringt, rechtlich als Mutter. Wunscheltern müssen die Elternschaft nach der Geburt in einem separaten Verfahren klären. Kliniken in Städten wie Brüssel oder Gent führen entsprechende Verfahren durch, setzen jedoch umfangreiche medizinische und psychologische Tests voraus. Im Jahr 2023 kamen auf diesem Weg 57 Kinder in Belgien zur Welt.
Strenge Verbote und extraterritoriale Reichweite
Am anderen Ende des Spektrums stehen Länder wie Italien und Spanien. Italien hat seine Gesetzgebung verschärft und verbietet die Leihmutterschaft nicht nur im Inland, sondern stellt sie auch dann unter Strafe, wenn sie im Ausland in Anspruch genommen wird. Paaren drohen in Italien drastische Geldstrafen von bis zu einer Million Euro sowie mehrjährige Haftstrafen. Spanien, das bereits seit 2006 ein Verbot unterhält, hat die Regeln vor einem Jahr weiter verschärft. Die Registrierung von im Ausland geborenen Kindern erfordert nun den Nachweis einer biologischen Verbindung oder eine rechtlich anerkannte Adoption.
Die wachsende globale Industrie
Unabhängig von den nationalen Gesetzen innerhalb der EU beobachten Soziologen wie Anika König von der FU Berlin ein massives Wachstum der globalen Industrie rund um die Leihmutterschaft. Obwohl verlässliche Daten fehlen, deuten Marktanalysen darauf hin, dass sich immer mehr Länder weltweit für dieses Modell öffnen. Neben der Ukraine haben zuletzt Staaten in Zentralasien, Lateinamerika sowie in Afrika, insbesondere Kenia und Ghana, an Bedeutung gewonnen.
Die Kritik am Begriff des Altruismus
Die Definition von "altruistisch" stößt bei Experten auf Skepsis. Zwar wird der Begriff genutzt, um die Zahlung an die Leihmutter zu untersagen, doch profitieren andere Akteure wie Fertilitätsmediziner und Vermittlungsagenturen oftmals finanziell von den Verfahren. Kritiker geben zu bedenken, dass es problematisch sei, von der Leihmutter – der Person, die das größte medizinische Risiko trägt – eine unentgeltliche Leistung zu erwarten. Selbst in Ländern wie Großbritannien, wo das altruistische Modell formal gilt, werden häufig hohe Aufwandsentschädigungen gezahlt.
Ausblick und wissenschaftliche Einordnung
Großbritannien gilt in der europäischen Debatte als Vorreiter, da dort bereits seit längerer Zeit umfangreiche psychologische Forschung zu den Auswirkungen auf Leihmütter, Familien und Kinder betrieben wird. Diese Daten dienen als wichtige Grundlage für die politische Diskussion darüber, welche rechtlichen Rahmenbedingungen den Schutz aller Beteiligten am besten gewährleisten können.
Für Wunscheltern bleibt die Situation aufgrund der stark divergierenden Gesetze in Europa jedoch unübersichtlich. Während die Nachfrage nach Leihmutterschaft laut Marktdaten stetig steigt, reagieren die Gesetzgeber mit einer Mischung aus Liberalisierung und repressiven Maßnahmen, was die rechtliche Unsicherheit für betroffene Familien weiter erhöht.