Ein historischer Meilenstein für München
Vor genau zwei Jahrhunderten, am 8. Juli 1826, erreichte eine bedeutende Sammlung antiker Kunstwerke die bayerische Landeshauptstadt. Die sogenannte Sammlung Lipona, benannt nach dem Anagramm von „Napoli“, bildete den Grundstock für das, was heute den Weltruf der Staatlichen Antikensammlungen in München ausmacht. Eine aktuelle Sonderausstellung beleuchtet nun die Hintergründe dieses Ankaufs und die faszinierende Geschichte hinter den Exponaten.
Die Sammlung geht auf Caroline Murat zurück, die jüngste Schwester Napoleons und Ehefrau des neapolitanischen Königs Joachim Murat. Während ihrer Zeit in Neapel baute die als Stilikone geltende Frau eine beeindruckende Wunderkammer mit über 2.200 antiken Objekten auf. Nach dem politischen Umbruch und dem Verlust ihres Königreichs im Jahr 1815 sah sie sich gezwungen, Teile ihres Bestandes zu veräußern. Der bayerische Kronprinz und spätere König Ludwig I., ein glühender Verehrer antiker Kunst, ergriff die Gelegenheit und erwarb durch Vermittlung von Leo von Klenze 447 Exponate aus ihrem Besitz.
Von der Privatschatulle in die Öffentlichkeit
Der Ankauf der Sammlung Lipona war ein finanzieller Kraftakt. Ludwig I. zahlte 280.000 Franc aus seiner privaten Kasse – eine Summe, die nach heutigen Maßstäben einem zweistelligen Millionenbetrag entspricht. Dieser Erwerb war jedoch nur der Auftakt einer intensiven Sammelleidenschaft, die München in den folgenden Jahren zu einem Zentrum der Antikenbegeisterung machte. Neben Klenze spielte auch Johann Martin von Wagner eine entscheidende Rolle bei der Erweiterung der Bestände, etwa durch den Ankauf der Sammlung Candelori.
Die Präsentation der Stücke wandelte sich im Laufe der Zeit. Während die Vasen ab 1841 in der Alten Pinakothek noch dicht gedrängt auf Tischen ausgestellt wurden, um als Vorbild für die europäische Malerei zu dienen, bietet die heutige Ausstellung einen wissenschaftlich fundierten Blick auf die Objektbiographien. Ein begleitendes Forschungsprojekt nutzt moderne Methoden wie Röntgenuntersuchungen, um die Herkunft und Geschichte der Funde präzise zu dokumentieren.
Ein Museum im Spannungsfeld der Zeit
Die aktuelle Ausstellung „Sammeln mit Stil. Caroline Murat, Ludwig I. und die Antike“ findet in einem Gebäude statt, das selbst Geschichte atmet, aber auch vor großen Herausforderungen steht. Der Sanierungsbedarf der Staatlichen Antikensammlungen ist seit Jahren bekannt. Mit veralteter Elektrotechnik, einem undichten Dach und sommerlichen Überhitzungsproblemen kämpft das Haus mit infrastrukturellen Defiziten.
Sammlungsleiter Florian Knauß beziffert die notwendigen Renovierungskosten auf rund 64 Millionen Euro. Im Vergleich zu anderen Großprojekten des Freistaats Bayern, wie der Sanierung der Staatsoper oder dem geplanten Konzerthaus im Werksviertel, rangiert das Museum auf der Prioritätenliste der Kulturpolitik derzeit nicht an vorderster Stelle. Dies steht in einem deutlichen Kontrast zur intensiven Nutzung des umliegenden Königsplatzes für Großveranstaltungen, die den Ort regelmäßig in eine Event-Kulisse verwandeln.
Würdigung privater Sammlertätigkeit
Ein zentraler Aspekt der Ausstellung ist die Einordnung des Sammelns als kulturelle Leistung. Die Schau schlägt eine Brücke von den fürstlichen Sammlern des 19. Jahrhunderts zu modernen privaten Förderern. Anhand von sieben exemplarischen Biographien – darunter Persönlichkeiten wie James Loeb oder Paul Arndt – wird verdeutlicht, welchen Stellenwert Schenkungen und Dauerleihgaben für den Fortbestand und das Wachstum der Sammlung haben. Florian Knauß betont dabei die Leidenschaft, die private Sammler antreiben kann, und stellt sie in eine Reihe mit den historischen Vorbildern.
Die Ausstellung ist noch bis zum 17. Januar 2027 in den Staatlichen Antikensammlungen zu sehen. Sie bietet nicht nur einen Einblick in die Welt der Caroline Murat, sondern lädt auch dazu ein, über den Wert und die Bewahrung dieses kulturellen Erbes nachzudenken.