Die Kunst der Darstellung: Warum Nüchternheit am Set entscheidend ist
In der Welt des Schauspiels hält sich hartnäckig das Vorurteil, dass eine authentische Darstellung von Trunkenheit nur unter Alkoholeinfluss gelingen könne. Der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader tritt dieser Auffassung nun entschieden entgegen. Anlässlich seines Auftritts im Kinofilm „Schöne Seelen“, in dem er einen dauerbetrunkenen Diskothekenbetreiber verkörpert, stellt Hader klar: Professionelle Schauspielkunst erfordert absolute Nüchternheit.
Körperliche und geistige Einbußen durch Alkohol
Hader, der für seine präzise Mimik und seine oft wortkarge, aber ausdrucksstarke Spielweise bekannt ist, betont, dass selbst kleinste Mengen Alkohol die schauspielerische Qualität negativ beeinflussen. Nach seiner Einschätzung führt bereits ein einziges Glas zu einer spürbaren Verschlechterung der Leistung. Die Gründe dafür sind laut Hader vielfältig:
* **Physische Ermüdung:** Die Augen wirken müde und der Körper verliert an Spannung.
* **Konzentrationsverlust:** Die notwendige Präzision, um eine Figur glaubhaft zu verkörpern, schwindet.
* **Künstlerische Distanz:** Die Kontrolle über die eigene Darstellung geht verloren.
Der Schauspieler verweist darauf, dass selbst legendäre Akteure, die für ihren exzessiven Lebensstil bekannt waren, wie etwa Dean Martin, diese Trennung zwischen privatem Konsum und der Arbeit vor der Kamera oder auf der Bühne gewahrt haben dürften.
Herausforderungen der Rolle in „Schöne Seelen“
Die Darstellung eines Betrunkenen, der zudem karaoke-singend durch den Film taumelt, stellte Hader vor technische Herausforderungen. Entgegen der Vermutung, eine solche Rolle würde durch den Konsum von Rauschmitteln erleichtert, berichtet der Kabarettist von einem hohen Trainingsaufwand. Neben der gesanglichen Vorbereitung erforderte vor allem das pausenlose Sprechen der Figur eine hohe Konzentration. Hader merkt dazu ironisch an, dass er Rollen mit weniger Text, bei denen er lediglich traurig schauen könne, eigentlich bevorzuge.
Erfahrungen mit Substanzen im künstlerischen Umfeld
Abseits von Alkohol hat Hader nur begrenzte Erfahrungen mit bewusstseinsverändernden Substanzen im beruflichen Kontext gesammelt. Er erinnert sich an eine Episode mit hustenstillenden Tropfen, die Codein enthielten – eine Erfahrung, die er als seine einzige nennenswerte Drogenerfahrung auf der Bühne beschreibt.
Der Schauspieler reflektiert zudem über die „wilden Neunzigerjahre“ in Österreich. Er berichtet von Kollegen, die unter dem Einfluss von Kokain auftraten. Aus seiner Sicht war dies jedoch keineswegs förderlich für die Qualität der Vorstellung. Das Hauptproblem bei derartigen Zuständen sei die fehlende Resonanzfähigkeit: Wer unter Drogen stehe, könne nicht mehr wahrnehmen, wie das Publikum auf das Spiel reagiere. Für Hader ist dies der entscheidende Punkt, warum er – rein aus künstlerischen Gründen – auf jegliche Substanzen verzichtet.
Ein Blick auf die Arbeitsweise
Josef Hader, Jahrgang 1962, hat sich über Jahrzehnte als Kabarettist und Schauspieler etabliert und 2017 mit „Wilde Maus“ auch Regie geführt. Seine Haltung zum Thema Alkohol verdeutlicht einen professionellen Anspruch, bei dem die Kontrolle über das eigene Instrument – den Körper und den Geist – im Vordergrund steht. Die positive Resonanz auf seine Darstellung beim Münchner Filmfest scheint ihm recht zu geben: Authentizität im Schauspiel entsteht durch Beobachtung und Technik, nicht durch den tatsächlichen Konsum von Rauschmitteln.