Ein vergessenes Meisterwerk auf der großen Bühne
Die Salzburger Festspiele widmen sich in dieser Saison einem Werk, das lange Zeit ein Schattendasein im Opernrepertoire führte: Wolfgang Amadeus Mozarts „Lucio Silla“ (KV 135). Entstanden im Jahr 1772 für das Mailänder Publikum, zeugt die Oper von der außergewöhnlichen Reife des damals noch nicht einmal siebzehnjährigen Komponisten. Unter der musikalischen Leitung von Ádám Fischer und in einer halbszenischen Einrichtung von Birgit Kajtna-Wönig wurde das Stück nun als lebendiges, emotional tiefgreifendes Drama präsentiert.
Musikalische Struktur und dramaturgische Kniffe
Die Herausforderung bei der Aufführung von „Lucio Silla“ liegt in seiner historischen Form. Mozart komponierte die Oper in einer Zeit, in der Rezitative die Handlung vorantrieben, während die Arien als emotionale Ankerpunkte dienten. Diese zweiteilige Struktur entspricht nicht den modernen Hörgewohnheiten, was laut Dirigent Ádám Fischer der Hauptgrund für das Verschwinden des Werkes von den Spielplänen ist.
Um die Essenz der Oper für das heutige Publikum erfahrbar zu machen, wählte Fischer einen pragmatischen Ansatz. Anstatt auf eine rein philologische Rekonstruktion zu setzen, wurden lange Rezitative gestrafft und einzelne Nummern gestrichen. Das Ergebnis ist eine rund zweieinhalb Stunden dauernde Aufführung, die das Mozarteumorchester mit einer hellwachen, frischen und dramatisch zugespitzten Interpretation zum Leben erweckt. Die Inszenierung wird dabei durch Projektionen auf die historischen Arkaden der Felsenreitschule unterstützt, die den komplexen Handlungsstrang visuell strukturieren.
Zwischen Machtpolitik und menschlichem Leid
Die Handlung der Oper führt in das alte Rom und thematisiert den Konflikt zwischen dem Diktator Lucio Silla und seinen Untertanen. Silla begehrt Giunia, die Tochter seines politischen Gegners, während diese dem verbannten Cecilio die Treue hält. Die Geschichte ist geprägt von Verrat, Eifersucht und einem letztlich großmütigen Ende, bei dem der Diktator auf seine Macht verzichtet.
Besonders bemerkenswert ist, wie Mozart diese psychologischen Zustände musikalisch übersetzt:
* **Giunia:** Nina Solodovnikova verkörpert die seelisch zerrissene Protagonistin. In ihrer Arie „Dalla sponda tenebrosa“ gelingt es ihr, die Schatten der Vergangenheit spürbar zu machen. Besonders eindrucksvoll ist die Darstellung ihres psychischen Ausnahmezustands im zweiten Akt, wo sie in hastigen Motiven und virtuosen Koloraturen ihre Verzweiflung ausdrückt.
* **Cecilio:** Xenia Puskarz Thomas nutzt die anspruchsvollen Intervallsprünge der Partie nicht als bloße technische Zurschaustellung, sondern als direkten Ausdruck der Freude über ein Wiedersehen.
* **Celia und Cinna:** Lilit Davtyan überzeugt mit einem klaren Sopran, während Martina Russomanno durch kraftvolle Akzente die moralische Gegenposition zum Diktator betont.
Ein Blick auf die historische Einordnung
Der Erfolg von „Lucio Silla“ in Mailand war für den jungen Mozart zwar bedeutend, doch blieb es paradoxerweise sein letzter italienischer Opernauftrag. Die Salzburger Aufführung unterstreicht, dass das Werk weit mehr ist als eine Fingerübung eines Genies. Es ist ein tiefgründiges Psychogramm, das durch die Besetzung mit jungen, stimmlich frischen Sängern eine besondere Dynamik gewinnt. Auch wenn die Titelpartie durch Giovanni Sala aufgrund einer kurzfristigen Umbesetzung eher zurückhaltend interpretiert wurde, fügte sich dies in das Gesamtbild einer Produktion, die weniger auf pompöse Effekte als auf die emotionale Wahrheit der Musik setzt.
Die Entscheidung der Festspiele, dieses frühe Meisterwerk in den Fokus zu rücken, zeigt den wachsenden Wunsch, das Repertoire abseits der bekannten Klassiker zu erweitern. Für das Publikum bot die Aufführung eine seltene Gelegenheit, die kompositorische Entwicklung Mozarts in einer Umgebung zu erleben, die den dramatischen Charakter des Werkes durch die räumliche Nähe zwischen Sängern und Orchester unterstrich.