Eine neue Facette für die Kunststadt Aschaffenburg
Aschaffenburg festigt seinen Ruf als bedeutender Kunststandort. Neben dem historischen Erbe, das von Matthias Grünewald bis Ernst Ludwig Kirchner reicht, und der aktuellen Präsenz ukrainischer Meisterwerke aus dem Khanenko-Nationalmuseum, rückt nun die Sammlung Jaegers in den Fokus. Die in eine Stiftung überführten Bestände des Reeders Gunther Jaegers finden in der Kunsthalle Jesuitenkirche eine neue Heimat und ergänzen das bestehende Schad-Museum um zeitgenössische Positionen.
Der Titel der Ausstellung, „Vertraute Gesten“, deutet bereits auf den Kern der Kollektion hin: den Fokus auf die menschliche Figur und die Haltung der Künstler. Die Zusammenstellung zeichnet sich durch eine Mischung aus fränkischem Naturell und Wiener Schmäh aus, die den Besuchern ungewohnte Sehgewohnheiten abverlangt.
Ironie als roter Faden
Was die Schau von vielen anderen abhebt, ist ihr ironischer Unterton. Ein prägnantes Beispiel hierfür ist die Hängung von Manfred Hürlimanns neomanieristischer „Judith mit dem Haupt des Holofernes“ neben Christian Schads Porträt von Alain Delon. Während die biblische Heldin ihre Macht demonstriert, zeigt Schad den Filmstar Delon in einer surrealen David-Darstellung von 1969.
Die Inszenierung des Sammlers selbst – dargestellt durch Hürlimann als steifer, rauchender Mann inmitten dieser dramatischen Szenen – unterstreicht den schwarzen Humor, der die Auswahl durchzieht. Es ist eine bewusste Auseinandersetzung mit der Tradition der Renaissance, in der das Motiv des „Kleinen gegen das Große“ stets eine zentrale Rolle spielte.
Christian Schad und die Androgynität des Stars
Ein besonderes Highlight ist das Gemälde „Alain“ von Christian Schad. Der Künstler porträtiert den Schauspieler Alain Delon als David, der über einem abgeschlagenen Goliath thront, welcher erstaunlicherweise die Züge Delons selbst trägt. Schad spielt hierbei geschickt mit den Geschlechterrollen:
* **Androgynität:** Die weichen Gesichtszüge, der Lidstrich und die betonte Brustpartie verleihen dem Dargestellten eine fast weibliche Aura.
* **Sexualisierung:** Die breitbeinige Haltung und die bewusste Betonung körperlicher Merkmale brechen mit klassischen Heldenbildern.
* **Persönlicher Bezug:** Für Gunther Jaegers ist der Erwerb dieses Werks auch eine späte Genugtuung, da seine Familie in der Vergangenheit die Chance verpasste, bedeutende Schad-Werke zu erwerben.
Soziale Enge und malerische Experimente
Die Ausstellung beschränkt sich jedoch nicht auf historische oder filmische Referenzen. Die drei Werke von Xenia Hausner, darunter „Cage People“ (2014), thematisieren soziale Eingepferchtheit. Die klaustrophobischen Kompositionen wirken wie experimentelle Anordnungen, in denen Menschen auf engstem Raum gefangen sind. Die schrillen, manieristischen Farben verstärken den Eindruck von Distanznahme und wachsendem Misstrauen innerhalb der Zweckgemeinschaften.
Ergänzt wird das Spektrum durch experimentelle Ansätze:
* **Jiří Dokoupils „Bubble Painting“:** Hier wird der Zufall durch zerplatzende, farbgefüllte Seifenblasen zum künstlerischen Werkzeug.
* **Ursula Kreutz:** Sie spielt mit der Wahrnehmung, indem sie Statuenköpfe durch Gaze-Schichten hindurchscheinen lässt.
* **Martha Jungwirth:** Ihre abstrakten, rhythmisierten Pinselgesten halten den Entstehungsprozess und die Flüchtigkeit von Gedanken lebendig.
Ein Blick auf die Zeitgenossen
Abgerundet wird die heterogene Kollektion durch den Siebdruck „Black Dress 2 (Cecily)“ von Alex Katz, der durch die Überlagerung von 24 Farben eine besondere visuelle Tiefe erreicht. Zudem bietet ein Kabinett mit Karikaturen von Greser & Lenz eine pointierte, malerisch starke Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Themen. Die Ausstellung „Vertraute Gesten“ ist noch bis zum 25. Oktober in der Kunsthalle Jesuitenkirche zu sehen; ein begleitender Katalog ist in Vorbereitung.